17. Juni 2010
Barfuß durch Lissabon

Barfuß durch Lissabon

„Einfach mal raus!“, dachte sich PETRA-Redakteurin Katja Kullmann und hat ganz kurzfristig einen Spontan-Trip nach Lissabon gebucht. Zwar mit den falschen Schuhen im Gepäck – aber mit viel Spaß unterwegs  

© Maxime VIGE - iStockphoto

Ob ich „ordentliches Schuhwerk“ besäße, hatte meine Freundin Gitta als Erstes gefragt. Ja, die gute Gitta ist ein überaus praktisch veranlagter Mensch. Über ihren Mutti-Kommentar war ich dann aber doch etwas irritiert. Denn: Gerade hatte ich ihr erzählt, dass ich, erstens, plötzlich wieder Single wäre, und dass ich, zweitens, nach Lissabon fliegen würde – ganz ohne Begleitung, komplett allein. „Meine Traumstadt seit Jahren!“, rief ich. „Und nun fahre ich da einfach mal hin. Völlig spontan! Denn nun bin ich ja wieder frei, frei wie ein, äh, nun ja, aus dem Nest gefallenes Vögelchen…“ Statt also mein angeknackstes Herz zu bemitleiden oder meine Tapferkeit zu loben, hielt Gitta mir ein Stegreif-Referat über Blasenpflaster für die Füße. Schon zwei Mal war sie in die portugiesische Hauptstadt gereist – und schickte mir einen Tag nach unserem Gespräch ein Päckchen mit einlegbaren Silikonpolstern für untenrum, „gegen Druckstellen und andere Probleme.“ Ja, sie prophezeite mir allen Ernstes: „Du wirst stolpern und schlittern, auf Kopfsteinpflaster und über Treppenstufen. Aber die Stadt wird dir trotzdem guttun!“

Frühsommer, Zwischensaison, ich warf ein paar leichte Kleider in den Koffer, drei Sonnenbrillen und meine blitzblaue Lieblingsbluse. Hübsch wollte ich aussehen, bei meinem Post- Beziehungs-Solistinnen-Städte-Trip. Hier und da ein Vanilletörtchen auf einer schattigen Terrasse naschen, den einen oder anderen Galao trinken, wie der Milchkaffee auf Portugiesisch heißt: einfach unbekümmert ein wenig herumschlendern! Irgendwie saß Gittas Warnung mir beim Packen aber doch im Nacken. Und so quetschte ich ein Paar Quadratlatschen ins Gepäck, zu den Peeptoes, den Pantoletten mit Pfennigabsätzen und dem Stadtplan der Sorte „Lissabon für Einsteiger“.

Leichtes, salziges Atlantikklima

Kaum bin ich dann aus dem Flugzeug gestiegen, streicht ein ganz besonderes Lüftchen über mein Gesicht. 25 Grad zeigt das Airport-Thermometer. Es ist eine andere Wärme als am Mittelmeer, leichter, bewegter, salziger – Atlantikklima, genau das Richtige für mein Bedürfnis nach seelisch-moralischer Erfrischung. An Palmen vorbei kutschiert ein Taxifahrer mich ins Zentrum, an einer Hauswand lese ich ein englischsprachiges Graffito: „Touristen: Respektiert die portugiesische Ruhe oder geht nach Spanien!“ Dann fahren wir – Ironie des Schicksals? – an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei. Schließlich halten wir an der „Praça de D. Pedro IV“. Dort liegt mein Domizil für die nächsten drei Tage: das „Internacional Design Hotel“. Der Paradeplatz, von den Einheimischen kurz „Rossio“ genannt, gilt als beliebter Treffpunkt downtown, denn von hier aus lassen sich die spannendsten Plätze schnell zu Fuß erreichen: die Unterstadt Baxia mit ihren Bummel-Straßen; das verwinkelte Ausgehviertel Bairro Alto; der berühmte Stahl-Fahrstuhl „Elevador de Santa Justa“. Auch wegen dieser Top-Lage hatte ich mir genau diese Herberge aus dem Internet herausgepickt. Und wegen des Stylings natürlich. Auf der „Pop“-Etage hatte ich mich eigentlich einmieten wollen, in ein Zimmer mit pinkfarbenen Pudeln oder anderem Deko-Schnickschnack. Doch da ich mit der Buchung etwas spät dran war, landete ich auf dem „Tribu“-Stockwerk, das in afrikanischem Lodge-Stil eingerichtet ist.

