Leben Sie dürfen jetzt klatschen

Immer vor sich hin rackern und anderen den Applaus überlassen? Schön blöd. Soll doch jeder wissen, wie super wir sind! Wie wir die Anerkennung bekommen, die wir verdienen - und wann wir getrost auf sie pfeifen können.

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Stolz erklimmt sie den Schreibtisch, winkt lachend in die Menge, wirft Handküsse in die Luft, verbeugt sich und genießt den Applaus. Die Kollegen jubeln ihr zu. Einige haben Fanschals und Plakate mitgebracht. In der ersten Reihe: ihr Chef, zu ihr aufschauend. Die Sekretärin gibt ihm unauffällig einen riesigen Blumenstrauß – den er ihr huldvoll überreicht. Seine Dankesworte gehen im Lobgesang unter. Das gleißende Licht des Großraumbüros funkelt – und dann dringt ein immer lauter werdendes Geräusch durch den Applaus, ein gnadenloses, penetrantes Schrillen.

Der Wecker. Sie wird wach. Es war ein Traum. Nur ein Traum, natürlich. Denn das wahre Leben sieht anders aus. Da kriegt man keine Urkunde, nur weil man einen neuen Kunden akquirieren konnte. Da dankt’s einem keiner, wenn man bis in den späten Abend hinein Aktenberge abarbeitet. Und knallende Korken im Feedback-Gespräch? Undenkbar. Einen Strauß Blumen gibt’s erst, wenn man mit Burn-out zu Hause liegt. Anerkennende Worte und Gesten sind eine Seltenheit geworden. Effizienz und Erfolg werden heute stillschweigend vorausgesetzt. Ein Lob ist schon, wenn niemand meckert. Begeisterung gilt als naiv. „Kaum haben wir ein hochgeschätztes Ziel erreicht, ruft sofort die nächste Herausforderung“, beschreibt Peter Düweke den Kern unserer Leistungsgesellschaft in seinem Buch „Anerkennung.

Ohne sie geht gar nichts! Wie Respekt und Wertschätzung unser aller Leben bestimmen“ (Patmos Verlag, 220 Seiten, 19,90 €). Und zwar nicht nur im Job, sondern auch im Privaten: Ein Like kassiert nur, wer die allerschönsten Bilder shootet. Umringt wird, wer am meisten darstellt. „Schon in der Beziehung zu unseren Eltern streben wir vorrangig Ziele an, die Schulterklopfen und warme Worte versprechen“, sagt Wissenschaftsautor Düweke. Notfalls verbiegen wir uns, schuften und schummeln, um zu gefallen. Wir machen Dutzende Diäten und bringen Stunden in der Umkleide zu, um Komplimente zu erhaschen.

Wir versuchen, es ja allen recht zu machen, indem wir eigene Bedürfnisse hintanstellen. Und fühlen uns nutzlos und unsichtbar, wenn die erwünschte Wirkung ausbleibt. Wenn einfach keiner klatschen will. Soziale Anerkennung ist Düweke zufolge eine der stärksten Kräfte, die uns antreibt. In der Bedürfnispyramide rangiert sie unmittelbar über Essen und Trinken. Bleibt sie uns allzu oft verwehrt, benehmen sich Körper und Psyche wie auf Entzug. Wir brauchen den Rausch, der daraus resultiert, gesehen, gemocht und gelobt zu werden. Nur dann schüttet unser Gehirn dieses herrliche Hormon Dopamin aus, das uns einen Motivationsschub schenkt und für Glücksgefühle sorgt. Lob geht runter wie Öl, macht Bauchkribbeln und versüßt uns den Tag. Plötzlich sind wir super gelaunt, sehen die Welt wieder bunter, werfen selbst mit Komplimenten um uns. Aber mit welchen Tricks kommen wir künftig noch an die Wertschätzungsdroge? Und wann ist es tatsächlich besser, ohne den Applaus der anderen auszukommen – weil wir sonst an Selbstachtung einbüßen würden?

"Chapeau!" - Wie wir im Job mehr Lob kassieren


Der Chef soll ja gar nicht groß tätscheln, muss nicht in Lobeshymnen verfallen, aber bitte bemerken, wer in dem Laden wirklich was leistet. Damit der Vorgesetzte checkt, was er an einem hat, empfiehlt es sich, die eigenen Leistungen transparent zu machen: Ergebnisse schickt man ihm per Mail, statt einen anonymen Ausdruck in sein Postfach zu legen. Das positive Feedback eines Kunden wird geradewegs zu ihm weitergeleitet. Und eine Präsentation wird bitte schön selbst gehalten, wenn man an deren Inhalt maßgeblich beteiligt war. „Wie das Feedback ausfällt, hängt zu 90 Prozent davon ab, wie man selbst über sich denkt“, sagt Diana Dreeßen, Autorin des Buches „Mach dich unbeliebt und glücklich“ (DTV, 240 Seiten, 14,90 €).

