Balanceakt zwischen Selbstverantwortung und Egotrip Wie viel Ego tut mir gut?

Unzählige Ratgeber wollen uns dabei helfen, endlich auf unsere eigenen Wünsche zu hören und unser Ego zu stärken. Das ist auch alles prima und richtig. Nur was passiert, wenn wir vor lauter Selbstfindung die Wünsche der anderen gar nicht mehr sehen? PETRA-Autorin Yvonne Adamek über den schwierigen Balanceakt zwischen Selbstverantwortung und Egotrip

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Egozentrikerinnen sind wie Trauzeuginnen in Pink. Champagnerselig tanzen sie sich durch die Hochzeit, nach einer Stunde kennt sie jeder. Aber wie, bitte, hieß noch mal die Braut? Jede von uns kennt diese Art Frauen. Ganz selbstverständlich tun sie, was ihnen passt, sie haben scheinbar alle Bücher zum Thema Selbstbewusstsein eingeatmet – und bringen das Best-of täglich auf die Bühne ihres Lebens. Aber irgendwie kommen sie uns dabei auch suspekt vor. Und mögen wir diese Art Frauen eigentlich?

Neulich kreuzte wieder eine meinen Weg. Ich half beim Umzug einer Freundin, ihr Mann hatte sich von ihr getrennt. Sofort hatte eine Freundin angeboten, sie könne erst mal bei ihr wohnen, aber das war’s dann auch mit der Freundlichkeit. Diese Bekannte half weder beim Kistenschleppen („In den vierten Stock trag ich keine Wasserflasche selbst“) noch ließ sie meine Freundin ein Frühstücksbrettchen in der Küche abstellen („Ich hab da einen ganz anderen Stil“). Erst als wir Helfer später eine Flasche Wein aufmachten, setzte sie sich zu uns, schenkte sich randvoll ein und begann zu erzählen: Wie ihr Yogalehrer ihr die Augen geöffnet hatte. Ihr beibrachte, auf sich zu achten. Ihr zeigte, ihren eigenen Weg zu gehen... Das Ergebnis saß vor uns und trank unseren Wein aus.

Klarer Fall von Überinterpretation. „Wenn wir eigentlich erprobte Leitsätze zu wörtlich nehmen, rutschen wir schnell ins Extrem“, sagt Pia Schaf, Philosophin und Gründerin der „Modern Life School“ in Hamburg. Denn grundsätzlich sind diese Kraftsätze, die Weisheiten aus Büchern oder von Freunden, ja richtig und wichtig für uns. Das Problem liegt in unserer Erwartung. Ähnlich wie bei einer Diät suchen wir ein Patentrezept, dem wir dogmatisch in ein besseres Leben folgen können. Oft ohne uns zu fragen, ob und wie diese Sätze für uns eigentlich stimmen. Fünf Formeln haben wir uns mal genau angeschaut. Wir verraten, wo wir mit diesen Weisheiten an die Grenzen der anderen stoßen – und was wir dann besser machen können.

DEIN GLÜCK LIEGT IN DIR SELBST

Klar, wir können von niemandem erwarten, dass er uns glücklich macht. Und sollten bei uns selbst, unseren Wünschen und Fähigkeiten, anfangen, nach dem Glück zu suchen. Aber das Glück ist ein Herdentier, allein kann man es oft gar nicht finden. „Manche Menschen machen viel zu viel mit sich selbst aus,“ sagt Schaf. Dabei wäre es einfacher herauszufinden, was uns fehlt, wenn wir anderen einen Blick auf unser Innerstes gewähren würden. Gerade Menschen, die uns nicht so nahestehen, können gut helfen, Probleme mit anderen Augen zu sehen. Pia Schaf rät ausdrücklich zum Austausch mit Fremden. Das kann die sympathische Kollegin aus der Abteilung auf der anderen Flurseite sein. Oder die nette Bekannte einer Freundin. „Anders als gute Freunde kennen uns diese Menschen nicht in- und auswendig und geben uns daher auch nicht die immer gleiche Standard - antwort.“ Natürlich ist das kein Freischein dafür, allen ungefragt sämtliche Probleme aufzutischen. Aber gerade Außenstehende können manchmal Klick-Momente aus - lösen und fantastische Veränderungen anstoßen. Denn, so Schaf, „richtig erkennen können wir uns erst in der Interaktion mit anderen“.