„Jede Etage eine andere Themenwelt“, erklärt stolz der junge Mann, der mich durch die Flure führt. Im Zimmer ein wenig Zebralook, etwas Bast-Deko, dunkles Holz: zwar nicht Koons oder Warhol, aber auch schön. Ich öffne die Balkontür, betrachte unten die Spaziergänger, schnappe Satzfetzen der herb-melodischen Sprache auf, die ich beim besten Willen nicht verstehen kann, lausche dem Plingplong der Straßenmusikanten, dem Cafétisch-Geklapper – und beschließe, meinen ersten Ausflug in zierlichen Pantoletten zu unternehmen.

Erst einmal geht’s Richtung Wasser, hinunter zum Tajo-Ufer über Lissabons traditionelle Fußgängerzone, die Rua Augusta. Herrlich exaltierte Damenmodengeschäfte, rührend angestaubte Herrenausstatter und Bäckereien wie aus einer anderen Zeit reihen sich aneinander. Hier und da hat sich eine Mini-Boutique mit flottem Krimskrams dazwischengezwängt, und zunächst ist keine der bekannten Einheits-Klamottenketten zu sehen. Wie exotisch, wie anders, wie schön!

Am Schaufenster von „A Outra Face da Lua“ bleibe ich kleben sowohl bewegungstechnisch als auch optisch: Mein rechter Miniabsatz hat sich im Kopfsteinpflaster verkeilt (Gitta ist eine kluge Frau) – und mein Blick hat sich an ein fantastisch gemustertes Kostümjäckchen geheftet. Erst mit Verzögerung kapiere ich, dass hier Vintage-Mode verkauft wird. Drinnen verliebe ich mich sofort in ein makelloses Louis-Féraud-Jersey- Dress aus den 7oer-Jahren und finde auch den Preis von 80 Euro schwer in Ordnung. An einer kleinen Theke verkauft Shop-Inhaberin Carla Getränke und Sandwiches. Voilà: Meine erste vollportugiesische Milchkaffee-Pause!

Locker komme ich mit der 36-Jährigen ins Plaudern, keine stört sich am Stotter-Englisch der anderen. Wenn ich mich für die Stile vergangener Epochen interessiere, solle ich ins „Mude“ gehen, rät Carla. Gut, dass ich diese Person kennengelernt habe! Im „Museu Design Moda“ sind Möbel- und Mode-Stile des 20. Jahrhunderts ausgestellt – von 30er-Jahre-Kleidern über Fifties-Wohnzimmer-Dekorationen bis hin zu Jean-Paul Gaultiers albernen Plüschtierjacken aus den 80ern. Ulkig!

Wieder an der frischen Luft, strauchele oder stolpere ich nicht. Diesmal rutsche ich gleich aus. Wie frisch gebohnert blitzt der Steinboden, welches Scheuermittel auch immer die Portugiesen da benutzen. So tausche ich meine Pantoletten gegen die Bequemtreter, die ich vorsorglich schon die ganze Zeit in meiner Tasche herumschleppe. (Ja, Gitta, du hast Recht!) Bald erreiche ich das Tajo-Ufer – und bin ein wenig enttäuscht. Irre breit ist der Fluss, der wenige Kilometer weiter ins Meer mündet. Aber leider ist das Ufer mit Zäunen abgesperrt. Bei einem Postkartenverkäufer erkundige ich mich: „Wo kommt man denn ans Wasser heran?“ In Belém solle ich es versuchen, im alten Hafenstadtteil weiter westlich.

Torre de Belém
© iStockphoto
Torre de Belém

Und tatsächlich: Zu Fuße des berühmten Entdecker-Denkmals, nahe des alten Festungsturms „Torre de Belém“ in maurischem Stil, lässt es sich herrlich urlaubsartig am Fluss entlang promenieren. Hier liegt auch das „Altis Belém“, ein ultramodernes Spa-Hotel mit Restaurant und schicker Ufer- Lounge. Und genau dort genieße ich mein zweites vollportugiesisches Verschnaufpäuschen. Zwar ist es erst später Nachmittag, doch ich kann ja machen, was ich will, und so genehmige ich mir einen Martini. Der Kellner hält mich anfangs für eine Portugiesin. „Du bist so dunkelhaarig und so zierlich, so hübsch!“– „Ha!“, denke ich. „Genau!“ Mit einem kleinen Holzpiekser durchbohre ich eine Olive und stelle mir vor, die Frucht sei mein Ex-Freund.

Für den nächsten Tag nehme ich mir zwei Ruckel-Zuckel-Touren vor: Ich möchte mich von der berühmten Tram-Linie 28 durch enge Gassen schuckeln lassen und von dem uralten Riesenlift auf- und abgehoben werden – Karussellfahren für Erwachsene.

