8. März 2021
Guido Maria Kretschmer exklusiv: „Das gehört sich nicht, das ist übergriffig“

Guido Maria Kretschmer exklusiv: „Das gehört sich nicht, das ist übergriffig“

Guido Maria Kretschmer (55) versprüht normalerweise immer gute Laune. Ob bei "Shopping Queen" auf VOX oder als gern gesehener Gast auf dem Red Carpet, der Star-Designer strahlt stärker als 1000 Watt. Und doch gibt es natürlich Dinge, die "Everybody's Darling" so richtig wütend machen. Was genau, das hat petra.de ihm entlockt.

© L’Oréal Paris

Anlässlich des 50. Geburtstags des L’Oréal Paris Slogans „Weil wir es uns wert sind“ haben wir Guido Maria Kretschmer zum Video-Interview getroffen. Denn auch das internationale Trainingsprogramm „Stand Up", mit dem sich L’Oréal Paris gegen Belästigungen in der Öffentlichkeit einsetzt, liegt Guido sehr am Herzen. Worüber sich Guido aufregt, wofür er sich stark macht und warum er sich jeden Tag von Kopf bis Fuß anfasst, erfahrt ihr hier.

Guido Maria Kretschmer: "Nur stark sein? Das geht doch gar nicht"

petra.de: Mit dem Trainingsprogramm „Stand Up“ kämpft L’Oréal Paris gegen Belästigung in der Öffentlichkeit – hast du mit diesem Thema selbst schon Erfahrung machen müssen?

Ich glaube, dass jeder von uns so etwas schon einmal erlebt hat. Gerade als junger Mensch in der Modewelt habe ich häufig erlebt, dass Leute die Macht hatten, diese natürlich auch ausgenutzt haben. Ich habe so oft gesehen, dass Fotografen, Stylisten oder Agenturleute mit den Models so umgegangen sind, dass ich nur dachte: „Das gehört sich so nicht, das ist übergriffig!“.

petra.de: Da braucht es natürlich eine Menge Selbstvertrauen. Was macht eine starke Frau darüber hinaus noch für dich aus?

Es gibt nicht diesen einen Menschen, der nur stark ist. Wenn man nur stark ist, ist man gar nicht mehr geeignet für ein sozial kompatibles Leben. Ich glaube, es braucht Kraft und Durchsetzungsvermögen, um all das zu buckeln, was das Leben einem vor die Füße wirft. Aber nur stark sein? Das geht doch gar nicht. Ich glaube, dass starke Frauen eine Grenze ziehen können. Man kann sehr, sehr schwach und vorsichtig sein und trotzdem kann man sagen: „Ich möchte das nicht“. Ich glaube, das muss man jungen Frauen und Mädchen früh beibringen. Und die Gesellschaft kann sie dabei unterstützen. Daher bin ich sehr dankbar für das wunderbare „Stand Up“ Programm von L’Oréal Paris und Hollaback!, weil es eben auch die Zeugen dazu ermutigt in Belästigungssituationen einzugreifen und die Betroffenen zu unterstützen.

petra.de: Welche Frauen in deinem Umfeld würdest du als besonders stark bezeichnen?

Ich würde schon sagen, dass ich viele starke Frauen um mich herum habe. Weil auch viele Frauen, die vermeintlich gar nicht stark sind, doch eben keine schwachen Frauen sind. Einfach, weil sie ihr Leben gut geregelt kriegen. Frauen, die alleinerziehend ihr Ding machen, sich mit wenig Geld durchquälen. Wichtig ist nur, dass auch das Gegenüber das wahrnimmt und wir lernen, mit den Umständen glücklich zu sein. Ich denke, das ist machbar.

"Vom Amazonas bis nach Wanne-Eickel müssen wir jetzt zusammenhalten"

petra.de: Wahrscheinlich ist dies auch etwas, was viele Menschen durch Corona gelernt haben …

Ich hoffe! Ich glaube, dass viele Menschen gelernt haben, wie wichtig es ist, ein Gegenüber zu haben, Freunde zu haben. Wir sind gerade alle in einem Reset-Modus, in dem wir das wieder mehr zu schätzen lernen. Diese Reset-Taste haben wir nicht selber gedrückt, die wurde für uns gedrückt. Und deswegen sollen wir alle etwas daraus lernen. Wir als Gesellschaft sollten schauen, wie wir solidarisch handeln können. Vom Amazonas bis nach Wanne-Eickel müssen wir jetzt zusammenhalten. Daher kommt für mich die „Stand Up“ Initiative auch genau zur richtigen Zeit, weil es auch hier um solidarisches Handeln geht und darum zusammenzuhalten und aufeinander aufzupassen.

petra.de: Wie kann man Frauen denn darin unterstützen, sich selbst mehr zu lieben und ihren eigenen Wert mehr zu schätzen?

Man sollte schauen, wer man ist. Sich im Spiegel betrachten und sich einmal anfassen. Sich sagen „Das ist mein Körper“. Man muss sehr früh das Gefühl für den eigenen Körper entwickeln. Wir müssen auch das, was an uns vermeintlich nicht so perfekt ist, mögen. Wenn man diese Hürde genommen hat und auch Kindern und Jugendlichen früh beibringt, dass man unterschiedlich ist, wird das schon helfen. Ich bekomme manchmal Angst, wenn ich sehe, was jetzt im Netz so los ist. Diese ganze Fake-Welt, bearbeitete Fotos, dieser Fitnesswahn – das ist schlimm. Wir sind nicht alle gemacht dafür, dass wir so aussehen wie aus dem Katalog und müssen ein bisschen Realität bewahren...

Guido Maria Kretschmer: "Ich fasse mich einmal am Tag an" 

petra.de: Glaubst du, dass auch Mode und Beauty dabei helfen können, sich selbst mehr zu lieben?

Mode und Kosmetik lassen dich der Mensch sein, der du sein könntest, vielleicht gern wärst oder auch schon bist. Gerade dekorative Kosmetik kann dies besonders gut. Man sieht ja auch, welch große Sehnsucht die Menschen gerade nach Friseuren haben. In meiner Arbeit mit der DKMS LIFE habe ich häufig Kontakt zu krebskranken Frauen, die ihre Haare verloren haben, ihre visuelle Identität. Da merkt man erst, was Kosmetik kann, was es mit einem macht, wenn man seine Augenbrauen und Wimpern wieder hat. Das sind diese Kleinigkeiten, die uns Menschen ausmachen.

petra.de: Bei Shopping-Queen liebt jeder deine Rubrik „Das tut was für dich, das tut nichts für dich“. In Bezug auf unser Selbstbewusstsein: Was tut etwas für uns und was eben nicht?

Das zu lieben, was man hat, das tut etwas für dich. Dass man einmal am Tag alles an sich anfasst. So mache ich das auch. Dadurch weiß ich immer, was ist. Und du solltest nie darauf warten, dass andere das für dich tun. Dass andere sagen: „Du hast aber schön abgenommen“ oder „Was hast du für schöne neue Strähnen“.

Was nichts für dich tut, ist all das eben nicht zu machen. Sich morgens schon zu sagen: „Ich kann das nicht, ich bin nicht schön genug, ich bin nicht genug“. Sich Vorbilder zu nehmen, denen man nicht gerecht wird. Klar denke ich auch manchmal, dass ich gerne wär wie Ricky Martin. Aber dann sag ich mir wieder „Guido, du bist nicht Ricky Martin.“ Wir sind alle unique, alle ein Original. Und das sollten wir kultivieren.

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