10. April 2012
Designer und Musiker

Designer und Musiker

Immer mehr Designer lassen sich von Musikern inspirieren – und machen diese im Gegenzug zu Stars. Selten zuvor waren Mode und Pop so eng verbunden wie heute. Eine glamouröse Spurensuche. 

Karl Lagerfeld
© Getty Images
Karl Lagerfeld

Natürlich hatte sich Lady Gaga genau überlegt, welches Outfit sie zur Verleihung der MTV Video Music Awards 2010 in Los Angeles anziehen würde. Schrill und avantgardistisch sollte es sein, das erwartet man von einer Queen of Pop. Doch dann der Schock-Moment: Süffisant lächelnd stöckelte die Sängerin über die Bühne, auf dem Kopf ein flaches Mützchen, das sich bei genauerem Hinsehen als rohes Schnitzel entpuppte. Ihren Körper hatte sie in ein eng anliegendes Rinder-Rouladen-Kleid gezwängt, sogar die Füße steckten in hochhackigen Stiefeletten aus Fleischfladen. Skandal! Unerhört! Die Medien kochten, die Tierschützer tobten. Doch war das Outfit überhaupt echt? Der Designer Franc Fernandez, der den Look zusammen mit Lady Gagas Stylist Nicola Formichetti entworfen hat, erklärte jedenfalls: „Das Fleisch stammte von meinem Haus-Metzger. Toll, dass es so hübsch geworden ist.“ Die Zusammenarbeit zwischen Modedesignern und einem Popstar ist selten so drastisch und plakativ wie bei Lady Gaga. Doch der Trend ist Hipklar: Es reicht nicht mehr, in hübschen Kleidern nette Songs zu singen. Wir sehnen uns nach immer neuen, immer grandioseren Spektakeln und Tabubrüchen. Im kleinen Schwarzen über den roten Teppich? Ach Gottchen, wie langweilig! Das Wechselspiel zwischen Mode und Musik hat da schon deutlich mehr zu bieten: hemmungslose Jugend, radikale Outfits und natürlich die altbekannte Formel „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“.

Viele Designer lassen sich deshalb von Musen aus der Welt des Pops inspirieren: Karl Lagerfeld liebt Beth Ditto, die mit ihrer Köperfülle so überhaupt kein Problem hat. Er zeigt sich aber auch gern mit der androgynen Anzugträgerin Janelle Monae – vielleicht weil ihr Vorname wie Chanel ausgesprochen wird? Auch was Frida Giannini, Creative Director bei Gucci, über Florence Welch sagt, klingt atemlos begeistert: „Ich war überwältigt von ihrem exzentrischen Stil und dem Willen, etwas zu wagen.“ Die letzte Herbstkollektion von Gucci war deshalb eine Hommage an die rothaarige Sängerin. „Sie verkörpert einen Zauber, den man sonst nur im Kino findet, und die Kraft der Verführung, die dahintersteht“, schwärmt Giannini, die auch die Kostüme für die aktuelle Konzerttour von Florence & The Machine entworfen hat.

Auch in Deutschland gibt es einen Designer, der die Codes der Popkultur ernst nimmt und sie mit traditionellem Schneiderhandwerk kombiniert: Bent Angelo Jensen. „Musik und Mode sind untrennbar miteinander verbunden. Ohne einen definierten Stil könnten viele Musiker und Sänger nicht existieren – umgekehrt genauso. Wer dabei die wichtigere Rolle spielt, ist egal: Musik und Mode sind die tragenden Säulen der Popkultur“, behauptet der Hamburger, der mit seiner Firma Herr von Eden den Look des exzentrischen Dandys kultiviert: perfekt geschnittene Sakkos, kombiniert mit Jockeyhosen für den hippen Herrn. Verspielte Jerseykleider und strenge Trenchcoats für die selbstbewusste Dame. Den näselnden Rapper Jan Delay (früheres Outfit: Baseballkappe, Hosen auf Halbmast, grellbunte Sneakers) verwandelte der Autodidakt in einen der stilvollsten Vertreter des deutschen Pops. „Jan hatte sich vom Hip-Hop in Richtung Funk und Disco entwickelt, ein modischer Wechsel sollte das unterstreichen“, sagt Jensen. „Er hatte dabei sehr klare Vorstellungen, im Grunde war es eine Art Pingpong zwischen ihm und mir.“

