11. Januar 2013
Die neuen Erotiktrends

Die neuen Erotiktrends

Gestern lesbische Abenteuer, heute Soft-Sadomaso: Was in unseren Betten passiert, ist (auch) eine Frage der Mode. Wie gesellschaftliche Trends unsere Fantasie beflügeln – und warum wir trotzdem unserem persönlichen Erotik-Stil treu bleiben...

Die neuen Erotik-Trends
© Thinkstock/ Hemera
Die neuen Erotik-Trends

Beerentöne, Pastellfarben, Neon – alles Mode für Angezogene. Wenn’s ums Ausziehen geht, ist die aktuelle Trendfarbe Schwarz: schwarzer Lack und schwarzes Leder, kombiniert mit neunschwänziger Peitsche und Gesichtsmaske. In nur wenigen Wochen verkaufte sich der erste Band der „Shades of Grey“-Romantrilogie allein in Deutschland 1,2 Millionen Mal – mit Folgen für das, was in unseren Betten passiert. Denn was für die einen nur eine heiße Fantasie ist, nehmen andere als konkrete Spielanleitung: Erotik-Versender melden ein Umsatzplus bei einschlägigen Artikeln, Bondage-Workshops boomen. Wer hip ist, haut sich.

fussfetisch
© Mark Leibowitz-Masterfile/Corbis
Fußfetisch – wenn Füße zum Lustobjekt werden: Was genau ist eigentlich mit einem Fußfetisch gemeint? Wir erklären sachlich, was hinter dem Begriff steckt.

Sex ist nicht gleich Sex

Das ist aufregend und sexy, das bietet Stoff für heiße Diskussionen (sehnen sich starke Frauen insgeheim nach Unterwerfung?), aber eines ist es nicht: neu. Schon einmal in den 90er-Jahren zierten Leder-Ladys die Titelseiten von Szenemagazinen, saßen Pärchen in quietschenden Anzügen in Late-Night-Talkshows. SM ist so etwas wie die Schlaghose unter den Sexpraktiken: kommt immer wieder, fällt auf, steht aber nicht jedem. Vielleicht sind Trends im Liebesleben ein bisschen langlebiger als im Kleiderschrank, aber einem ähnlichen Rhythmus unterworfen: mal futuristisch, mal Retro, mal neu kombiniert.

Häufig sind es Bücher oder Filme, die unserem gemeinsamen Begehren ein Ventil bieten. Die aufgreifen, wovon unsere Fantasien handeln, die Bilder und eine Sprache dafür finden – und schließlich einen Einfluss darauf haben, was passiert, wenn’s zur Sache geht. In den 70er-Jahren lasen Millionen von Frauen Erica Jongs Roman „Angst vorm Fliegen“, träumten von hemmungslosem Gruppensex oder vom legendären „Spontanfick“ mit dem attraktiven Fremden – ohne moralische Bedenken und späteres Heiratsversprechen. In den 80ern zeigten Kim Basinger und Mickey Rourke in „9 1⁄2 Wochen“, was zwei erwachsene Menschen mit dem Inhalt eines Gemüsefachs anfangen können und wie lange man beim privaten Strip seinen Hut aufbehalten muss. In der vergangenen Dekade kokettierte halb Hollywood mit lesbischem Sex – vom öffentlichen Zungenkuss zwischen Madonna und Britney Spears über die Serie „The L Word“ bis zu Katy Perrys rotzig-trotzigem Hit „I Kissed a Girl (and I Liked It)“.

Und genau wie in der Mode gibt es auch im Bett häufig mehrere Trends parallel: Derzeit ist nicht nur Sex mit Schmerz-Appeal angesagt, auch „Slow Sex“, eine Art erotische Meditation, die auf die kalifornische Sextrainerin Nicole Daedone zurückgeht; „Karezza“ (Sex ohne Orgasmus); „Vampir- Sex“, bei dem Opfer und Täter auf einschlägigen Partys übereinkommen, wer wen beißen darf; oder gar „Air Sex“, eine skurrile Erotikmode aus Japan, die sogar in internationalen Meisterschaften ausgelebt wird. Ziel: möglichst authentisch auf der Bühne Sex simulieren – im Alleingang, ohne Partner.

Doch wie kann es überhaupt sein, dass solche Trends einen Einfluss auf unser Intimleben haben? Sind wir nicht zutiefst einzigartig in dem, was jeden von uns erregt, was seine Fantasie zum Fließen bringt, was ihn abtörnt? Jein, sagt Sven Lewandowski, Soziologe und Sexualforscher an der Universität Würzburg: „Unsere individuellen sexuellen Vorlieben werden vor allen Dingen von unseren Erfahrungen geprägt, nicht zuletzt von jenen, die wirals Kinder und Jugendliche machen.“ Welche Rolle körperliche Nähe in der Familie spielt, ob wir unsereEltern und Geschwister nackt sehen, wie unsereersten erotischen Erfahrungen als Teenager sind – dasalles bildet ein Grundmuster. Doch auch später sind wir offen für neue Erfahrungen. Sex heißt lebenslanges Lernen. Oder, wie Experte Lewandowski es nennt: „Wir sind deutlich mehr Kulturwesen als Naturwesen.“ Das bedeutet: Wir sind in unserem Liebesleben weit weniger von unseren Trieben bestimmt, als wir glauben. Und deutlich stärker von unserer Gedankenwelt, also von dem, was wir lesen, hören, sehen.

