17. März 2010
Alles wird besser - Auf die Krise reagieren

Alles wird besser - Auf die Krise reagieren

Augen auf und durch! So halten es die Frauen, die wir in Hamburg getroffen haben. Über die Krise zu jammern, bringt nichts, sagen sie – und versuchen, das eigene Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten: Freundschaften, Familie und Natur sind so wichtig wie nie. Und plötzlich merken wir, was uns in schwierigen Zeiten wirklich stark macht. Mit PETRA-Umfrage: Darauf wollen wir nicht verzichten.

Alles wird besser
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Alles wird besser

Klar, ohne Wirtschaftskrise ginge es uns besser. In der Kantine würden wir der Kollegin kein besorgtes „Ob sie bei uns auch Stellen streichen?“ zuraunen. Im Schuhladen würden wir ohne schlechtes Gewissen mit den Pumps liebäugeln, die wir uns, wer weiß, vielleicht bald nicht mehr leisten können. Und im Freundeskreis müssten wir nicht darüber grübeln, ob Martin die Selbstständigkeit noch einmal überdenken und Caro dasGesparte für den Urlaub lieber auf die hohe Kante legen sollte. Selbst wenn wir sie nicht am eigenen Leib spüren, noch einen Job oder genug Geld auf dem Sparbuch haben: Die Krise ist unter uns, schleicht sich peu à peu in unser Umfeld: erst der Kollege, der eine Stange Geld durch den Aktien-Crash verliert, dann die Nachbarin, freiberufliche Grafikerin, die kaum noch Aufträge bekommt, schließlich die Schwester, der man unerwartet kündigt.Beängstigend? Ja. Ein Grund, in Schoc zu erstarren? Vielleicht. Das hilft aber niemandem. Sinnvoller wäre es, sich jetzt grundlegende Gedanken zu machen. Etwa darüber, ob in so einer Krise nicht eine, wenn auch noch so kleine, Chance steckt. Nämlich die, das eigene Leben mal kritisch auf den Prüfstand zu stellen. Zu monoton, zu oberflächlich, zu gehetzt? Wie auch immer das Ergebnis ausfällt: Jetzt bietet sich die Gelegenheit, das zu ändern.

Land unter? Nein! Kopf hoch!

„Krisen scheuchen uns auf und zwingen dazu, uns was Neues einfallen zu lassen“, sagt Professor Michael Kästner, Organisationspsychologe an der Universität Dortmund. Sie müssen ja nicht gleich alles über den Haufen werfen und nach Thailand auswandern. Oft reicht es, kleine Herzensdinge anzugehen, die im alltäglichen Hamsterrad zu kurz kamen. So wie Franka Potente. Plötzlich, sagt sie, steckte sie in dieser „Luftblase“: Projekte wurden geschoben, Drehs wegen Geldproblemen abgesagt. Statt zu verzweifeln, nutzt sie die unfreiwillige Jobpause und verwirklicht einen lang gehegten Traum: Sie dreht „Kleine Lichter“, einen Low-Budget-Film, mit ihr als einziger Schauspielerin.

