9. November 2015
Kalte Herzen

Kalte Herzen

Man nennt sie moderne Geishas – und Gefühle sind ihr Geschäft. Für viel Geld flirten junge Japanerinnen mit älteren Männern. Wir waren dabei

Moderne Geishas
© Arman Zhenikeyev/Corbis
Moderne Geishas

Gehetzt wirkt Rino, als wir uns das erste Mal begegnen: „Sorry, ich bin zu spät dran, weil der Friseurtermin länger gedauert hat.“ Es ist Freitagabend, kurz nach acht, wir haben uns in Tokios Bürobezirk Roppongi verabredet. Hier will die Japanerin mir ihre Welt zeigen, ihre Arbeit, ihr Leben. Interessanterweise beginnt ihr Joballtag genau dann, wenn die meisten anderen Menschen Feierabend machen.

Beiläufig verstaut sie ihr Handy in einem Louis-Vuitton-Etui und strahlt mich von einer zu anderen Sekunde mit einem leinwandreifen Hollywood-Lächeln an. Ob das Lächeln echt ist oder nur eine professionelle Maskerade? Ich kann es nicht einschätzen. Genauso wenig wie ich Rinos Aufmachung trauen mag, demMake-up, den Pumps. Denn in meinen Augen sieht sie aus wie ein kleines Mädchen mit viel zu viel Schminke im Gesicht. Gerade mal 1,50 Meter misst sie, für Japanerinnen eine ganz normale Körpergröße. Trotz oder wegen der hohen Absätze wirkt sie unglaublich zierlich, fast wie eine kleine Schwester, die man beschützen möchte. Doch das ist wohl nur mein eigener Blick, der besorgte Blick eines Mitteleuropäers. Tatsächlich ist Rino 24 Jahre alt und geht einer ziemlich erwachsenen Tätigkeit nach. Sie verdient ihr Geld als „moderne Geisha“. Weniger romantisch ausgedrückt: Sie arbeitet als eine Art Hostess, als hübsch aufgemachte Spaß-Begleitung für Männer in grauen Anzügen, die nicht selten ihre Väter sein könnten.

Kimonos aus edler Seide, aufwendige Hochsteckfrisuren, weiße Schminke auf dem Gesicht: Zumindest aus dem Kino kennen wir die traditionellen Geishas. Die Branche ist jahrhundertealt und einzig auf die Bedürfnisse der Männer zugeschnitten. Echte Geishas veranstalten Tee-Zeremonien, spielen zarte Musikstücke oder führen gebildete Konversationen mit ihren Gästen. Eine langjährige, harte Ausbildung ist nötig, Kenntnisse in Literatur, Kunst, Politik, und die Frauen wurden und werden als eine Mischung aus Lehrerin und Kulturbotschafterin geehrt. Noch immer arbeiten einige Tausend solcher Original- Geishas in Japan. Sie zu buchen, ist allerdings ein kostspieliges Vergnügen, das kaum ein Durchschnittsjapaner sich leisten kann. „Anfassen verboten!“ stellt wie eh und je einen wichtigen Pfeiler ihres Berufsethos dar.

Moderne Geishas
© Arman Zhenikeyev/Corbis
Moderne Geishas

„Sex mit Kunden kommt auf keinen Fall infrage“, betont auch Rino. Doch sonst scheint von der ehrwürdigen Tradition nicht viel übrig geblieben – jedenfalls nicht in der grell blinkenden Version des Geisha-Wesens, wie Rino es betreibt, und mit ihr Tausende junger Frauen, die sehr schnell möglichst viel Geld im Großstadtdschungel verdienen wollen.

Rino führt mich in ein riesiges Business- Gebäude, mit dem Lift fahren wir einige Stockwerke nach oben, zu Rinos Arbeitsplatz: in eine Hostessen-Bar mit dem merkwürdig deutsch klingenden Namen „Club Frau“. 10.000 Yen kostet der Eintritt, rund 85 Euro – der Standardpreis für solche Etablissements. Mit den Kolleginnen teilt Rino sich eine Garderobe, und nachdem sie sich umgezogen hat, sieht sie aus wie ein aufgedrehtes Show-Girl aus den 80er- Jahren: Sie trägt ein pinkfarbenes Kleid und hat ihr Lächeln nochmals hochgedreht.

Als „Geisha der Jetztzeit“ verkauft sie, das wird mir schnell klar, eine hohle Illusion. In ihrer Branche nennt man es „Verführung“: Sie hört sich die Alltagssorgen erschöpfter Mittelklasse-Geschäftsmänner an, tut so, als ob es sie interessiert, zeigt ein wenig mehr Haut, als es im japanischen Alltag üblich ist, und der Angestellte, der sonst im Büro unter dem Chef buckeln muss, fühlt sich für zwei, drei Stunden wichtig.

Ziel ist es, die Männer zum Trinken anzuhalten. Frauen wie Rino arbeiten auf Kommissionsbasis, erhalten Prozente vom Alkoholumsatz. Je charmanter und geschickter sie ihr Süßholz raspeln, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Gäste nicht nur ein paar schnöde Biere trinken, sondern auch mal eine Flasche Champagner ordern. Die billigste ist für umgerechnet 1.100 Euro zu haben.

