1. Mai 2012
Guter Sex! Sofort!

Guter Sex! Sofort!

Ab 40, so heißt es, haben Frauen den besseren Sex. Birgit Querengäßer, 30, sieht nicht ein, warum sie noch zehn Jahre auf den Supersex warten soll. Das muss man doch schon früher hinkriegen … Die beste Zeit für Sex? Jetzt!

© iStock

Frauen ab 40 beneiden? Auf gar keinen Fall!

Bisher war ich nicht auf die Idee gekommen, 40-jährige Frauen zu beneiden. Worum auch? Es konnte ihnen wohl kaum besser gehen als mir. Wo immer man als Frau Ende 20, Anfang 30 hinkommt, es wird einem der rote Teppich ausgerollt. Männer öffnen die Tür, sie tragen die Taschen, manchmal bekommt Frau Getränke umsonst, und der Gemüsemann steckt augenzwinkernd ein paar Extrakirschen in die Tüte. It’s a man’s world, und die fruchtbare Frau ist der Ehrengast. „Ah, Sie ovulieren? Bitte hier entlang in den VIP-Bereich.“

Krähenfüße und graue Strähnchen im Haar sowie das Tragen vernünftiger Schuhe bereiten dem privilegierten Leben der Frauen dann irgendwann ein Ende. Nach meiner Vorstellung dürften sich die Jahre zwischen Mitte 30 und Ende 40 ungefähr so anfühlen wie ein Umzug vom New Yorker Penthouse in die Slums von Mumbai. Mir bleiben demnach noch zehn Jahre (maximal 15, mit Sport und einer guten Augencreme), bis auch ich unsichtbar werde. Und die Frauen, die es jetzt schon sind, tun mir leid.

Frauen ab 40 haben den besseren Sex

„ICH WOLLTE BEIM SEX IMMER NUR MEINEM PARTNER GEFALLEN, STATT MICH EINMAL ZU FRAGEN, WAS MIR DENN GEFÄLLT“

Oder besser: taten. Denn vor Kurzem las ich eine Meldung, die mich meine Sicht der Dinge ganz kräftig überdenken ließ: „Das britische Magazin ‚Health Plus‘ befragte 2000 Frauen zu ihrem Sexualleben. Das Ergebnis: 77 Prozent der Frauen sagten aus, in den 40ern den besten Sex ihres Lebens zu haben.“ Ich stutzte. Moment mal. Wen interessieren Gratiskirschen, wenn man beim Sex erstklassige Orgasmen haben kann? Falten hin oder her: Ich wollte schnellstens 40 sein; keine Lust, mich noch zehn Jahre lang mit Geschlechtsverkehr zweiter Klasse zufriedenzugeben. Ich will Supersex, und zwar sofort! In Ermangelung einer Zeitmaschine griff ich zum Telefon. Wenn ich schon nicht selbst die Zeit vorspulen kann, dachte ich, sollen mir eben meine Bekannten jenseits der 40 erzählen, was sie im Bett anders machen. Der Sex-Plan: learning by listening – von Frauen, die wissen, was sie wollen.

Wie verändert sich das Sexleben mit dem Alter?

Sandra ist 48 und alles andere als unsichtbar. Als ich sie das erste Mal traf, trug sie ein tief ausgeschnittenes Top mit schwarzen Bändern, die sich über ihrem Dekolleté spannten. Es war Arbeitskleidung, denn Sandra betreibt in Frankfurt am Main einen, äh, Spielzeugladen für Frauen namens InsideHer. Unvorstellbar, dass sie in ihrem Leben auch nur ein einziges Bett unbefriedigt verlassen hat. Meine Frage ist also mehr eine Formalie: „Wie hat sich dein Sexleben verändert?“ Sandra: „Ich täusche beim Sex jetzt keine Orgasmen mehr vor.“ „Wie bitte?“ „Ja. Früher habe ich das getan. Mein Problem mit jedem Mann war: Alles, was ich wollte, war, meinem Partner beim Sex zu gefallen. Anstatt mal herauszufinden, was eigentlich mir selbst gefällt.“ Damit, erzählte Sandra, habe sie eigentlich erst in ihren späten 30ern angefangen. Und dann verging noch viel Zeit, bis sie ihre Wünsche vor einem Mann endlich aussprechen konnte. „Sexualität, wie sie mir selbst gefällt, habe ich erst seit ein paar Jahren.“

Guter Sex? Jetzt!

