Trend Woran wir heute glauben

Hat der liebe Gott ausgedient? Statt zu beten, schöpfen immer mehr ihre Kraft aus Freundschaften, finden Freude am Spirituellen und basteln sich je nach Lebenslage sogar ihre eigene Religion.

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Ersatzreligionen verdrängen den Glauben an Gott

Angesagte Popsongs statt Orgelgeleier, wissenschaftliche Vorträge anstelle der Predigt, Spendenlauf statt Kaffeekränzchen: Wenn zwei Stand-up-Comedians Anfang 30 beschließen, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen, ahnt man schon, dass kein langweiliger Liturgieverein dabei herauskommt. Was dagegen keiner angenommen hätte: dass die „Sunday Assembly“, wie sich die ge- meinnützige Organisation nennt, binnen eines Jahres vom Sonntagstreff im Londoner Islington zur Weltgemeinde in 65 Städten, von London bis Los Angeles, von Berlin bis Sydney, avancieren würde. Das Credo ihrer Versammlungen: „Live better, help often, wonder more“ (Besser leben, öfter helfen, mehr staunen). Eine Art Ersatzreligion, nur ohne Gottes Hilfe, denn an den glaubt hier niemand. Die Initiatoren Sanderson Jones und Pippa Evans möchten weder sektenhaft noch atheistisch verkniffen sein – und scheinen gerade deshalb den Nerv der Zeit zu treffen. Während in den vergangenen fünf Jahren allein in Deutschland 2,6 Millionen Menschen aus der katholischen und evangelischen Kirche ausgetreten sind, trauen internationale Medien der „Sunday Assembly“ zu, sich zur am schnellsten wachsenden Weltanschauungsgemeinschaft der Geschichte zu mausern.

Unverbindlichkeit lockt junge Menschen in Ersatzreligionen
Was veranlasst die Menschen (überwiegend Mitte 30, akademisch geprägt und der Mittelschicht angehörend) dazu, auf der Lohnsteuerkarte „konfessionslos“ anzukreuzen – nur um sich eine neue Gemeinschaft zu suchen, die sonntags zusammen singt, schweigt und sammelt? Es scheint vor allem das Unbürokratische und Unverbindliche zu sein, das viel beschäftigte Großstädter anzieht. Das Gefühl, sich engagieren zu können, ohne sich anmelden oder verpflichten zu müssen. Religion soll heute möglichst unideologisch und leichtfüßig funktionieren. Den Allmächtigen, das Jüngste Gericht und die Beichte will sich hierzulande kaum einer mehr antun. Wer überhaupt an einen Gott glaubt, möchte ihn als helfende Instanz begreifen, als Hoffnungsträger und Haltgeber. Und wenn schon beten, dann nicht zwingend in der Kirche. Frömmigkeit gilt laut einer aktuellen Studie des Sinus Instituts als naiv. Religiosität im Alltag ist peinlich geworden. Verbindlichkeit gegenüber einem dogmatischen Weltbild gibt es nicht mehr. Ein solches unreflektiert zu übernehmen wird sogar eher als bedrohlich empfunden.

Flexible Wege statt strengen Vorgaben
„Geglaubt und gelebt wird nur das, was zum persönlichen Leben passt. Den Rest lässt man weg“, sagt Christiane Miethge, 31, Autorin des Buches „Mit ohne Gott? Sieben Einsichten, woran man alles glauben kann“ (Gütersloher Verlagshaus, 225 S., 17,99 €). Miethge startete vor etwa zwei Jahren den Blog woranglauben.de: Sie wollte erspüren, was unserer Gesellschaft in Zeiten leerer Kirchen und voller Yogakurse Halt gibt. Binnen kurzer Zeit gab es Tausende Kommentare und Videos, eine Flut privater Bekenntnisse, die individueller kaum hätten sein können. Statt sich wie früher streng an einer bestimmten Glaubensrichtung zu orientieren, scheint heute die Mehrheit nach flexiblen Wegen zu suchen. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, die Realitäten so individuell und die Welt so wandelbar. Miethge: „Warum sollte Gott von dieser Diversität verschont bleiben?“ In der Folge docken sich Menschen mit ihrem Verständnis von Religion immer da an, wo sie gerade persönlich stehen: Sie heiraten in der Kirche, finden ihre Kraft in einem Meditationskurs und legen einen Talisman unter ihr Kissen. Angesichts einer Geburt bestaunen sie das Wunder des Lebens, beim Anblick des Himmels die Unendlichkeit des Universums. An einigen Tagen glauben sie fest daran, alles erreichen zu können; und hoffen in anderen Momenten auf das rettende Schicksal. Natürlich trifft nicht alles davon auf jeden zu. Riten, Symbole und Denkweisen vermischen sich, die vor einigen Jahren noch strikt getrennt worden wären.