Mit einem Teller kross gegrillter Sardinen und einem Glas Vinho Verde starte ich später ganz klassisch in die Lissabonner Nacht, in einem Open-Air-Restaurant am Rande des Ausgehviertels Bairro Alto. Zwar bin ich die einzige allein speisende Person auf der Terrasse. Doch es gefällt mir überraschend gut. Ungestört kann ich „Leute gucken“, die Leute gucken freundlich zurück, und mit einem weltfraulichen Gefühl im Bauch nehme ich mir so dies und das für meine Zukunft vor.

Meine ultrahohen Peeptoes habe ich fürs Ausgehen angelegt, was ich (natürlich!) zügig wieder bereue. Ziemlich unbeholfen stöckele ich weiter durch die steilen Altstadtgassen. Ein unbekannter Sound lockt mich in eine Kneipe. Eine stolze, dunkle Frauenstimme singt etwas, das ich nicht verstehe, doch der Klang berührt mich. Für 20 Minuten lausche ich einer Fado-Darbietung. Fado ist die portugiesische Volksmusik, eine Art südländischer Blues. Auch die Sängerin hat bestimmt eine Ex-Freunde-Liste, denke ich. Sie zwinkert mir zwei-, dreimal zu – bilde ich mir jedenfalls ein.

Durch die laue Atlantiknacht schlendere ich weiter, lunse mal in diese, mal in jene Bar. Die doofen Schuhe ziehe ich aus, warm genug ist es ja. An meiner linken Hand lasse ich die Treter baumeln, in meiner Rechten halte ich eine Flaneurinnen-Zigarette. Meine blanken Fußsohlen küssen das Kopfsteinpflaster, oder umgekehrt, oben funkeln ein paar Sterne, und ich denke: Die Welt mit all ihren schönen Orten gehört mir. Vorerst mir ganz allein.

UNSERE TIPPS FÜR EIN WOCHENENDE IN LISSABON

REISEZEIT
Die portugiesische Hauptstadt ist als Reiseziel ideal für die Neben- oder Zwischensaison. Im Frühjahr (April–Juni) sowie im Herbst (Sept./Okt.) herrschen angenehme Temperaturen von um die 20 Grad, am Abend kann es mal etwas kühler werden. Zwischen Nov. und März oft Dauerregen.

FLÜGE
Die staatliche Fluglinie TAP Portugal bietet direkte Verbindungen von mehreren deutschen Städten an, hin und zurück für rund 400 €, je nach Saison. Auf Spezialtarife achten! Infos über www.flytap.com/deutschland. Auch Air Berlin (www.airberlin.com) und Germanwings (www.germanwings.com) haben Lissabon im Programm.

UNTERKUNFT
Für ein kleines Budget empfiehlt sich das Hotel Florescente (www.residencialflorescente.com). Die etwas biedere Einrichtung wird durch die ruhige, aber zentrale Lage wettgemacht. EZ ab 40 €, DZ ab 60 €, immer wieder auch Spezialangebote. Luxuriöser und stylisher nächtigt man im Design- Hotel am Rossio (www.internacionaldesignhotel.com). Im Juni liegen die Tarife z.B. bei rund 119 € fürs EZ und rund 149 € fürs DZ, ohne Frühstück. Edle Nächte zum Schnäppchenpreis kann man mit etwas Glück im Altis Belém am Tajo-Ufer (www.altishotels.com) ergattern. Das 2008 eröffnete Haus bietet neben einem großen Spa-Bereich auch mehrere Bars und Top-Restaurants, liegt aber etwas abseits des Zentrums. Spezial-Pakete sind oft sehr günstig, vor allem wenn man zwei bis drei Monate im Voraus bucht. Beispiel: drei Nächte im „Deluxe“-Zimmer mit Frühstück, Sauna, Hamam- und Pool-Zugang für 230 € p. P.

BUMMELN & SHOPPEN
Mode-Freaks werden das toll ausgestattete Mude-Museum für Design und Fashion lieben (www.mude.pt). Liebevoll ausgewählte Retro-Originale zum Kaufen gibt’s in der Café-Boutique A Outra Face da Lua (www.aoutrafacedalua.com). Aktuelle, sehr weibliche Mode – die hierzulande garantiert noch niemand trägt – bieten die Storytailors (www.storytailors.com).

NASCHEN & LOUNGEN
Die weltbesten Vanilletörtchen werden seit 1837 bei Pastéis de Belém gebacken (www.pasteisdebelem.pt). Original-Fado-Klängen lauscht man am besten im urigen Gewölbe des Clube de Fado (www.clube-de-fado.com). „Jede Nacht beginnt ein neuer Tag“ ist das Motto der angesagten In-Bar „Art“ (www.artlisboa.com).

Lade weitere Inhalte ...