Beziehungs-Ratgeber Eine Frage der Wahrnehmung

Sind wir Single, behaupten wir Frauen gern: Es gibt eh keine gescheiten Männer da draußen! Aber ist das wirklich so – oder sind unsere Ansprüche nur zu hoch? Ein Mann und eine Psychologin über die Schranken in unseren Köpfen.

Auf der Suche nach Mr. Perfect

Ich gehe im Kopf all die Männer durch, die ich gut oder etwas besser kenne: aus der Arbeit, dem Freundeskreis, von der Fußballmannschaft und (seit ich Vater bin) vom Spielplatz. Männer zwischen 30 und 45 meistens, in Beziehungen oder Singles, die sich bemühen, genug Geld für die erste Eigentumswohnung zu verdienen, die in ihrer Freizeit mit dem Kind Drachen bauen und abends, wenn das Kind schläft, die Küche aufräumen. Die Sport machen, weil sie ihren Freundinnen auch nach sieben Jahren noch gefallen wollen. Männer, die wissen, dass man einen gescheiten Anzug nicht bei C&A kauft und beim ersten Date die Rechnung zahlt. Ein paar sehen richtig gut aus, ein paar weniger, aber wenn ich die Stiftung Warentest wäre und es ginge um Beziehungstauglichkeit, würde ich durchgehend ein „Gut“ vergeben, manchen sogar ein „Sehr gut“, schlimmstenfalls ein „Befriedigend“. Aber all die „Mangelhaft“-Männer aus Lenas Leben kenne ich nicht.

Doch ich glaube, es gibt eine Erklärung für die sehr unterschiedliche Wahrnehmung von Männern von Lena und mir – und ich glaube, dass sehr viele Frauen den Fehler machen, den Lena begeht: Überheblichkeit. Lena ist wie ich Journalistin, und ihre Redaktion hatte kürzlich die Idee, sechs Frauen einen Abend lang an einen Küchentisch zu setzen, mit Essen und vor allem Wein, und dabei ein Tonbandgerät mitlaufen zu lassen. Der Auftrag: Redet über Männer. Ich habe das Interview gelesen und danach war ich, ehrlich gesagt, etwas entsetzt. Über Lena und die anderen fünf Frauen, darüber, wie sie über Männer reden: wie herablassend, wie pauschal, wie vernichtend. Hier Auszüge aus dem Gespräch: Frau 1: „Es hat ja witzigerweise kaum ein Mann Ahnung, wie eine Frau funktioniert. Anatomisch. Wie Orgasmen funktionieren, vaginal, klitoral.“ Frau 2: „Männer denken, ein Kind banalisiert das Leben.“ Frau 1: „Worüber, glaubt ihr, würden sich Männer jetzt unterhalten?“ Frau 3: „Sie würden pokern.“ Frau 4: „Sprüche machen.“

So sehen Lena und ihre fünf Freundinnen – allesamt angenehme, kluge, interessante Frauen – also die Männer, uns Männer, mich. Ich fasse mal zusammen: Wir, die mit den Penissen, haben keine Ahnung von Sex, keinen Sinn für Familie und reden bei unserem Lieblingshobby Pokern ausschließlich blöd daher. Ich fand solche Frauenweisheiten schon bei „Sex And The City“ peinlich, aber das sollte wenigstens witzig sein. Offenbar sind diese Sprüche jetzt im echten Leben angekommen.

Autor: Tina Röhlich

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