Die Management-Trainerin rät dazu, den „inneren Kritiker“ auszuschalten, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und offen zu positionieren: „Es ist sinnvoller, zu einer Wissenslücke zu stehen oder etwas Unbequemes anzusprechen, als übertrieben nach Harmonie zu streben.“ Na schön, vielleicht ist die Kollegin einen Tag mucksch, wenn Sie das Projekt so nicht mittragen wollen. Die dadurch gewonnene innere Freiheit setzt im Zweifel aber mehr Glückshormone frei als ein halbherziger Dank für die Unterstützung. Außerdem lassen sich Vorgesetzte viel eher zu einem Lob hinreißen, wenn sie wissen, wofür man steht. Wer sich hingegen darauf konzentriert, es permanent allen recht zu machen, setzt Dreeßen zufolge eine Demotivationsschleife in Gang und verliert 60 Prozent der Energie, die es zur Erreichung eigener Ziele bräuchte. Statt für seine Ideen zu kämpfen, leistet man langweiligen Dienst nach Vorschrift. Und dafür schätzt einen dann wirklich keiner. Weniger Anerkennung benötigt im Job, wer sich unsichtbare Freunde als Rückendeckung organisiert. „Stellen Sie sich Ihre vier, fünf größten Fans vor“, rät die Job-Expertin Dreeßen. Also Menschen, die einen bedingungslos lieben und begeistert von unseren Talenten sind. „Ihr aufmunterndes Lächeln visualisieren Sie immer, wenn Sie sich beweisen sollen.“ Noch ein Tipp der Trainerin: Kommen doch mal Komplimente, sollte man sie genießen. „Halten Sie es aus, zuzuhören, wenn jemand Ihre Fähigkeiten lobt.“ Statt die Sache herunterzuspielen, nährt man damit seinen Selbstwert und glaubt am Ende auch, dass man die Anerkennung verdient.

"Toll, Schatz!" - Wie man dem Liebsten Dank entlockt und fehlendes Lob der Eltern verkraftet

Ob selbst gemaltes Kunstwerk, mutig erklommener Kletterturm oder erste unsichere Schwimmzüge: Früher haben wir einfach so lange „Guck mal!“ geschrien, gewedelt und gewinkt, bis es von den Eltern ein großes Eis und noch größeres Lob gab. Heute fänden wir es immer noch nett, wenn sie unseren Lifestyle uneingeschränkt bestaunen und jede Entscheidung für großartig befinden würden. Aber Hand aufs Herz: Das ist ja ziemlich unwahrscheinlich. Wahlweise, weil wir ihnen nicht früh genug zu reizenden Enkelkindern verhelfen, zu wenig putzen oder seltsamen und/oder unsicheren Jobs nachgehen. Und weil Wertvorstellungen auseinanderdriften, die früher noch nahezu deckungsgleich waren. Bevor wir also anfangen, uns groß zu rechtfertigen, wenn Mutti mit feuchten Augen von den Nachbarskindern schwärmt, halten wir uns doch lieber an Leute, die unser weltgewandtes, smartes Leben ebenso erstrebenswert finden wie wir selbst. Wir müssen nur wissen, wer wann für motivierenden Zuspruch taugt: Wer gern hören möchte, dass sich die ganze Plackerei im Job bestimmt bald auszahlt, telefoniert mit der Studienfreundin, die gerade Gleiches durchgemacht hat.

Aus ihrem Mund klingt ein „Du schaffst das!“ besonders authentisch und überzeugend. Warm und wichtig fühlt sich auch das Lob des Liebsten an – sofern er daran denkt, es zu äußern. Gehört er zu den 90 Prozent, die das völlig vergessen, fährt man am besten die männliche Strategie und hakt ganz offensiv nach. „Wie sehe ich aus?“, „Na, wie habe ich das hingekriegt?“, „Und, was sagst du zu meinem Erfolg?“ Ist zwar etwas ungewohnt, derart nach Komplimenten zu fischen. Aber tausendmal befriedigender, als still und heimlich auf eine Reaktion zu warten, die im Zweifel ausbleibt. Männer fragen nach dem Sex schließlich auch gern „Wie war ich?“ – und warten nicht nervös darauf, ob wir uns eventuell positiv äußern. Und wenn sein Dankeschön dauernd ausbleibt, nachdem wir seine Socken gewaschen, den Einkauf übernommen und den Staubsauger geschwungen haben, während er den Abend mit Kumpels verbracht hat? Dann hilft statt nervigem Genöle die lässige Tour: nächstes Mal alles liegen lassen und mit den Mädels feiern gehen. Und wenn er nach frischen Sport-Shirts fragt, ein faires Tauschgeschäft anbieten: Einladung zum Essen gegen die nächste Trocknerladung. Der Deal ist geritzt.


