10. Dezember 2010
Kiffen, Kind und Karriere

Kiffen, Kind und Karriere

Sie ist Ehefrau, Mutter, erfolgreich im Job. Und: Sie kifft. Marihuana als neue Lifestyle-Droge unter Stressgeplagten? Das Geständnis einer Frau, die alles kann – außer abschalten und entspannen.

© Photo by Tobias Tullius on Unsplash

Hören Sie auf zu suchen. Sie werden hier keine Autorenzeile finden. Nicht, weil ich mich dafür schäme, was ich nach Feierabend mache, sobald ich gekocht, gegessen und meine Tochter ins Bett gebracht habe. Aber meine Schwiegermutter und mein Versicherungsmakler wären sicher nicht die Einzigen, die auch nach dem Lesen dieser Zeilen kein Verständnis dafür haben würden, dass ich Pilates gegen Pot getauscht habe und mir nach einem harten Tag in der Kanzlei zur Entspannung einen Joint anzünde. Sicher, ich könnte Studien über den medizinischen Nutzen von Marihuana zitieren. Und mir anhören: „So ein Blödsinn. Du bist gesund, du kiffst nicht, um Schmerzen zu bekämpfen, sondern weil du gern high bist.“ Und ich werde als verantwortungslos abgestempelt. Als jemand, von dem man sich, so er nicht bekehrt werden kann, besser distanziert.

Kiffen, Kind und Karriere, das passt eben für viele nicht zusammen. Auch ich habe so gedacht. Heute weiß ich es besser, denn ich bin ein „High“-Potenzial. Ich zähle zur sogenannten „Sex and the City“- Generation von Businessfrauen, die ohne Bedauern von sich behaupten, Workaholic zu sein. Ja, ich habe eine 60- Stunden-Woche und bereue keine Minute davon. Weil mich das dorthin gebracht hat, wo andere hinwollen – ganz nach oben in einem Job, den ich liebe. Und trotzdem habe ich nette Freunde, ein befriedigendes Liebesleben, Biokost im Kühlschrank und eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, die nicht nur ein guter Vorsatz ist. Kurz: Ich lebe nicht nur für die Arbeit, ich lebe auch ein soziales Leben. Nur, wie die meisten meiner Spezies, habe ich ein klitzekleines Problem: Wir mögen zwar fast alles können – Relaxen aber gehört nicht dazu. Denn wenn man so hoch fliegt, kommt man nur schwer wieder runter. Daher ziehe ich mir die Entspannung rein. Eine Tüte, drei Züge, fünf Minuten – und der Kopf schweigt. Wie sonst nur nach fünf Stunden Yoga. Wer hat dafür schon Zeit?

Bei jedem zweiten meiner Freunde und Kollegen steht eine Bong in der Vitrine – und das nicht aus Nostalgiegründen (die wilden Jugendjahre!) oder zur Zierde. Ich wette, viele Raumpflegerinnen könnten auch bestätigen, dass sie in den Lofts von (mit) mir bekannten Anwälten, Ärztinnen, Bankern, Werbern, TV-Produzentinnen oder Versicherungsmaklern auf dem Couchtisch um Paper und Filter herumputzen. Nun könnte man sagen, ich umgebe mich mit den falschen Leuten. Doch wo gibt es noch „richtige“?

Cannabis-Konsum ist in den Chefetagen heute fast so verbreitet wie einst in Hippie-Kommunen, auch unter weiblichen Führungskräften. Chikii.com, eine US-Karriereplattform für Frauen, hat kürzlich Userinnen befragt, wie oft sie Marihuana rauchen. Weit über die Hälfte tut es mehr als zehnmal pro Jahr, fast 30 Prozent tun es täglich. Jede Fünfte der Befragten gehörte zu den Bestverdienerinnen. Mit einem Haushaltseinkommen von über 75.000 US-Dollar pro Jahr. Ich für meinen Teil jongliere täglich mit Budgets, die – falsch investiert – das Aus für die Firma oder die Entlassung von Mitarbeitern bedeuten könnten. Mittlerweile genieße ich solche Herausforderungen, fühle mich ihnen voll und ganz gewachsen. Doch es gab andere Zeiten. Zeiten, in denen mich die enorme Verantwortung gestresst hat. So sehr, dass ich unter massiven Schlafstörungen litt, gepaart mit innerer Unruhe und Appetitlosigkeit. Anfangs schaffte ich es noch, mich zu Hause nach Büroschluss mit zwei, drei Gläsern Rotwein zu „sedieren“ und dann mein Sushi und ein Valium runterzuwürgen. Ich habe diese „Entspannungsmethode“ nicht erfunden, sie ist weiter verbreitet, als man denkt. Und offenbar auch gesellschaftlich toleriert – Ärzte verschreiben schnell Beruhigungs- oder Schlaftabletten, damit man wieder leistungsfähig ist. Irgendwann halfen der Barolo und das Valium auch nicht mehr. Unzählige Male lag ich morgens um vier hellwach neben meinem Mann, um Probleme zu wälzen.