Einer Umfrage des Magazins „Top Santé“ nach sind Frauen ab 40 nicht nur experimentierfreudiger im Bett, sie trauen sich auch, einem Mann zu sagen, was sie beim Sex anmacht – während Frauen unter 30, bevor sie Kritik üben müssen, lieber so tun, als sei alles paletti. „Ich habe gelernt: Wenn ich was will, muss ich es meinem Mann sagen. Vor allem beim Sex! Und wenn ich was nicht will, muss ich’s auch sagen.“ Sandra glaubt, das kann man auch schon mit 30 lernen, und rät: „Tu nichts, worauf du keine Lust hast.“ Klingt einleuchtend. Notiz an mich selbst: nie wieder aus Höflichkeit an etwas lecken, das man eigentlich lieber ungeleckt gelassen hätte.

Gelassenheit kann man nicht erzwingen

Sexuelle Entfaltung im Alter

Interessant ist, dass es ausgerechnet das fünfte Lebensjahrzehnt ist, in dem wir Frauen uns sexuell entfalten. Ihr Körper war vor 20 Jahren eindeutig besser in Schuss, trotzdem fühlt sich die Frau ab 40 wohler. Dicke Oberschenkel, was soll’s. In diesem Lebensabschnitt setzt bei vielen Frauen die Menopause ein. Im Gegensatz zum Östrogenspiegel sinkt der Testosteronspiegel nicht ab und ist somit verhältnismäßig hoch. Und Testosteron verwandelt bekanntlich jedes Lebewesen in einen Zuchtbullen.

Hinzu kommt: Die Lust der Frau wird in dieser Phase von der Fortpflanzung entkoppelt. „Nicht mehr verhüten zu müssen bedeutet für viele Frauen eine sexuelle Befreiung“, erklärt die Sexual- und Psychotherapeutin Brigitte Moshammer-Peter. Sie will die Legende von der Ü40-Nymphomanin allerdings so nicht stehen lassen: „Ja, es gibt diese Frauen, die in dem Alter anfangen, ihre Sexualität selbstbewusster auszuleben. Aber es gibt auch genau das Gegenteil: frustrierte Frauen, die ihr Sexualleben gänzlich aufgegeben haben. Das hält sich ungefähr die Waage.“ Das passt zu den Ergebnissen des umfangreichen amerikanischen Reports „Sexwende“ von 1994: Nur rund die Hälfte der Frauen über 40 hatten damals überhaupt noch ein Sexleben.

Seitdem hat sich allerdings viel getan. Die Bedeutung der Figur der Samantha Jones aus „Sex and the City“ kann da kaum überbewertet werden. Tendenz: Frauen werden unverkrampfter beim Sex, erstens mit dem Alter, zweitens mit der Entwicklung unserer Gesellschaft. „Mädchen sind heute offener. Die Generation der Frauen, die heute in den 40ern sind, musste erst einmal herausfinden: Was darf ich überhaupt gut finden?“, sagt Birgit Schlieper, Autorin des Buchs „Zone 40. Frauen werden nicht älter. Frauen werden gelassener“ (Knaur, 8,99 Euro). Frauen über 40 verlassen sich laut Schlieper heute eher auf ihre innere Stimme, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, was andere von ihnen erwarten: „Sagt euch ‚Ich bin schön‘, anstatt euch nur auf eure Problemzonen zu konzentrieren. Und bereut nichts. Jüngere Frauen fragen sich am nächsten Morgen oft: ‚Oh Gott, was habe ich getan?‘“ Was ältere Frauen können: gleich Nein sagen, wenn ihnen was nicht gefällt. „Frauen ab 40 haben die Erfahrung gemacht, dass es okay ist, zu sagen, was man will oder eben nicht will.“ Erschlafftes Bindegewebe hin oder her – Frauen in der gehobenen Altersklasse üben immer noch einen Reiz auf das andere Geschlecht aus. Und zwar nicht nur auf gleichaltrige Männer. Gerade die jungen Männer wissen meist genau das an ihrer älteren Freundin zu schätzen: dass sie weiß, was sie will.Es klingt so einfach, das Rezept für ein besseres Sexleben. Aber ich habe den Verdacht, dass es auch der Reife einer 40-jährigen Frau bedarf, all diese Ratschläge wirklich zu verinnerlichen und umzusetzen.