MACH NUR, WAS DIR AUCH GUTTUT

Wenn diese Regel stimmen würde, warum haben sich dann Millionen Menschen Eiskübel über den Kopf gekippt? Richtig, weil sie sich ein paar Sekunden überwunden haben für eine größere Sache. (Zumindest viele davon.) Wir müssen uns wichtig nehmen, das stimmt. Wir wollen nach unseren eigenen Prinzipien und Werten leben. Aber wir möchten uns dabei schon auch weiterentwickeln, stimmt’s? Gerade wenn wir unangenehmen Situationen immer aus dem Weg gehen, fehlt uns irgendwann die Fähigkeit zu wachsen. Pia Schaf empfiehlt eher einen bewussten Konfrontationskurs. „Viele Situationen verlieren den Schrecken, sobald wir uns ihnen stellen.“ Vielleicht macht es nicht unbedingt Spaß. Aber die Tatsache, dass wir nicht zurückgewichen sind, verleiht unserem Selbstbewusstsein einen Schub. So können Hindernisse zur Kraftquelle werden. Sie zeigen uns, wozu wir im Stande sind. Gleichzeitig beweisen wir anderen unsere Wertschätzung, indem wir für sie über unseren Schatten springen – oder eben ein paar Kisten schleppen.

LERNE, NEIN ZU SAGEN

Gerade für uns Frauen ein Rie - sen the ma. „Nein“ sagen zu lernen war für uns ähnlich schwer, wie das erste Mal allein in einem Restaurant nach dem schönen Vierertisch am Fens ter zu fragen. Es kam uns unglaublich vermessen vor. Aber kaum ist es raus, da geraten wir in eine Art „Nein“- Spirale. Wir genießen die neue Selbstbestimmung und auch die Zeit, die uns jedes „Nein“ schenkt. Trotzdem –schauen Sie einmal hin. Will ein Kollege nur seine Arbeit auf Sie abwälzen? Oder könnte Ihr „Nein“ jemanden vor den Kopf stoßen, der Ihnen viel bedeutet? Richtig einzuordnen ist gar nicht einfach. Es heißt immer abzuwägen: Welche Dinge sind mir echt zu viel? Was aber ist nur unangenehm? Genau in der Mitte liegt die Grenze zwischen gesundem Selbstschutz und Egotrip.

VERZEIH DIR DEINE FEHLER

Ja, aber übersieh sie nicht. Das Zauberwort auf dem Weg zu einem ausgewogeneren Ich heißt: Verantwortung. Und das geht so: einmal kurz anerkennen, dass man selbst dazu beigetragen hat, dass die Dinge so dumm gelaufen sind. Und dann? Umschalten, Lösungen suchen, es besser machen. Hinsehen ist wichtig, um das nächste Mal nicht wieder über den gleichen Stein zu stolpern. Je offener ich zu meinen Fehlern stehe, desto weniger muss ich sie mit mir selbst ausmachen. Das hilft zum Beispiel, keine selbstgerechte Labertasche zu werden, die neuen Mitbewohnern belehrende Vorträge hält, während sie ihnen die Weinflasche leer trinkt. Wer nie für seine Fehler Verantwortung übernimmt, kann auch nichts dazulernen. Und wir erinnern uns: Wir wollten uns doch weiterentwickeln. Kleine Fehler verzeihen: ja! Sämtliche Schnitzer konstant ignorieren, weil man ja nach all der Lektüre von Selbstbewusstseins- Tipps unfehlbar geworden ist: unter keinen Umständen!

MAN MUSS SICH NICHT DAUERND ENTSCHULDIGEN

Wenn wir Frauen dürften, dann würden wir für alles die Verantwortung tragen: das Wetter, den Weltfrieden und dass Berlin immer noch keinen neuen Flughafen hat. Das müssen wir nicht. Aber bei echten Patzern sollten wir es überzeugend tun! Will heißen: Sich ab und zu aufrichtig zu entschuldigen ist mehr wert als 100 belanglose Sorrys zusammen. Wir können das – wenn uns jemand anrempelt (Ups, tschuldige!) oder wenn wir jemandem kein Feuer für seine Zigarette geben können (Tut mir leid, ich rauche nicht). In wirklich wichtigen Situationen kommt uns eine Entschuldigung schwerer über die Lippen. Und da wäre es so wichtig. Eine Entschuldigung macht nichts kaputt, sie stärkt unsere Beziehungen sogar. Indem man es bewusst ausspricht, verleiht man dem Wort „Entschuldigung“ wieder Gewicht. Seinen Fehler einzugestehen und zu sagen, dass das gerade dumm, unhöflich, verletzend oder falsch war, zeigt denen, die wir lieben, was sie uns bedeuten. Und dass wir selbst aufmerksam und selbstreflektiert sind. Genau diese Art von Selbstreflektion ist es, die uns hilft, Kraftsätze richtig zu interpretieren.

Anstatt also übermotiviert damit anzufangen, unser Leben umzukrempeln, nehmen wir uns kurz die Zeit, um Tipps auf uns wirken zu lassen. Was davon passt überhaupt zu mir? Pinke Kleider stehen den we nigs - ten. Freunde schon, wenn sie zuhören und Grenzen respektieren. Und Glück verdoppelt sich immer, wenn man es teilt.

Autor: Yvonne Adamek

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Quelle: Petra, Ausgabe 11/2014