Dass meinem Chef irgendwann nicht mehr nur meine Augenringe auffallen würden, sondern auch erste kleine Fehler in meiner Arbeit, war mir klar. Das hat den Druck derart verstärkt, dass ich Panikattacken bekam. Mein Name stand auf jeder wichtigen Gästeliste, man buchte mich für Vorträge, wollte mich auf Geschäftsreisen quer durch die Welt schicken – doch ich habe es manchmal tagelang kaum vor die Tür geschafft. Mein Hausarzt diagnostizierte eine „generalisierte Angststörung“ und verschrieb mir Psychopharmaka. Für ein paar Monate haben die getan, was sie tun sollten: Sie ließen mich funktionieren. Abzuschalten und nachts endlich wieder Energie zu tanken, dabei halfen sie allerdings nicht. Ich grübelte weiterhin konnte aber vor Erschöpfung kaum klar denken. Als ich es zum dritten Mal nicht hinbekam, meine Fünfjährige rechtzeitig vom Kindergarten abzuholen, habe ich die Tabletten abgesetzt. Ein paar Wochen später schenkte mir eine Freundin zum Geburtstag einen Joint. „Zur Feier des Tages“, sagte sie grinsend. Und nahm mich dann zur Seite. Geradezu verschwörerisch flüsterte sie mir zu: „Rauch ihn! Es gibt nichts Besseres, um zu entspannen und das Gedankenkarussell mal anzuhalten. Bei mir in der Agentur machen das alle.“ Es war nicht die erste Tüte in meinem Leben, als Teenager habe ich mal einen Joint probiert. War damals nicht meins. Aber jetzt? Meine Freundin hatte recht: Ein paar tiefe Züge und ich stand meilenweit über jenen Dingen, die mich gerade noch zu erdrücken schienen. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal wieder durch und fühlte mich am nächsten Morgen so fit wie nach einem 14-tägigen Urlaub.

Seitdem rauche ich ein-, zweimal in der Woche Marihuana. Meistens, wenn es in der Arbeit wieder hoch herging. Ich brauche das Zeug nicht, um durch meinen Tag zu kommen. Ich sitze nicht high im Büro. Aber abends lege ich gern die Füße hoch und blase genüsslich den süßlichen Rauch aus. Mein Liebster weiß von dem Ganzen. Er nimmt selbst gern einen Zug. Der Joint bringt uns herunter auf eine gemeinsame Ebene, auf der wir uns begegnen können. Wir machen uns keine Gedanken mehr, wer was über uns denken könnte. Wir sorgen uns nicht darum, was der nächste Tag bringt. Wir genießen es einfach, zu zweit unseren Feierabend zu verbringen, uns auf der Couch zusammenzukuscheln. Der Frust über entscheidungsschwache Chefs und nörgelnde Klienten, den wir sonst so oft aneinander ausgelassen haben, bleibt schlicht draußen. Weil er jetzt endlich das sein kann, was er eigentlich ist: unwichtig.

Eines jedoch ist mir wichtig: Ich habe mit dieser Erzählung lediglich meinen Weg beschrieben. Mein „Geständnis“ soll kein Plädoyer für den Konsum von Pot sein. Ob Kiffen süchtig macht oder nicht, darüber sind sich auch Experten immer noch nicht einig. Dass es in einigen Fällen böse Folgen haben kann – von Lungenkrebs bis zur Psychose – ist weitgehend unbestritten. Jeder muss selbst für sich entscheiden, ob er diese Risiken tragen möchte. Ich habe sie gegen sehr viel wahrscheinlichere Schreckensszenarien wie Herzinfarkt und Burn-out- Syndrom abgewogen. Ich bin nicht stolz darauf, dass mir ein heißes Bad nicht reicht, um zu relaxen. Aber ich schäme mich auch nicht dafür, dass ich lieber Gras rauche, als mich mit Schlafmitteln, Psychopharmaka oder Alkohol runterzufahren. Im Moment sehe ich es so: Ich tue etwas, das mir hilft. Was soll daran falsch sein. Und das ist eine Feststellung, keine Frage.

