Talk about Sind wir nicht alle ein bisschen Spießer?

Lebe lieber ungewöhnlich – das galt vielleicht für unsere Mütter. Wir laden Freunde zum Kochen ins Reihenhaus ein und gehen nach dem „Tatort“ ins Bett. So tickt also die Generation Gemütlichkeit. Fühlt sich vielleicht ganz kuschelig an. Aber geht uns dabei nicht auch etwas verloren?

Frau schneidet Hecke

Ein Dia-Abend brachte ans Licht, wer der größte Spießer in unserer Familie ist: ich. Es war nicht mal ein richtiger Dia-Abend. Meine Mutter hatte ihre Urlaubsfotos aus den Siebzigern digitalisieren lassen und wollte mir das Ergebnis vorführen. Also setzten wir uns vor den Computer, und ich sah zu, wie sie sich durch mehrere Sommer klickte, von den Uferpromenaden des Gardasees bis zu den sonnenbeschienenen Almwiesen Südtirols. Ein Foto zeigte meine Eltern und ein befreundetes Paar. Die vier saßen vor einer Berghütte, die Jausenbretter vor und die Rucksäcke neben sich. Ein Bild spießigen deutschen Mittelstandsurlaubertums – bis auf ein Detail: „Ihr sitzt mit nackten Brüsten vor der Hütte!“ Meine Mutter legte die Maus weg. „Wir sonnten uns früher immer oben ohne“, sagte sie und nippte an ihrem Wein. „Da ist doch nichts dabei. Manchmal sind wir auch so gewandert. Oder Wasserski gefahren.“ Ich versuchte angestrengt, mir das nicht vorzustellen.

Meine Mutter betrachtete mich: ihre erwachsene Tochter, nicht ohne Ähnlichkeit, etwa im gleichen Alter. Die eine braun gebrannt und Sonnenanbeterin, die andere Sonnenschutzfaktor-Fan. Zigaretten, Speck und Wein auf dem Foto. Die „Cola Zero“ in meiner Hand. Meine dunkel-blaue Strickjacke, die mir plötzlich sehr bieder vorkam. „Das waren andere Zeiten“, sagte meine Mutter. Es klang, als wollte sie mich trösten.

Spießigkeit ist heute nichts Negatives mehr

Für die Generation meiner Mutter waren Spießer immer die anderen. Die Samstagsautowäscher, die von der Fensterbank aus Urteile über die Nachbarn fällten, die mit dem Horizont, der nicht weiter reichte als bis zum Jägerzaun. „Seit dem 19. Jahrhundert verwendet man den Begriff Spießbürger, um einen Menschen zu beschreiben, der borniert ist und in Vorurteilen befangen “, formuliert es der Philosoph und Autor Matthias Müller, („Alle im Wunderland“, Diederichs, 16,95 Euro). Müller: „Der Spießer orientiert sich an übernommenen Konventionen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Er ist unfähig, eine distanzierende und mitfühlende Haltung gegenüber den Lebensumständen anderer Menschen einzunehmen.“ So weit die klassische Definition. Doch diese scheint nicht mehr gängig zu sein. 66 Prozent der Frauen zwischen 20 und 40 ist es laut einer Exklusiv-Umfrage für PETRA egal, wenn man sie spießig nennt. Der Begriff ist nicht mehr negativ besetzt. Vielmehr beschreibt er ein neokonservatives Lebensgefühl irgendwo zwischen Streuobstwiese, Spieleabend, Stricken und Slow Food. Richtig schön heimelig.

"Entdecke den Spießer in Dir"

Auch an der Werbung kann man sehen, wie sich das Spießer-Verständnis gewandelt hat. Vor elf Jahren ließ in einem Werbespot die kleine Lena in der Bauwagenkolonie ihren Anarcho-Papa wissen: „Wenn ich groß bin, werde ich auch Spießer.“ Das war lustig, weil es kaum jemanden gab, der sich nicht ertappt fühlte. Heute schmettert die gleiche Bausparkasse in der Werbepause: „Entdecken auch Sie den Spießer in sich!“ Das hat der im zum „Townhouse“ umdeklarierten Reihenhaus sitzende Zuschauer jedoch längst getan. Denn abgesehen von Nina Hagen gibt es kaum noch Deutsche, die wirklich unangepasst oder exzentrisch sind. Ich nehme mich da nicht aus. Zwar bin ich keine Kittelschürzenterroristin wie Else Kling – obwohl es meinen inneren Hausmeister schon trifft, wenn jemand Zeitungen in die Tonne für Plastikmüll schmeißt.

Es fängt bei Äußerlichkeiten an

Aber verglichen mit meiner Mutter bin ich ganz schön spießig. Das fängt schon bei Äußerlichkeiten an. Als Kind schob ich einen Stuhl vor ihren Kleiderschrank, um die Pullover genauer betrachten zu können, die in den Fächern gefaltet lagen. Es war wie eine Schatzsuche, denn Mamas Lurexoberteile glitzerten, als wäre sie nicht Zahnarzthelferin von Beruf, sondern Discokugel. Wenn wir Fahrrad fuhren, flatterten ihre Schlaghosen wild im Wind. Am aufregendsten fand ich jedoch ihr Brautkleid, das sie manchmal aus der Plastikhülle holte, wenn ich lange genug quengelte. Es war weiß, hochgeschlossen, hatte lange Ärmel – und der Rock reichte knapp über den Po. Mit ihren passenden weißen Lackstiefeln wirkt sie auf den Hochzeitsfotos wie eine Gazelle vom Mars: grazil und futuristisch. Und mutig. In den Sechzigerjahren konnte man wegen Tragens zu kurzer Röcke vom Standesamt direkt zum nächsten Polizeirevier gebracht werden. Das konnte den Siegeszug des Minis allerdings nicht verhindern.