Das Wechselspiel von Mode und Popkultur begann in den Fünfzigern, und ein ehemaliger Lkw-Fahrer namens Elvis Presley war daran sicher nicht unschuldig. Der wilde Rock ’n’ Roll machte aus Jeans mehr als ein Kleidungsstück – die Hose wurde zur Weltanschauung, zur Rebellion. Anfang der Sechziger zeigten britische Teenager dann ein leidenschaftliches Interesse an amerikanischem Soul und eleganten, schmal geschnittenen italienischen Anzügen. Sie nannten sich Mods, und noch heute erkennt man sie an ihren smarten Kurzhaarschnitten, Polohemden und übergroßen Army-Parkas. Musik und Mode tanzten auf diese Weise miteinander durch die Jahrzehnte, Popstars wie David Bowie wechselten die Kostüme und Images schneller als die Vorhänge ihrer Luxus-Apartments. Selbst der abgerissene Punkrock wurde nicht auf der Straße erfunden, sondern in einer Boutique. Der Laden hieß „Sex“ und gehörte Vivienne Westwood und ihrem Lebensgefährten Malcolm McLaren, dem Manager der Sex Pistols. Doch erst Madonna perfektionierte das Spiel mit der permanenten Neu-Erfindung der eigenen Person. Fotografen und Modemacher standen Schlange, um ihr dabei zu helfen. Heute ist die einstige Queen of Pop ein Auslaufmodell. Zu angestrengt wirken ihre Bemühungen, Schritt zu halten mit den verschwenderischen Garderoben und Selbstinszenierungen von Lady Gaga, die mit „Haus of Gaga“ sogar ein eigenes Kreativteam beschäftigt. Für ein hübsches Coverfoto holt sie sich dann auch mal Hedi Slimane, Erfinder der ultraschmal geschnittenen Anzüge und zuletzt Chefdesigner bei Dior. Slimane kultiviert gerade sein Image als Künstler und fotografiert schöne junge Musiker wie The Drums oder den Newcomer Willy Moon.

Natürlich fragen sich derweil schon alle: Wer wird die nächste Lady Gaga, wie wird die Liaison von Mode und Musik weitergehen? Interessant ist die Meldung, dass Shootingstar Lana Del Rey noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums einen Vertrag bei der Agentur Next Models unterschrieben hat und bei Shows von Dior in Peking aufgetreten ist. Mode und Musik sind eben ein viel zu hübsches Paar, um sie voneinander zu trennen.

KARL DER GROSSE UND SEINE MUSEN
Stars wie Beth Ditto, Janelle Monae oder Florence Welch sitzen bei Chanel oft in der ersten Reihe und holen sich Ideen für ihre Bühnenlooks – aber genauso gerne zieht der Meister sie auf den Laufsteg

FRIDA GIANNINI STECKT POPSTARS IN GUCCI
Nach Mark Ronson und Rihanna ließ sich die Gucci-Chefdesignerin Frida Giannini von der britischen Sängerin Florence Welch inspirieren. Was diese freut: „Es ist diese Mischung aus Drama und Spaß, die ich an Mode so liebe. Es hat etwas von Verkleiden-Spielen. Und das Kind in mir liebt es, sich zu verkleiden.“

HERR VON EDEN HÜBSCHT DEUTSCHE STARS AUF
Einen besseren Selbstdarsteller als Bent Angelo Jensen wird man in der deutschen Modeszene nur schwer finden: In kunstvoll surrealen Anzeigen für sein Label Herr von Eden stilisiert sich der Designer aus Hamburg selber zum Popstar. Ein Hauch von Dekadenz und Exzentrik liegt über den Kollektionen, die es in Hamburg, Köln, Berlin (und online) zu kaufen gibt. Nach dem geglückten modischen Relaunch von Jan Delay hat der Stilberater nun ein neues Projekt: Mode-Tollpatsch Thomas Gottschalk. Der Plan: „Er wird zum eleganten, reifen Gentleman mit leichter Dandy-Attitüde.“ Wir sind gespannt!

DONATELLA UND DIE WILDEN RAPPER
In der Hip-Hop-Szene galt (und gilt) Versace als Statussymbol und wurde oft besungen. Donatella wählte Rapperin Nicki Minaj als Aushängeschild ihrer H&M-Kampagne

HEDI SLIMANE UND THE DRUMS
Der Ex-Dior-Designer sieht aus, als würde er selber in einer Schrammelband spielen. Aber nein: Angeblich soll er bald mit einer eigenen Kollektion an den Start gehen.

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