Bitte Ruhe bewahren!
Die Anspannung wegkiffen? Nee, danke. Zum Glück geht’s auch anders! Stresscoach Doris Kirch über Entspannungsstrategien, mit denen Sie völlig legal runterkommen

  1. Saubere Sache
    Wischen Sie dem Stress eins aus! Im Job geht’s täglich darum, sich anzupassen, Neues zu lernen, Dinge im Nu zu erledigen – das erzeugt (Leistungs-)Druck. Abends auf dem Sofa dann denken wir an Liegengebliebenes oder ans nächste Meeting statt zu entspannen. Wie man die Grübelei abstellt? Mit Hausarbeit! „Routineaufgaben, bei denen die Hände im Einsatz sind und man nicht denken muss, schaffen Ruhe und Ordnung im Kopf“, so Doris Kirch. „Und hinterher kann man sich an den sichtbaren Erfolgen erfreuen.“

  2. Mit deutlichen Worten
    Reden Sie Klartext! Sie wissen, dass Sie einen harten Tag haben – die anderen ahnen es erst, wenn Sie, sorry, rumpampen… „Ein großer Teil des Alltagsstresses entsteht durch die Art, wie wir miteinander sprechen“, betont Kirch. Und oft sind wir dann unüberlegt, ungehalten, ungenau. Deswegen: Machen Sie klare und gern auch direkte Ansagen, in welcher Situation Sie sich gerade befinden – damit Ihr Gegenüber Sie versteht. Schließlich ist er ja (zum Glück) kein Hellseher.

  3. Alles im Fluss
    Greifen Sie zur Flasche! Aber bitte nicht zu Alkohol, sondern zu Wasser, am besten ohne Kohlensäure. Da unser Körper zu zwei Dritteln aus H2O besteht, wirkt sich die Flüssigkeitszufuhr maßgeblich auf den Organismus aus. „Das Trinken von Wasser bringt gestaute Gedanken und Gefühle wieder ins Fließen und löst die körperliche Stress-Starre“, erklärt die Expertin. Kaum zu glauben? Machen Sie den Test! Genehmigen Sie sich ein großes Glas, sobald es im Büro anstrengend wird, und beobachten Sie, wie es Ihnen von Schluck zu Schluck besser geht.

  4. Kurztripp ins Ich
    Gehen Sie mit Bedacht ran! Achtsamkeit ist das, was Sie stark und stressresistent(er) macht. „Es kommt darauf an, bei dem, was man gerade tut, voll und ganz präsent zu sein – und sich nicht in Gedanken über dieses und jenes zu verlieren“, weiß Doris Kirch. Nutzen Sie daher alltägliche Tätigkeiten wie Zähneputzen oder Kaffeekochen, um sich zu fokussieren und den Geist zu beruhigen. Je häufiger Sie diese Form der Meditation trainieren, umso schneller gelangen Sie zu innerer Stabilität. Die wiederum hilft Ihnen, mit Belastungen gelassener umzugehen und Ihren Energiehaushalt zu schonen.

  5. Schnelle Rettung (naht)
    Reagieren Sie sofort, wenn’s brenzlig wird! Für akute Stresssituationen empfiehlt Doris Kirch das Vierpunkteprogramm: 1. Visualisieren Sie vor Ihrem inneren Auge ein Stoppschild, das signalisiert: Achtung, Ausnahmezustand! 2. Atmen Sie mehrmals tief ein und aus, damit Ihre Emotionen nicht die Oberhand gewinnen und Sie die Fassung verlieren. Schließlich wollen Sie nichts sagen oder tun, was Sie später bereuen. 3. Ziehen Sie sich aus der Affäre. Egal, ob Sie mit einem Kollegen oder Ihrem Partner im Clinch liegen, geben Sie offen zu, dass Sie überrascht sind und Zeit zum Nachdenken brauchen. Die Angelegenheit klären Sie zu einem späteren Zeitpunkt in aller Ruhe. 4. Sorgen Sie für Bewegung. Das lässt Sie den Schock überwinden und außerdem wieder klar denken – ein strammer Spaziergang wirkt manchmal Wunder!

  6. Nachhaltigkeit macht’s
    Finden Sie Ihren All-time-favorite! Um gar nicht erst in die berühmt-berüchtigte Stressspirale hineingezogen zu werden, bedarf es einer dauerhaften Relaxstrategie. Die einen schwören auf Yoga, die anderen auf autogenes Training – probieren Sie aus, was am besten zu Ihnen passt! Und zwar dann, wenn Ihr Terminkalender nicht aus allen Nähten platzt, so Kirch: „In ruhigen Zeiten hat man die Motivation und Kraft, sich mit neuen Themen zu beschäftigen und Neues zu lernen.“ Und wenn Sie erst mal eine Meisterin der Entspannung sind, wirft Sie so schnell nichts mehr aus der Bahn.
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