23. August 2011
Noch immer Jungfrau

Noch immer Jungfrau

Myriam sehnt sich nach etwas, von dem sie gar nicht weiß, wie es sich überhaupt anfühlt. Irgendwie ist ihr das mit der Liebe nie passiert. „Meine Freundinnen haben Männer, die ,Schatz‘ zu ihnen sagen, oder längst Kinder.“ Und sie? Möchte einfach ein erstes Mal lieben.

Frau, Sehnsucht
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Frau, Sehnsucht

Drei - So lautet meine Standardantwort, wenn mich jemand nach der Zahl meiner bisherigen Liebhaber fragt. Im ersten Moment klingt es vielleicht nach ein bisschen wenig, schließlich werde ich in einigen Wochen 30 Jahre alt. Aber wenn ich erkläre, dass ich zwei langjährige Beziehungen hatte und zwischendurch eine Affäre, ist das einleuchtend. Und nun bin ich eben seit vier Jahren Single, der Richtige lässt leider auf sich warten. Warum sollte es mir da anders ergehen als den Millionen suchenden Frauen in aller Welt?

Die Wahrheit ist: Es geht mir anders. Die drei Männer gab es nämlich nie. Nicht einmal einen einzigen, um genau zu sein. Dabei bin ich attraktiv, zumindest sagen das meine Freundinnen. Ich bin ein sportlicher Typ, habe lange braune Haare und große Augen. Ein bisschen so wie Sandra Bullock. Okay, meine Nase ist etwas markant. Aber das war sie auch schon mit 16 Jahren – und da hatte ich wie die meisten Mädels einen Freund. Er war der Bruder einer Klassenkameradin, zwei Jahre älter als ich, spielte Gitarre und konnte wunderbar küssen – eigentlich ein Traummann. Nach einigen Monaten wollte er mit mir schlafen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich damals die Kurve nicht gekriegt habe. Wahrscheinlich hätte ich einfach noch etwas Zeit gebraucht. Jedenfalls hatte er irgendwann genug von meinen Ausflüchten und machte Schluss. Mir ging es dreckig, ich hatte furchtbaren Liebeskummer und glaubte nicht, dass ich jemals wieder Lidschatten tragen könnte, so verquollen waren meine verweinten Augen. „Jetzt tut es weh, aber du wirst jemand anderen finden“, versuchte meine Mutter mich zu trösten. Daran klammerte ich mich, schließlich musste sie es nach zwei gescheiterten Ehen wissen.

Doch es passierte rein gar nichts. Natürlich hatte ich in der Schule oder beim Ausgehen Kontakt zu Jungs; ab und zu war auch einer dabei, der nach meiner Telefonnummer fragte. Doch es funkte nie. Auch wenn ich es damals nie zugegeben hätte: Diese Misserfolge nagten an mir, aber ich beruhigte mich selbst damit, dass ich ja noch viel Zeit hatte. Und stillte meine Sehnsucht mit Liebesfilmen.

Nach dem Abitur zog ich nach Heidelberg, um Kunstgeschichte zu studieren. Eine völlig neue Welt! Ich lernte tolle Leute kennen – in den Seminaren, auf Partys, im Supermarkt, sogar auf der Straße. Es gab viele unverbindliche Flirts, keiner ging über einen Abschiedskuss hinaus. Einmal jedoch kam ich in der Bibliothek mit einem Kommilitonen ins Gespräch, und wir gingen auf eine Flasche Rotwein zu mir. Wir begannen mit Nackenmassagen, starteten eine wilde Knutscherei, landeten auf dem Sofa. Er öffnete seine Hose. Ich war irrsinnig angetörnt von dem, was ich zu sehen bekam. Mich überkam eine solche Lust, ich wollte sofort mit ihm schlafen und warf alle Bedenken, ob er der Richtige fürs erste Mal sei, über Bord. Vielleicht wäre das die Kehrtwende gewesen. Doch er hatte kein Kondom dabei, wir brachen die Sache ab. Als wir uns ein paar Tage später über den Weg liefen und er mich auf einen Kaffee einladen wollte, erzählte ich irgendwas von Prüfungsstress. Zu groß war die Scham vor mir selbst. Nicht so sehr über mein zügelloses Benehmen – warum auch? Aber ich machte nun mal auf lässig und weltgewandt und hatte keine Lust, als 23-jährige Jungfrau enttarnt zu werden. Und dafür hätten Blutflecken auf der Couch schließlich gesorgt.

Heute weiß ich, dass mein Verhalten albern war. Wahrscheinlich hätte er es gar nicht gemerkt. Und ich hätte endlich diese innere Blockademauer durchbrochen. Zwei Jahre später trat ich meine erste Stelle an einem Filminstitut an und verknallte mich prompt in meinen Chef. Gut zwanzig Jahre älter als ich, humorvoll und dann diese grauen Schläfen…

Ich kam wegen jeder Kleinigkeit in sein Büro, googelte mehrmals am Tag sein Foto und beschäftigte mich stundenlang mit der Frage, ob sein Lächeln eine tiefere Bedeutung haben könnte. Natürlich geschah zwischen uns nichts. Doch die Sehnsucht ließ mich nicht los. Ich begann, mich selbst zu befriedigen – da war ich 26 Jahre alt und kam mir vor wie eine pubertierende 13-Jährige. Eine Weile tat mir das sehr gut. Nur weil ich es noch nie mit einem Mann getan habe, bedeutet das schließlich nicht, dass ich kein sexuelles Verlangen verspüre! Mittlerweile genügen mir meine Träume jedoch nicht mehr. Ich will einen echten Mann bei mir haben. Nicht nur für das Körperliche. Ich beneide meine Freundinnen, dass sie jemand mit „Schatz“ anspricht und ihnen die Sommerreifen aufzieht. Der mit ihnen über die Nachbarn lästert und mit dem sie sich über die ideale Kochdauer von Spaghetti zoffen. Sie träumen von einer Hochzeit in Weiß oder halten bereits ihr Baby auf dem Arm, während ich es noch nicht mal geschafft habe, mich entjungfern zu lassen. Und das Schlimmste daran ist, dass ich nicht weiß, woran es tatsächlich liegt.

Sicher, ich bin ziemlich zurückhaltend, aber kein Mauerblümchen. Männer sprechen mich öfter an und laden mich zum Essen oder ins Kino ein – und ich mache in schöner Regelmäßigkeit einen Rückzieher. Aus Angst, mich zu blamieren? Ihn zu enttäuschen? Zur Lachnummer zu werden? Schließlich hat alle Welt Sex, immer und überall. Wie passt jemand wie ich da hinein? Nur zwei meiner Freundinnen wissen Bescheid. Sie haben zwar ihre Verkupplungsversuche aufgegeben, aber lassen mich nicht vom Haken. „Du wünscht es dir doch, also spring ins kalte Wasser“, sagte die eine neulich, „sonst ist der Zug irgendwann definitiv abgefahren.“ Ich weiß, dass sie recht hat, ich gerate immer tiefer in diese Sackgasse hinein. Vielleicht werde ich tatsächlich mal ihren Schwager daten. Von dem weiß ich immerhin, dass er drei Beziehungen hatte. Könnte also sein, dass wir mehr gemeinsam haben, als wir ahnen.

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