1. Juni 2016
Wie politisch müssen wir sein?

Wie politisch müssen wir sein?

Da sagt man immer, wir seien so unpolitisch. Stimmt aber gar nicht. Wir gehen nur nicht mehr zwingend zur Wahlurne. Wo wir uns heute engagieren und warum es okay ist, nicht alle Bundesminister auswendig zu kennen

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© moodboard/Corbis
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Es gibt Momente, da fühlt man sich wie die Frau bei „Wer wird Millionär?“, die bei der ersten einfachen Frage die falsche Antwort gibt. Wenn man zum Beispiel Justizminister Heiko Maas für einen berühmten Tennisspieler hält, Norwegen in der EU vermutet oder vergisst, mit welcher Währung man in Bulgarien bezahlt. Patzer, wenn es um Politik geht, sind peinlich. Weil sie uns ungebildet erscheinen lassen und unsere Kompetenz infrage stellen. Wie soll uns jemand die Führung einer Marketingabteilung zutrauen, wenn wir nicht mal den Namen des deutschen Justizministers kennen? Dabei ist das Phänomen der partiellen Ahnungslosigkeit ziemlich weit verbreitet. Glaubt man einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem vergangenen Jahr, hat die Hälfte der Deutschen keinen blassen Schimmer, welche Parteien momentan die Opposition im Bundestag stellen. Auch eine aktuelle Debatte im Parlament verfolgte lediglich jeder Dritte. Überhaupt scheint das politische Interesse der Deutschen in den vergangenen Jahren stark abgeflaut zu sein. Das belegen zumindest die offiziellen Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung (kurz: bpb) zur Wahlbeteiligung.

Marschierten in den 70er-Jahren noch über 90 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne, machten zur Bundestagswahl 2013 nur noch 72,4 Prozent von ihrem Recht Gebrauch. Mehr als 17 Millionen Menschen verweigerten schlicht und einfach ihr Häkchen. Eine Trotzreaktion sei das aber nicht, schrieb der „Tagesspiegel“: „Es handelt sich bei der Wahlmüdigkeit um ein Phänomen, das vermutlich weniger mit der Unzufriedenheit der Bürger zusammenhängt, sondern eher mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Egoismus.“
Das klingt ein bisschen so, als wären wir alle verzogene Gören. Zu träge und bequem, um die politische Zukunft in Deutschland mitzugestalten, solange es für einen Soja-Latte, 70 Quadratmeter Altbau und Urlaub an der Adria reicht. Ganz so ist es aber nicht: Laut einer exklusiven Forsa-Umfrage für PETRA interessiert sich mehr als die Hälfte der Frauen durchaus für Politik und möchte mitreden, statt nur dekorativ lächelnd in der Runde zu stehen. Dass wir nicht jede Parlamentsdiskussion über das Risiko des Schweinegrippen-Impfstoffs Pandemrix rezitieren können, liegt also nicht an unserem fehlenden politischen Interesse.

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Wir schauen die Tagesschau, hören Radio und in den 40 Stunden, die wir laut einer Postbank-Studie in der Woche online sind, lachen wir nicht nur über drollige Katzenvideos, durchforsten Onlineshops nach Schnäppchen oder schielen neidisch auf Maries Malediven-Fotos bei Facebook. Wir laden auch Apps runter, die uns die Schlagzeilen direkt auf das Smartphone-Display schicken, legen im Browser Lesezeichen für die wichtigsten Nachrichtenseiten an und liken wie wild alle Onlinemedien in den sozialen Netzwerken. Dadurch wissen wir natürlich, dass Griechenland seit Jahren finanziell vor dem Kollaps steht und Tausende Flüchtlinge in Nussschalen verzweifelt über das Mittelmeer fliehen.

Das Problem dabei: Wir können die Flut an Informationen, die täglich auf uns niederprasselt, gar nicht richtig verarbeiten. Stattdessen überfliegen wir kurz die Meldungen und schmeißen die „unwichtigen“ Informationen schnell wieder von unserer körpereigenen Festplatte, um Platz für Neues zu schaffen. Andernfalls wäre unser Gehirn binnen Stunden völlig überlastet. Selektion als Selbstschutz sozusagen. Die Welt ist zu komplex geworden. Oder genauer gesagt: Sie war es schon immer.

Aber erst durch die Globalisierung und die digitale Vernetzung in den vergangenen 20 Jahren erleben wir das Weltgeschehen in Echtzeit auf der heimischen Couch in Dötlingen. Das verwirrt und überfordert. Tobt beispielsweise der Bürgerkrieg in Syrien besonders schlimm, können wir natürlich einen Zusammenhang herstellen, warum ein paar Wochen später der Wohnraum für Asylbewerber in Deutschland knapp wird. Um aber zu verstehen, wie der Konflikt überhaupt entstanden ist, bedarf es schon fast eines Masters in Politikwissenschaft. Und selbst wenn man sich intensiv in ein Thema reinlesen möchte und dafür im Internet recherchiert, muss das, was man da so entdeckt, längst nicht der Wahrheit entsprechen.

