8. März 2011
Kinderstar Willow Smith

Kinderstar Willow Smith

Sohn Jaden ist ein Filmstar, jetzt wird Tochter Willow als Popsängerin vermarktet. Wie Will und Jada Pinkett Smith ihren Kids die Kindheit stehlen – und das ganz normal finden.

Willow Smith
© Getty Images
Willow Smith

Zum Interview mit US-Moderator Ryan Seacrest erscheint Willow Smith in pinkfarbenen Hotpants und angesagtem Military-Jäckchen. „Worum geht es in deinem Song?“, fragt Seacrest, und die Zehnjährige erklärt: „Nun, er soll die Leute bestärken, zu ihrer Individualität zu stehen. Sei einfach du selbst, lass dir von anderen nicht einreden, wie du leben sollst.“ Dazu knipst sie so ein überzeugendes PR-Lächeln an, wie es selbst gestandene Vertreter erst nach 20 Berufsjahren hinkriegen. Der Moderator macht einen schwachen Witz, und Willow wirft lachend den Kopf in den Nacken, als hätte sie im Leben noch nie so etwas Lustiges gehört. Zwei Sekunden später ist sie wieder konzentriert bei der Sache. Nächste Frage, bitte!

Spätestens an dieser Stelle beschleicht einen das Gefühl, dass irgendwo hinter der gläsernen Studio-Scheibe Will Smith mit einer Fernsteuerung in der Hand steht. Sobald die Sendung zu Ende ist, wird er zu seiner Tochter gehen und auf den Ausschaltknopf im Nacken drücken. Danach klemmt er sich Willow unter den Arm und fährt zum nächsten Termin. Okay, das war übertrieben.

Um es vorwegzunehmen: Willow Smith ist klasse. Wir finden sogar ihren Singlehit „Whip My Hair“ richtig gut. Aber der kleine Fratz benimmt sich so erwachsen, dass es einen gruselt. Da wären die extravaganten Outfits, in denen Willow immer aussieht wie Rihanna, nachdem sie zu heiß gewaschen wurde. Oder die Tatsache, dass das Mädchen drei Tage lang brav mit ihrer Mutter bei der Fashion Week in Mailand in der ersten Reihe saß. Um hinterher aufgeregt zu schwärmen, dass sie – Oh! My! God! – Domenico Dolce kennenlernen durfte. Nicht Zac Efron, nicht Justin Bieber, sondern ein glatzköpfiger, mittelalter Italiener bringt dieses Kind zum Ausflippen. Das ist doch nicht normal. Auch nicht lustig – im Gegenteil.

Familie Smith
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Bilderbuchfamilie (v.l.): Jaden, Willow, Jada Pinkett Smith und Vater Will

Es ist tragisch, wie hier ein kleines Mädchen in die Erwachsenenwelt geschubst wird. Von Eltern, die es eigentlich besser wissen müssen. Aber Will und Jada Pinkett Smith kennen anscheinend kein Pardon, wenn es darum geht, die Karriere ihrer Kids anzukurbeln. Sohn Jaden, 12, stand schon mit seinem Vater für „Das Streben nach Glück“ vor der Kamera und spielte dieses Jahr die Hauptrolle in „Karate Kid“. Inklusive einer anstrengenden Promo-Tour, die den Jungen quer um den Erdball führte. Immer wieder neue Hotelzimmer, rote Teppiche, jede Menge PR-Leute, die um einen herumscharwenzeln. Ein Erwachsener muss schon sehr geerdet sein, um bei diesem Lifestyle nicht abzuheben. Und ein kleiner Junge? Kein geregelter Alltag, keine Fußballturniere am Sonntag, kein sinnloses Abhängen mit den Kumpels. Stattdessen: Smile! You are on camera!

„Es war beängstigend, so jung berühmt zu werden. Ich sollte immer älter sein, professionell und verantwortlich, darum hatte ich nie eine Ahnung, wie alt ich war“, erinnert sich Drew Barrymore, die mit 13 Jahren ihren ersten Selbstmordversuch unternahm – da hatte sie schon eine Kiffer und Koks-Karriere hinter sich. Sie ist nicht der einzige Star, dem die Kindheit gestohlen wurde. Sänger Aaron Carter, inzwischen 23, gestand gerade heulend vor TV-Kameras, dass er als Kind den Druck nicht mehr ertragen habe, seine ganze Familie ernähren zu müssen. Genau wie Britney Spears oder Lindsay Lohan, die von ehrgeizigen Müttern angefeuert wurden, suchte er Zuflucht in den Drogen. Die ehemaligen Kinderstars Brittany Murphy, River Phoenix oder Brad Renfro („Der Klient“) haben am Ende sogar mit ihrem Leben bezahlt.

„Du kannst deinem Kind nichts Schlimmeres antun, als es in dieses Business zu stecken“, erklärt auch Natasha Lyonne. Sie spielte als Sechsjährige in TV-Serien mit, später in Kinofilmen wie „American Pie“ oder Woody Allens „Alle sagen: I Love You“. Dann brach sie zusammen, war heroinsüchtig, eine Weile sogar obdachlos. Erst jetzt, mit 31, hat sie wieder Boden unter den Füßen gefunden und startet als Schauspielerin neu durch: „Mit sechs Jahren war ich eine Geschäftsfrau, mit zehn Jahren ein abgestumpfter Profi. Und plötzlich war meine Kindheit zu Ende. Ich glaube, meine Eltern haben es nicht besser gewusst. Es war eine Entscheidung, die auf naiver Ignoranz basierte.“

Das kann man von Vater und Mutter Smith nun wirklich nicht behaupten. Beide sind erfolgreich, wissen aber auch, wie hart das Geschäft sein kann. Warum gönnen sie Willow und Jaden trotzdem kein unbeschwertes Leben jenseits des Rampenlichts? Aus Eitelkeit? „Willow ist ungemein talentiert“, schwärmt Rap-Mogul Jay-Z, der die Sängerin für sein Plattenlabel unter Vertrag genommen hat. „Wenn du so begabt bist, dann gibt es kein ‚zu jung‘.“ Das hören Eltern natürlich gern. Vor allem, wenn es aus dem Mund eines Produzenten kommt, der schon die 16-jährige Rihanna entdeckte.

Vielleicht ist es für Will und Jada Pinkett Smith auch einfach das Normalste der Welt, wenn die Kinder in ihre Fußstapfen treten (wollen). Genau wie für einen Bauern, der seinen Sohn mit zwölf auf den Traktor setzt – in der Hoffnung, dass der irgendwann den Hof übernimmt. Eine andere Erklärung: Die Smiths sollen der Scientology-Sekte nahestehen. Kinder sind, laut deren Lehre, nur Menschen in zu kleinen Körpern, die wie Erwachsene behandelt werden sollen. (Das würde übrigens auch die Pumps von Suri Cruise begründen) Als der Videoclip zu „Whip My Hair“ bei einer Liveshow im Fernsehen präsentiert wurde, brach Willow Smith übrigens in Tränen aus. Angeblich vor Rührung, wiegelte das Presse-Department später ab. Vielleicht aber auch aus Erschöpfung. Denn im Gegensatz zu anderen Mädchen, die in Mamis Pumps schlüpfen und so tun, als seien sie erwachsen, ist es für Willow die Realität. Ihre Single ist ein riesiger Erfolg, im Frühling soll nun auch ein Album folgen. Das Spiel ist zu Ende. Willow Smith ist jetzt ein Popstar.

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