Niemand schafft es ohne Sinn und Halt durchs Leben
Bei aller Bastelei bleibt ein gemeinsamer Nenner: das Bedürfnis nach einem verbindlichen Wertesystem, nach einem tieferen Sinn und nach Zusammenhalt. Denn gerade weil Wissenschaft und Technik die Welt entzaubert haben, kommt keiner ohne Sinn und Halt aus. Gerechtigkeit ist vielen wichtig, Freiheit, Dankbarkeit, Moral und Ethik. „Wir glauben nicht an Gott, aber an das Gute“, sagt auch Sanderson Jones von der „Sunday Assembly“. Und ruft dazu auf, für die Brustkrebshilfe zu spenden, den Kindergarten um die Ecke zu streichen, nachhaltiger einzukaufen. Andere „Glaubens-Bastler“ konzentrieren sich darauf, ihren Kindern ein gutes Leben zu bereiten, ihre Freundschaften zu pflegen oder sich für den guten Zweck einzusetzen. Ein Irrglaube ist es, dass jene, die die Existenz einer höheren Macht ausschließen, weniger sinnerfüllt leben würden. Dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zufolge glaubt knapp die Hälfte der Deutschen nicht mehr an Gott. Trotzdem leiden sie nicht häufiger an einer Sinnkrise als Religiöse. Das liegt vor allem daran, dass fast jeder Mensch an Ritualen festhält. „Wir brauchen Rituale, um unseren Alltag zu strukturieren, ihm Bedeutung zu verleihen“, sagt Christiane Miethge. Deshalb werden die großen Lebensfeiern der Kirche heute auch immer öfter frei adaptiert.


Das Zeitalter der Ritualdesigner beginnt
Dafür haben sich in Deutschland mittlerweile mehr als 320 freie Redner, Zeremonienmeister und „Ritualdesigner“ etabliert, wie „Die Zeit“ sie neudeutsch taufte. Sie laufen Pfarrern und Pastoren den Rang ab, indem sie Namens- und Begrüßungsfeste, Hochzeiten und Taufen unkompliziert auf dem Berggipfel, in Schlössern oder an Stränden veranstalten. Sie predigen modern und undogmatisch. Und verleihen der Zeremonie den gewissen Zauber, indem sie Luftballons steigen lassen, Musik einbeziehen und die Mystik des jeweiligen Ortes nutzen. Statt einen Bibelvers heranzuziehen, wenn ein Paar sich die ewige Treue verspricht, darf es seinen Lieblingssong zitieren. Ihren Segen schenken Freunde, keine Heiligen. Und noch eine neue Form der Religion wird gesellschaftsfähig. Experten nennen sie die „unsichtbare Religion“. Sie zeigt sich dort, wo Menschen eins miteinander werden, die Emotionen hochschlagen und sich ein Mythos breitmacht. Fußball-WM, Popkonzert, Fashion Week. „Spieler gelten als Fußball-Götter, Popstars lassen sich wie Heilige verehren, Models schweben mit Flügeln über den Laufsteg“, schildert Miethge diese „impliziten religiösen Erlebnisse“. Es mag einem oberflächlich erscheinen – aber wie bei einem Kirchentag kommen auch bei solchen Veranstaltungen „We are a family“-Gefühle auf, sieht man verklärte Blicke und spürt man den Kult. „Wir sehnen uns nach Transzendenz, nach dem Aufgehobensein in einem größeren Ganzen“, sagt Miethge.

Neue, moderne Propheten und Glaubensrichtungen
Deshalb packen uns auch immer mehr Unternehmen bei diesen unterbewussten Bedürfnissen: Profane Gegenstände wie das iPhone werden mit Bedeutung aufgeladen, zu etwas Heiligem gemacht. Tim Cook darf Prophet spielen, und Tausende Jünger warten des Nachts vor dem Apple-Store, um mit La-Ola-Welle und Umarmung, mit Applaus und im Rausch ihre modernen Heiligtümer entgegenzunehmen. Miethge: „Viele haben es sich bequem gemacht im schönen Schein des Konsums. Sie müssen dann nicht mehr nachdenken, selbst für etwas eintreten, eine eigene Haltung riskieren.“ 35 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als existenziell indifferent – sie räumen keiner Lebensbedeutung einen größeren Stellenwert ein. Und auf den ersten Blick bekommen sie ja auch alles, was sie brauchen, sogar mit schicker Verpackung. „Nur drin ist leider nichts. Nichts, woran es zu glauben, wofür es zu kämpfen lohnt.“ Aber eben weil es sinnstiftende Werte sind, die uns unabhängig von Glaubensgemeinschaften heute noch vereinen können, wäre es gut, sie sich wieder öfter bewusst zu machen. Das eigene Leben zu reflektieren und in sich hineinzuhorchen: „Was ist mir wichtig? Wofür möchte ich einstehen?“ An welchem Ort man zu dieser Erkenntnis kommt – ob am Berg, auf der Matte oder in der Kirche – ist letztlich egal.