Experten-Interview Verhüten mit der Temperatur-Biosensor-Methode 2.0

Immer mehr Frauen wollen bei der Verhütung auf die Zufuhr von Hormonen verzichten. Eine Alternative ist die Temperaturmethode, bei der anhand der Basaltemperatur die fruchtbaren Tage errechnet werden können. Prof. Henry Alexander, Leipziger Reproduktionsmediziner und Gynäkologe hat uns zu diesem Thema die wichtigsten Fragen beantwortet.

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Prof. Alexander, was hat es eigentlich mit der Temperaturmethode auf sich?

Die tägliche Temperaturmessung ist eine bewährte Methode zur Bestimmung der Zyklusgesundheit beziehungsweise des Eisprungs. Das ist besonders interessant für Frauen mit Kinderwunsch, aber auch für Frauen, die alternativ verhüten möchten. Anhand der Temperatur kann man bekanntlich die fruchtbare Phase in einem Zyklus bestimmen.

Wie funktioniert die Temperatur-Methode zur Verhütung genau?

Die Temperatur wird jeden Tag aufgezeichnet und die einzelnen Punkte miteinander verbunden. Das Ergebnis ist eine Kurve. Diese spiegelt die hormonellen Prozesse im Körper der Frau wider. Die Temperaturveränderungen schwanken dabei nur um 0,3-0,5 Grad.

 

Ein gesunder Zyklus besteht aus zwei Phasen. In der ersten Phase – vor dem Eisprung – ist die Temperatur auf einem niedrigen Niveau und fällt leicht ab. Der niedrigste Temperaturpunkt in Verbindung mit einem ansteigenden Temperaturverlauf ist ein Zeichen dafür, dass der Eisprung bevorsteht. Dieser findet spätestens 48 Stunden nach diesem Temperaturtief statt. In der zweiten Phase bleibt die Temperatur oben und sinkt erst wieder mit der eintretenden Menstruation, also dem neuen Zyklus. Ist die Frau in dieser Zeit schwanger geworden, bleibt nicht nur die Regel aus, sondern auch die Temperatur bleibt oben.

Wie misst man am besten die Temperatur? Mit dem Fieberthermometer?

Dies ist sicherlich die günstigste Methode, aber gleichzeitig erfordert diese Art der Temperaturüberwachung extrem viel Disziplin. Die Frau muss einmalig jeden Morgen zur selben Zeit messen. Egal ob am Wochenende, bei Schichtarbeit, nach durchfeierter Nacht oder im Urlaub. Frauenärzte empfehlen den Frauen ihre Morgentemperatur immer zur gleichen Zeit aufzuschreiben. Anhand der Daten kann der Arzt Aussagen zum Zyklus machen. Aber es gibt heute schon modernere Methoden, die die Messung erleichtern und eine Vielzahl von Messpunkten am Tag liefern können

Sie haben selbst eine neue Methode entwickelt. Wie unterscheidet sich diese von der herkömmlichen Temperaturmethode?

Wir haben in Leipzig an der Universitätsfrauenklinik einen Ring entwickelt, in den ein Biosensor eingeklickt wird, der die Körperkerntemperatur alle fünf Minuten misst und aufzeichnet. Der Ring wird tief in die Scheide eingeführt und einen ganzen Zyklus lang im Körper getragen. Am Ende wird der Ring herausgenommen und der Sensor am Computer ausgelesen. Die Frau kann die Zeitdisziplin zur Temperaturmessung also eigentlich vergessen und bekommt trotzdem genauere Daten zu ihrem Zyklus als jemals zuvor.

Damit ist es uns nun erstmals weltweit gelungen, ganztägig im Fünfminutentakt Temperaturdaten aus dem Körperinneren zu erfassen. Die Kurve wird datensicher und anonym ins Netz geladen. Eine spezielle Software hilft beim Analysieren. Mit einem speziellen Algorithmus werden der fruchtbare Zeitraum und der Eisprung angezeigt und Vorhersagen zum künftigen Zyklus getroffen. Und wer es ganz genau wissen will, kann auch täglich den Sensor auslesen. Da kann die alte Thermometermethode nicht mithalten.

Welche neuen Erkenntnisse sind mit der modernen Methode zu Tage getreten?

Bisher galt die Meinung, dass die Temperatur morgens vor dem Aufstehen am niedrigsten ist, da es bislang faktisch nicht möglich war, 24 Stunden am Tag zuverlässige Temperaturdaten zu erfassen. Die niedrigste Temperatur am Tag, die sogenannte Basaltemperatur, wurde aber mit dem neuen Biosensor häufig mitten in der Nacht gemessen, und eben nicht kurz vor dem Aufstehen. Wir haben außerdem bestätigen können, dass zwischen dem Eisprung und dem Einsetzen der Menstruation kein direkter Zusammenhang bestehen muss. Es gibt Frauen, die menstruieren, ohne einen Eisprung zu haben.

Für wen eignet sich die Temperaturmessung als Verhütungsmethode?

Es gibt eine Reihe von Frauen, die mit der Temperaturmethode verhüten, meist in Kombination mit anderen Methoden, wie der Zervixschleim- und Muttermundbeobachtung. Die sogenannte symptothermale Methode ist bei konsequenter und genauer Anwendung fast so zuverlässig wie hormonelle Kontrazeptiva. Gerade Frauen, die bereits ein oder mehrere Kinder haben und keine Hormone mehr schlucken möchten, diese aus medizinischen Gründen nicht nehmen dürfen oder sich eben bewusst gegen eine hormonelle Variante entscheiden, verhüten auf diese Weise. Durch den OvulaRing können sie die Effektivität dieser Vorgehensweise perfektionieren.

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