Die Gesellschaft bestimmt unser Verlangen

Zwar birgt der menschliche Körper nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, zum Höhepunkt zu kommen. Aber für das Drumherum sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Lewandowski: „Die Vorstellung von Natürlichkeit, die Unterscheidung von normalem und unnormalem Sex, verschwindet immer mehr. Und damit auch eine Art von Moral, die manche Spielarten zulässt und andere bestraft. Stattdessen ist heute erlaubt, was gefällt, solange es zwischen erwachsenen, vernünftigen Menschen passiert.“ Langfristig, glaubt er, wird sich unser Liebesleben noch stärker verändern: Wenn die Grenzen durchlässiger werden, lösen sich auch feststehende Kategorien auf. Wer weiß: Vielleicht ist es in Zukunft völlig normal, Affären mit wechselnden Geschlechtern zu haben. Oder mit verschiedenen Spielarten zu experimentieren – so wie wir mal Hippie-Look tragen, mal Smokingjacke, mal beides zusammen. Das bringt eine große Freiheit mit sich – und die Neugier auf ungewöhnliche erotische Erfahrungen: den Zungenkuss mit der Freundin, den Strip vor der Webcam oder eben das Spiel mit der Peitsche. Allerdings: „Der Hype um SM spricht nur Leute an, die dafür eine latente Vorliebe haben“, vermutet Lewandowski. Wer Fesselspiele mit dem Seidenschal schon immer aufregend fand, wagt es nun eher, den Bondage- Workshop mitzumachen. Oder dem Partner solche Spielchen vorzuschlagen, ganz ohne Scham. Umgekehrt: Wer die Vorstellung von Körpern in schwarzem Latex lächerlich findet, legt auch entsprechende Romane achselzuckend zur Seite.

Und das ist die (gute) Kehrseite der großen Freiheit: Anything goes – und selbstbewusste Frauen wissen, was sie bleiben lassen können. Im Bett wie beim Shoppen beweisen sie nämlich eins: Stil. Sie probieren gerne aus, lassen es aber auch wieder bleiben, wenn es nicht zu ihnen passt. Vielleicht geben sie mit der gleichen Grandezza die Handschellen zurück, die der Liebste ihnen geschenkt hat. Weil sie SM-Sex nicht aufregend finden, sondern aua. Denn, so Lewandowski: „Die Leute, die es ausprobieren, wundern sich häufig, dass es wirklich wehtut."

Frauen wissen ziemlich genau, was sie wollen

EVELYNE HILSE, 48, kennt sich mit erotischen Mode-Erscheinungen aus: Vor fast 20 Jahren eröffnete sie in München „Ladies First“, den ersten Sexshop nur für Frauen. Wir fragten nach.

PETRA: Wenn Sie zurückdenken: Welche Bücher oder Filme führten bei Ihnen zu Verkaufsschlagern?

Hilse: „Sex and the City“ hat viel nach sich gezogen. In einer Folge spielte ein Stringtanga eine Rolle, mit einer Perlenschnur im Schritt, die nicht nur sexy aussieht, sondern beim Tragen auch stimuliert. Bis heute gehört er zu meinen Bestsellern.

Gibt es bestimmte Moden, die sich in den letzten 20 Jahren wiederholt haben?

Mal ist es Bondage, mal sind es eher Liebeskugeln, mal Vibratoren – das wechselt sich ab, genau wie Mini- und Maxiröcke. Frauen gehen selbstverständlicher mit dem Thema Sex um, werden selbstbewusster. Da ist seit meiner Anfangszeit viel passiert. Allerdings haben wir noch immer einen weiten Weg vor uns.

Raten Sie auch mal von etwas ab, wenn Sie den Eindruck haben: Das passt doch eigentlich gar nicht zu der Frau, die ich da vor mir habe?

Nein, die meisten wissen ziemlich genau, was sie wollen. Sie probieren auch mal etwas Neues aus, haben aber auch ein gutes Gefühl für ihre eigenen Grenzen und machen nichts mit, nur weil es zufällig gerade Trend oder Stadtgespräch ist.

In London eröffnete kürzlich der Sexshop „Coco de Mer“, mit geschmackvollen Produkten und witziger Schaufensterdeko. Kundinnen tragen die Tüten mit dem Firmenlogo so stolz spazieren wie Designer-Bags. Ist das in Deutschland auch denkbar?

Nein, da mögen wir es doch ein bisschen diskreter. Und ich finde das völlig in Ordnung. Bei aller Offenheit – Menschen wollen ihre Intimsphäre schützen, und das ist auch gut so.

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