Das Ding mit der biologischen Uhr

Gelassenheit kann man doch nicht erzwingen. Und vielleicht kann ich momentan auch gar nicht anders, als im Bett die Mutter Teresa zu spielen: Forscher vermuten, dass auch die Hormonzusammensetzung im Körper einer jungen Frau selbstloses Verhalten begünstigt. Schließlich soll man sich um die Familie(nplanung) kümmern, nicht um seinen Orgasmus. Egoistisch werden darf man beim Sex offenbar erst, wenn die biologische Uhr von „Kinder machen“ auf „Kinder sind aus dem Haus“ umschaltet. „Der Körper der Frau“, sagt die Psycho- und Sexualtherapeutin Ingrid Slupetzky dazu, „ist ein hochkomplexes System. Alles braucht seine Zeit. Eine Rose blüht auch nicht in zwei Sekunden.“ Es könnte also noch ein paar Jahre dauern, bis ich so zufrieden mit meinem Sexleben bin wie Sandra. Wenn ich Glück habe, vielleicht weniger als zehn. Und wenn ich kein Glück habe, tja, dann habe ich jetzt wenigstens etwas, auf das ich mich zehn Jahre freuen kann.

Sex-Tipps für Frauen über 40

5 Sexkiller in Jungen Jahren – das macht Sex mit 20 so nervig

1. DER PARTNER 20-jährige Frauen gehen häufig mit 20-jährigen Männern ins Bett. Ein Fehler. Doppelte Planlosigkeit beim Sex ist leider nicht geteilte Planlosigkeit, sondern bleibt doppelte Planlosigkeit.

2. UNWISSEN Man hat ja selbst überhaupt noch keine Ahnung von seinem Körper – und vom Sex. Und von Männern. Wie soll man es jemandem anders beibringen?

3. SCHAM Obwohl der Körper, aus gealterter Sicht betrachtet, dem eines Katalogmodels gleicht, verbringt man trotzdem die meiste Zeit damit, den Busen/Po/Bauch zu verstecken. Sex bei Kerzenschein? Viel zu hell!

4. SPRACHLOSIGKEIT „Ich möchte nicht.“ „Au ja, das ist gut!“ „Mach doch noch mal das mit der Hand!“ Die einfachsten Sätze kommen einem beim Sex und vor einem Mann einfach nicht über die Lippen. Lieber bleibt man unbefriedigt.

5. DER DRANG ZU GEFALLEN Nein sagen, keinen Orgasmus haben, sich weigern, bei unangenehmen Sexspielchen mitzumachen – alles viel zu riskant. Lieber spielt man dem Partner das perfekte Liebesleben einfach vor.

Die 5 besten Tipps für Sex über 40 – was wir jetzt richtig machen

1. Spielt dem Partner nichts vor!

2. Findet heraus, was euch gefällt – und was euch nicht gefällt! (Habt ihr schon einmal Analsex in Erwägung gezogen?)

3. Lasst es euren Partner wissen!

4. Steht zu euch, insbesondere zu eurem Körper und euren Wünschen!

5. Bereut nichts! Besser von vornherein Nein sagen. Wenn ihr etwas tut, dann, weil es sich in diesem Moment richtig anfühlt.

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