So kann, was erst wie eine Notlösung wirkt, zum echten Segen werden. Statt Geld im Restaurant auszugeben, kocht man zu Hause mit Freunden. Der eine nutzt die Kurzarbeit, um endlich Spanisch zu lernen, die andere macht ihr Hobby zum Nebenjob und verkauft Selbstgenähtes im kleinen Laden um die Ecke, die Dritte schließt doch noch einen Bausparvertrag ab. „Wir brauchen einen neuen Realitätssinn“, forderte unlängst sogar Anna Wintour, Chefin der „US-Vogue“, angesichts einer schlingernden Luxus-Industrie. Weg vom übertriebenen Konsum, hin zum Blick fürs Wesentliche – so das neue Mantra. Urlaub auf den Malediven, der Ring von Tiffany’s, schnelles Geld an der Börse – lange empfand unsere Generation das als Höchstes der Gefühle. Jetzt wirkt der Rolex-Träger eher, als hätte er den Geist der Zeit verschlafen. Und statt männlicher Zocker-Mentalität sind nun weibliche Qualitäten gefragt.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, SPD, räumte in einem Interview ein: „Männer blenden eher mal was aus“ – so wie den nahenden Banken-Crash. Frauen sind besser darauf eingestimmt, pragmatisch zu handeln und sich auch mal Rat zu holen,sagt Professor Kastner. Freundschaften und Familie würden wieder wichtiger, prophezeit er. „Wir werden wieder stärker zusammenrücken“, ist auch Comedian Thomas Hermanns sicher. So wird ein Wert wieder entdeckt, der lange überholt schien: der Gemeinschaftssinn. Der bedeutet, dass man für die Freundin Jobangebote ausschneidet. Dass man seine Brötchen beim kleinen Bäcker nebenan kauft statt bei der Billigkette. Dass man sich solidarisch zeigt – auch wenn das manchmal ein bisschen teurer ist.

Neuer Stoff für den Krisen-Small-Talk

GEMISCHTE GEFÜHLE...

...mit Tendenz zum Optimismus: So lässt sich die aktuelle Stimmungslage bei Deutschlands Frauen beschreiben. Im Auftrag von PETRA interviewte das GEWIS-Institut in einer repräsentativen Umfrage mehr als 1.000 Frauen zwischen 18 und 45 Jahren zu ihrem derzeitigen Lebensgefühl. Die Ergebnisse:

57% versprechen sich von der allgemeinen Krisenlage auch Chancen. Die Befragten wollen sich im Beruf neu orientieren – oder nun endlich wieder mehr Zeit und Energie ins Privatleben stecken. Das spiegelt sich auch in den Antworten unserer spontanen Straßenumfrage auf den vorigen Seiten wider.

30% der Befragten gab an, auf Luxus-Güter gut verzichten zu können. Freundschaften und Familie werden hingegen wichtiger.

25% räumen ein, dass ihnen das Sparen schwer fällt – besonders bei kleinen Dingen, die das Leben etwas schöner machen. Jede Vierte will keinesfalls von Designer-Kleidung (24 %) oder Kosmetik (21 %) lassen. Noch wichtiger ist den Frauen aber, rund um die Uhr ans Weltgeschehen angebunden zu sein und private Kontakte zu halten: Handy, Internet, Fernsehen (28 %) sind derzeit für fast ein Drittel unverzichtbar. Knapp ein Fünftel will weder beim Essengehen (19 %) knapsen noch in Sachen Kino, Theater oder Ausgehen mit Freunden (16 %).

VÖLLIG NEUE VOKABELN...

...hat uns die Krise schon beschert. Und da sich Bankenkrise, Besorgnis und Bankrotte rund um den Globus ziehen, handelt es sich meist um (halb-)englische Begriffe. Die 5 wichtigsten Modewörter und deren Bedeutung:

Aldirati: Der Name erinnert an den erlesenen Kreis der „Iluminati“, der Erleuchteten aus dem aktuellen Film mit Tom Hanks. Gemeint sind aber Menschen, die sich die besten Angebote aus Discount-Märkten herauspicken.

Lipstick-Effect: Marktforscher haben festgestellt, dass Frauen in schlechten Zeiten besonderen Wert auf gutes Aussehen legen. Sinken die Aktienkurse, steigt der Lippenstift-Umsatz.

Rezessionista: Verarmte Schwester der „Fashionista“ oder des „Fashion Victims“: Sie lehrt uns, wie man sich günstig kleidet – aber stilvoll! Encouraging: Bedeutet so viel wie „Ermutigung“ und ist eine in den USA beliebte neue Therapie- und Coaching-Methode gegen Zukunftsängste.

Swappen: Tauschen statt kaufen! Secondhand-Partys liegen im Trend.

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