Heute zieht man sich an, um sich anzupassen

Mode war damals ein Mittel, um sich abzugrenzen. Heute zieht man sich an, um sich anzupassen. Wir wollen durchschnittlich sein. Matthias Müller verteidigt das gewöhnliche Leben. „Ein unauffälliges Leben schenkt dem Einzelnen Freiheit von der Beobachtung durch andere und gewährt ihm damit mehr Handlungsmöglichkeiten“, schreibt er. Wir entgrenzten Existenzen suchen nach Konventionen, die uns Halt geben. Das erklärt die Kircheneintritte – die katholische Kirche spricht bereits vom Berliner „Wunder von Prenzlauer Berg“ – und auch die Beschwerde des Rappers Marteria: „Jeder geht jetzt joggen, redet über seinen Bauch. Bevor die lila Wolken kommen, sind alle längst zu Haus“, mosert er in seinem Song „Kids“. Denn selbst die Jugendlichen, deren Privileg es bisher war, unspießig zu sein, geben sich lieber konservativ. Das zeigte eine im Juni 2013 von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte Umfrage: Zu den wichtigsten Werten zählen für junge Deutsche „Respekt“ (95 Prozent), „Ordnung“ (94 Prozent), „Heimat“ (93 Prozent) und „Sicherheit“ (93 Prozent). 

Wir können auch mal loslassen

Klar, Klimawandel, Revolutionen, Lebensmittelskandale, Wirtschaftskrise – irgendeine Bedrohung schwebt immer über uns. Verglichen mit vielen anderen Nationen leben wir jedoch im Wohlstand. Wir könnten durchaus mal loslassen. Aber gerade das fällt umso schwerer, je mehr man zu verlieren hat. In einer von PETRA in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage antworteten 71 Prozent der deutschen Frauen auf die Frage, ob sie manchmal gerne freier, wilder und unangepasster wären, mit „Nein“. Trotzdem begeisterten sich Anfang des Jahres Millionen für den Poetry-Slam-Text der Schauspielerin Julia Engelmann: „Eines Tages, Baby, werden wir an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Liken wir solche Ausbruchsfantasien der anderen, nur um selbst ungestört auf dem Sofa sitzen bleiben zu können? Die Philosophin Ariadne von Schirach gehört zu den wenigen deutschen Stimmen, die sich gegen ein zu glatt geschliffenes Leben aussprechen. „Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst“ (Tropen, 17,95 Euro) heißt ihr Plädoyer für mehr Laisser-faire. Sie warnt darin vor den Zwängen, denen wir uns viel zu oft freiwillig unterwerfen. „Wir bewohnen unsere Körper nicht mehr. Wir bewirtschaften sie“, sagt die Autorin. „Wir achten darauf, uns gesund zu ernähren, leben asketisch, bemühen uns, möglichst viel Sport zu treiben. Und all das nur, weil wir insgeheim glauben, dass wir, wenn wir nur alles richtig machen, nicht sterben müssen.“ Auch unsere Freundschaften und Liebesbeziehungen sind laut von Schirach dem Wunsch nach Kontrolle unterworfen: „Wir sind auf Fehlervermeidung getrimmt.“ Doch dadurch, sagt sie, geht uns etwas Wichtiges verloren: „Die Lebendigkeit. Denn unser Streben nach Sicherheit führt dazu, dass wir Lebendiges in Berechenbares verwandeln.“

Permanenter Stillstand

Für 2014 prophezeite der Trendforscher Peter Wippermann in einer österreichischen Zeitschrift deswegen „permanenten Stillstand“. Wahrscheinlich wollte er uns warnen: Wir befinden uns im Auge des Hurrikans. Jede Bewegung, die zu groß wird, begünstigt eine Gegenbewegung. Unsere spießigen Anwandlungen sind – zumindest teilweise – den rebellischen Aktionen unserer Eltern geschuldet. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die kommenden Generationen gegen unsere Vorstellung von Moral und gutem Leben auflehnen werden. Bis es so weit ist, sollten wir unsere selbst gezogenen Grenzen genießen: die spießigen Scrabble-Turniere mit unseren Nachbarn, die gemeinsamen „Tatort“-Abende bei alkoholfreiem Bio-Weißbier, die Schmorbraten-Kochkurse, Dia-Abende mit unseren Müttern und Spaziergänge über Streuobstwiesen. Wir sollten es uns gemütlich machen und kuschelig. Denn, so räumt selbst Ariadne von Schirach ein: „Alles hat seine Zeit.“ Und das Oben-ohne-Wandern kommt früh genug wieder in Mode.

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Quelle: Petra, Ausgabe 06/2014