"Applaus, Applaus!" - Wann Freunde zum Motivations-Booster werden

Eine Bekannte postet auf Facebook Selfies aus Singapur, Sydney und New York. Und Sie selbst ernten höchstens drei „Gefällt mir“ für ein Foto vom letzten Strandspaziergang. Na und? Vergessen Sie mal den Alltags-Striptease und konzentrieren Sie sich auf ein Update des analogen Lebens. Was macht Sie gerade besonders zufrieden? Was läuft gut, woraus ziehen Sie Kraft? Man kann es sich zur Gewohnheit machen, immer drei solcher Glücks-Facts einzustreuseln, wenn man gefragt wird, wie es einem geht. Dann programmiert man sein Bewusstsein positiv, ist weniger auf die Wertschätzung anderer angewiesen – und sorgt beim Gegenüber für Oho-Momente.

„Die Pokale der anderen scheinen uns zwar immer größer und glänzender als unsere eigenen“, sagt Diana Dreeßen. Aber nur, weil eine Person coole Skylines fotografiert, statt sich allein im Hotelzimmer abzulichten, ist sie noch lange nicht glücklicher – auch wenn sie hundertmal mehr „Wows“ und „Ooohs“ abstaubt. Warum sind wir eigentlich so fixiert darauf, wer uns im weiteren Freundes- und Bekanntenkreis so alles beachtet und bewertet? Peter Düweke zufolge hat das mit unserer Selbstverwirklichungsgesellschaft zu tun. Mit den tausend Optionen, die uns offenstehen, die uns aber auch ständig neue Entscheidungen abverlangen und ganz schön verunsichern können. „Alle wollen sich ausprobieren, sich inszenieren und irgendwie dazugehören“, sagt Peter Düweke. Um das durchzuhalten, braucht man eben hin und wieder ein Zeichen der Zustimmung, einen Wink der Wertschätzung. Seit es keine festen Glaubensregeln mehr gibt und jeder seinen eigenen Lebenssinn kreieren muss, schielt man noch häufiger auf die Bestätigung seines sozialen Umfeldes. Mache ich das gut? Bin ich beliebt? Gehöre ich dazu? „Statt Idealen nachzueifern, die gerade gesellschaftlich hoch im Kurs stehen, sollte man sich aber lieber auf wenige, dafür ureigene Ziele besinnen und den Rest als Ballast abwerfen“, rät Peter Düweke. Wer liebt, was er tut, sich Gleichgesinnte sucht und aus einem inneren Wunsch heraus Pläne schmiedet, gewinnt nämlich nicht nur an Selbstachtung. Er wird auch häufiger zu hören kriegen, wie beneidenswert andere diese Geradlinigkeit finden. Läuft bei dir!

Respekt! Wie man andere lobt

WOCHE DER WERTSCHÄTZUNG Starten Sie mit einem Danke-Tag und trainieren Sie, nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Damit das „Merci“ nicht gleich verhallt, hängt man noch einen Halbsatz dran: „Danke, dass Sie sich so schnell darum kümmern konnten.“ – „Danke, dass du immer so aufmerksam bist.“ Man kann sich auch angewöhnen zu begründen, wofür man andere aufrichtig schätzt – ganz ohne Schleim-Alarm. „Ich mag, dass du die Dinge so ehrlich ansprichst.“ Sie werden sehen: Im Laufe der Woche machen nicht nur Sie Ihr Umfeld froh. Das Loben wird zum gut gelaunten Gegengeschäft.

GEGEN DAS VERGESSEN Oft kommen wir erst beim genaueren Nachdenken darauf, wie vorbildlich wir das Verhalten eines Kollegen fanden. Oder wie mutig die Aktion einer Freundin war. Statt den Gedanken für sich zu behalten und zu meinen „Jetzt ist’s eh zu spät“, darf man seine Bewunderung auch noch Tage später zum Ausdruck bringen. Der Effekt verdoppelt sich sogar: Weil der Gelobte freudig zur Kenntnis nehmen wird, dass Ihnen die Sache offenbar am Herzen lag.

LOBE LIEBER UNABHÄNGIG Viele Menschen neigen dazu, ihre Wertschätzung zweckgebunden zu äußern: „Finde ich super, wie du das geschafft hast. Dürfte ich dich deshalb bitten, dass ...“ Ganz ehrlich? Wer Lob nur mit Hintergedanken verteilt, sollte es lieber ganz lassen. Das Gegenüber wird es sowieso nicht ernst nehmen, selbst wenn es aufrichtig gemeint war. Auch Standardfloskeln sollte man tunlichst vermeiden und stattdessen nach eigenen positiven Worten suchen.

 

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Quelle: Petra, Ausgabe 04/2015