Richtig mit Erfolg und Angst umgehen Intelligente Frauen sind am stärksten betroffen

Geht es um eigene Erfolge, glaubt Frau an alles – nur nicht an sich selbst. Stets fürchtet sie aufzufliegen, weil sie (gefühlt) doch nur so tut, als ob… Das Phänomen des Hochstapler-Syndroms.

Hochstaplerin Illustration

Dazu gesellt sich die subtile Angst, irgendwann werde man auffliegen. Hochstaplerinnen haben deshalb besondere Panik vor neuen Herausforderungen: einem Jobwechsel, mehr Verantwortung. Ein Teil von ihnen geht dann lieber in Deckung und bemüht sich nicht um die Beförderung, die sie eigentlich lange verdient hätten. Der weitaus größere Teil der Hochstaplerinnen aber geht in die Offensive, wird zu Workaholics und Perfektionistinnen. „Sie arbeiten viel mehr und härter als andere, um ihre angeblichen Defizite zu kompensieren“, sagt Valerie Young. Weitere untrügliche Eigenschaften der eingebildeten Aufschneiderinnen: Sie haben den Reflex, Lob abzuwiegeln. Sie denken, andere in ihrer Position wären reifer als sie. Selbst konstruktive Kritik können sie nur schwer ertragen, denn sie sehen diese als Beweis für ihre eigenen Unzulänglichkeiten. Sie fühlen sich nie als richtig gute Freundin – und haben sich, frisch verknallt, schon oft beim Gedanken erwischt: „Warum hat er sich ausgerechnet in mich verliebt?“

Sie haben sich bis hier wiedererkannt? Willkommen im Club. Aber: Trösten Sie sich. Denn erstaunlicherweise befällt das Hochstapler- Phänomen gerade die Frauen, die besonders viel auf dem Kasten haben. Darunter viele Prominente: Das Comedy-Multitalent Tina Fey („30 Rock“) bekannte sich jüngst öffentlich zur Hochstapleritis. Und die oscarprämierte Kate Winslet gestand in einem Interview: „Manchmal wache ich morgens vor einem Drehtag auf und denke: Ich packe das nicht. Ich bin eine Betrügerin. Sie werden mich feuern.“ Auch die gefeierte deutsche Autorin Judith Hermann („Sommerhaus, später“) war nach ihrem Debut- Erfolg nicht sicher, ob ihr überhaupt ein zweites Buch gelingen würde: „Ich fühlte mich wie ein Hochstapler, wie jemand, der etwas vortäuscht. Ich war nicht sicher, ob ich eigentlich schreiben kann oder ob dieses Buch nicht nur ein aus einem ganz akuten Lebensgefühl heraus entstandener psychotherapeutischer Verarbeitungsakt gewesen ist.“ Die Angst war grundlos: Letztes Jahr veröffentlichte sie ihren dritten, von der Kritik gelobten Erzählband.

Wie tröstlich zu erfahren, dass man auf der Welt nicht die Einzige ist, die mit solch albernen Hochstapel-Gedanken herumläuft. Auch Valerie Young meint: „Zu wissen, dass es einen Namen für diese Gefühle gibt und man nicht allein damit ist, kann enorm befreiend sein.“ Deshalb ist es auch so wichtig, negative Gedanken nicht ständig in sich hineinzufressen. Wir begegnen im Leben oft Menschen, die wir bewundernswert finden, denen wir alles zutrauen, die jede Lage scheinbar authentisch und souverän meistern. Genau solch eine Kollegin erzählte mir neulich bei einem gemeinsamen Lunch, sie hätte Angst, dass unser Chef irgendwann herausfindet, dass sie die falsche Frau für den Job sei. Was für eine Offenbarung: Anderen tollen Frauen geht es exakt gleich!

Autor: Tina Röhlich

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