Moderne Geishas
© Arman Zhenikeyev/Corbis
Moderne Geishas

„Es ist ganz einfach: Die Männer wollen meine Aufmerksamkeit, fühlen sich davon geschmeichelt. Und ich will ihr Geld“, erklärt Rino, das zierliche Wesen mit den riesigen Rehaugen – und klingt dabei wahnsinnig abgeklärt. Japaner arbeiten hart und viel, geregelte 40-Stunden- Wochen gibt es kaum, Überstunden werden wie selbstverständlich erwartet. Rino ist für die Entspannung da.

„Mizu Shobai“, zu Deutsch „Wasser- Branche“, heißt in Japan der Wirtschaftszweig des Erwachsenen-Entertainments, das sich an der Grenze dessen bewegt, was wir in Europa „Rotlichtmilieu“ nennen. Etwas merkwürdig Verklemmtes haftet den Schaufensterauslagen in den einschlägigen Vierteln Tokios an, und selbst die Porno-Filmchen auf den Hotel-TV-Kanälen wirken zunächst überaus bieder. Verdächtig jung aussehende Frauen vom Typus „Schulmädchen“ glotzen einen mit „unschuldigem Blick“ an, signalisieren dem männlichen Betrachter „Unterwerfung“ genau so, wie Rino es in der Bar tut.

In Wahrheit läuft in ihrem Kopf jedoch die ganze Zeit ein Taschenrechner mit: Wie viel sie in einer Nacht schon verdient hat, wie viele Stunden sie weiterlächeln muss, wie oft sie noch kieksend auflachen und verzückt die Hände falten sollte, damit am Ende der Kunde zufrieden ist – und ihre Kasse stimmt. „Tokio ist in zwei ganz verschiedene Welten geteilt“, sagt die 24-Jährige. „Tagsüber geht es um Arbeit, Leistung, Disziplin. Aber wenn die Sonne untergegangen ist, ändert sich das gewaltig.“ Es klingt sehr müde.

Manchmal gelingt es ihr, eine Art persönliche Beziehung zu einem Kunden aufzubauen, etwa zu ihrem Stammgast Kazuo. Längst duzt man sich. Heute feiert der verheiratete, schmale Mann seinen 54. Geburtstag im „Club Frau“. Er bestellt eine Flasche des besonders teuren rosafarbenen Champagners, setzt die Flasche an die Lippen und nimmt gierige Schlucke von der sprudelnden Flüssigkeit. Rino, das hübsche Fräulein, hält ein Handtuch unter sein Kinn und fängt die danebenlaufende Champagnerspur damit auf. Sachte tupft sie am Kinn des Mannes herum, der mehr als doppelt so alt ist wie sie selbst, und die Geste wirkt beinahe zärtlich. In jenem Moment kann ich sie mir gut in einem Seidengewand vorstellen, in einem edlen Stoff, auf den Kraniche gestickt sind, goldene Drachen oder so was.

Enthusiastisch trinkt der Mittfünfziger weiter. Als die Flasche leer ist, brechen Rino und zwei, drei weitere Hostessen in albernes Kichern aus, klatschen eifrig. Der Mann strahlt, er sieht glücklich aus. Etwa einen halben Monatslohn dürfte ihn die heutige Nacht kosten – Sex, wie zu erwarten: Fehlanzeige. Alle Beteiligten wissen, dass alles nichts weiter ist als eine große, teure Lüge. Trotzdem funktioniert es.

Moderne Geishas
© Arman Zhenikeyev/Corbis
Moderne Geishas


Einst hat Rino als Fahrlehrerin und Kellnerin gejobbt und wollte studieren, irgendwas mit Wirtschaft. Doch das Leben in Tokio ist teuer, und die Eltern, die im ländlichen Gebiet von Okinawa leben, können oder wollen die Träume der Tochter nicht finanzieren. Vermutlich wäre es ihnen am liebsten, wenn Rino einfach einen gut verdienenden Mann heiratet, möglichst schnell. Vielleicht genau so einen Typen, wie aus ihrem Kundenkreis, einen mit Anzug, Aktentasche und solidem Job. Frauen, die mit über 25 noch ledig sind, werden in Japan auch heute noch „verlorener Hund“ genannt.

„Als eine Freundin mir von dieser Art Geisha-Job erzählte, dachte ich erst: Das könnte ich nie tun!“, sagt Rino. Dass sie nicht das Zeug dazu hätte, nicht gebildet genug sei, glaubte sie. Aber kurz darauf war sie komplett pleite, hat es doch mal ausprobiert und schnell festgestellt, dass alles sehr, sehr einfach ist: „Du musst bloß hübsch und ein bisschen nett sein, das reicht.“ Schon nach einer Woche sei sie „süchtig“ gewesen. Süchtig nicht nach dem billigen Glitzer, nicht nach den Komplimenten der Männer – süchtig allein nach dem Geld.

Wie die meisten „modernen Geishas“ arbeitet Rino schwarz. Rund 12.000 Euro erflirtet sie sich im Monat, das ist selbst für Tokioter Verhältnisse eine ordentliche Stange Geld. Eigentlich könnte sie locker etwas zur Seite legen und hätte sich längst an eine Uni einschreiben können. Ja, sie sollte dringend anfangen, ihr „richtiges“ Leben in Angriff zu nehmen, sagt Rino selbst. „Aber irgendwie schaffe ich es nicht. Vorläufig geht alles für Klamotten und Spaßhaben drauf.“

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