Lügenpresse?

Online-Zeitungen buhlen mit semiseriösen Blogs und Verschwörungstheoretikern um die Deutungshoheit politischer Vorgänge. Zu jedem Thema streiten und widersprechen sich zig echte und selbsternannte Experten. Die Folge: Wir sind völlig verunsichert, weil wir nicht mehr wissen, wem oder was wir glauben sollen. Selbst die etablierten Leitmedien sind kein Garant mehr für objektive Berichterstattung. So veröffentlichte die ARD nachweislich einseitige und fehlerhafte TV-Berichte über den Ukraine-Konflikt. Nur sehr zögerlich räumten die Verantwortlichen Lücken in der Recherche ein und entschuldigten sich bei den Zuschauern. Förderlich für das Vertrauen war dieser Vorfall sicherlich nicht. Und möglicherweise auch einer der Gründe, warum etliche Menschen die Medien mittlerweile als „Lügenpresse“ bezeichnen.

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Es passiert aber etwas ganz anderes: Einsatz zeigen wir mittlerweile immer mehr in unserem unmittelbaren Umfeld. Wir unterschreiben Petitionen gegen die Bebauung der Grünflächen im Stadtpark, engagieren uns ehrenamtlich bei der Tafel und schleppen Kleiderkisten in die nächstgelegene Flüchtlingsunterkunft. Was vor unserer Haustür geschieht und uns direkt betrifft, wollen wir aktiv mitgestalten. Was uns dabei antreibt, sind keine verklärten Visionen, sondern ganz rationale Motive. Wenig Aufwand beispielsweise: „Weil Politik gleich Alltag ist, geht es auch nicht um Ideologie, sondern um Machbarkeit“, schreibt der Soziologe Klaus Hurrelmann in seinem Buch „Die heimlichen Revolutionäre“ (Beltz, 255 S., 18,95 €). Gemeinsam mit dem Journalisten Erik Albrecht untersuchte er darin die politische Einstellung der Generation Y, also der heute 20–30-Jährigen.

Politik muss praktisch sein und sich leicht in unseren Alltag integrieren. Wir folgen keinem Parteiprogramm, sondern nur noch unserem Gewissen. Darum kaufen wir Biofleisch statt industrieller Massenware, einen Fairtrade-Pulli statt eines billigen Hemdes aus Bangladesch. Neben unserem Engagement vor der eigenen Haustür haben wir nämlich noch einen weiteren Weg der politischen Partizipation gefunden: unseren Konsum. Produziert ein Unternehmen nicht umweltbewusst genug, zahlt miese Löhne oder quält massenhaft Tiere, dann boykottieren wir es. Der Kauf eines Joghurts oder der Frühstückswurst – auch wenn das absurd klingen mag – kann darum politischer sein als der Gang zur Wahlurne. Zum einen wollen wir die Welt mit unseren kleinen Mitteln ein bisschen besser machen. Zum anderen geht es aber auch um Macht durch Verweigerung.

Können wir Unternehmen schon nicht mit unserem Wahlzettel in die Schranken weisen, dann sollen sie unsere Meinung wenigstens finanziell spüren. Der Konsum ist der einzige Bereich, in dem wir noch ein Stück Kontrolle behalten. Oder uns das zumindest einreden. Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er lieber ein Häkchen auf dem Wahlzettel setzt, Essen an Flüchtlinge verteilt oder einen Konzern boykottiert, weil er indischen Familien das Wasser klaut. Politische Partizipation ist mehr, als alle vier Jahre im Kollektiv zur Urne zu wandern, ein Kreuz zu setzen und die Regierung zu legitimieren. Politisch sein heißt auch, sich Gedanken zu machen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und die eigenen Bedürfnisse auch mal der Gemeinschaft unterzuordnen. Etwa wenn auf dem Dorfplatz temporär Flüchtlinge in Zelten wohnen. Und wenn man es sich mal genau überlegt, ist es doch wohl viel politischer, dann mit Asylbewerbern Deutsch zu pauken, als alle Bundesminister der letzten 50 Jahre im Schlaf runterzubeten. Und falls uns doch mal jemand wegen einer politischen Wissenslücke aufs Korn nehmen will, dann verweisen wir einfach auf die ehemalige Sprecherin des rumänischen Außenministeriums. Die verwechselte nämlich auf einer Pressekonferenz Deutschland und Frankreich auf der Landkarte. Es kann halt jedem mal passieren.

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