Leben Drei Frauen die es geschafft haben

Wann ist es an der Zeit für die großen Dinge: Weltreise, Selbstständigkeit, Kinderkriegen? Wir sagen: lieber sofort als irgendwann! Drei Frauen erzählen von ihrem "perfekten Moment" – oder wie sie ihn dazu machten.

Mareike

Ein Jahr reisen

MAREIKE, 31

Mit meiner Freundin Nathalie wollte ich gleich nach dem Abi nach Australien und habe, kurz bevor es losging, gekniffen. Ich hatte Angst, zu Hause etwas zu verpassen, suchte mir einen Ausbildungsplatz und bekam von meinem Traum-Trip nur mit, was Nathalie in ihren Mails schrieb. Später lockten andere Ausreden: erst ein neuer Job, der keinen langen Urlaub zuließ. Dann ein Freund, den ich zu sehr vermisst hätte. Schließlich ein Studium, das die finanziellen Reserven verschluckte. Koalas und Korallenriffs spukten trotzdem noch im Kopf herum. Und das dumpfe Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Dann wachte ich auf und war 29. Das Work&Travel-Visum kriegt man bis 30. Mit einem Freund ging ich ins Reisebüro und dachte: „Jetzt oder nie!“ Ich kündigte meine Wohnung, vertickte meine Möbel und setzte meinen Chef über meinen Plan in Kenntnis – obwohl sich gerade die Chance bot, aus dem Nebenjob eine Vollzeitstelle zu machen. Ein halbes Jahr später flog ich los. Vier Monate waren vorgesehen, stattdessen blieb ich ein ganzes Jahr: reiste quer über den Kontinent, flog nach Fidschi, Bali und Neuseeland, schuftete auf einer Farm im Outback und kam als neuer Mensch zurück. In meinem Kopf sind so viele Bilder. Und ich bin superstolz, dass ich mich getraut habe. Manchmal braucht es halt einen Schubs. Und heute bin ich diejenige, die von den anderen gelöchert wird – und die ihnen Mut zuspricht.

Erst Karriere, dann Familie

ASTRID, 38

Seit drei Wochen ist meine Tochter auf der Welt. Sie ist ein Geschenk, mit dem ich fast nicht mehr gerechnet hätte. Mein Mann und ich sind seit 14 Jahren ein Paar und haben 2007 geheiratet. Danach wollten wir gern ein Kind, doch es klappte nicht. Viele unserer Freunde hatten schon Familie. Ich spürte den Druck – versuchte aber, mich nicht verrückt zu machen und das Ganze pragmatisch zu sehen, wie es meine Art ist. Ich genoss unsere Fernreisen und kniete mich in die Arbeit: Entschied mich nach dem Studium zur Bauingenieurin noch für eine Promotion. Und ergatterte 2010 einen super Job. Statt mich um ein Baby zu kümmern, übernahm ich im Büro Verantwortung. Und statt in der Nacht Fläschchen zu schütteln, blieb ich oft bis in die Puppen am Schreibtisch. Zum Glück hat mich die Arbeit immer fasziniert und erfüllt, sonst hätte mich das „falsche Timing“ vielleicht verkrampft – und es wäre erst recht nichts geworden mit unserem Nachwuchs. Im Nachhinein kam unsere Tochter genau zum richtigen Zeitpunkt. Natürlich muss ich mich noch daran gewöhnen, dass sich nun alles um sie dreht. Das Heimchen am Herd werde ich wohl nie werden. Aber mit Ende 30 bin ich garantiert gelassener und lebenserfahrener, als ich es noch vor ein paar Jahren gewesen wäre. Dass meine Karriere erst mal auf Eis liegt, ist voll in Ordnung. Ich habe ja schon viel erreicht. Und in einem Dreivierteljahr steige ich wieder in Teilzeit ein.

Selbstständigkeit

CONSTANZE, 35

Ich schlich mich aus der Küche meiner Freundin. Gerade eben hatte ich ihr Geschäftsessen gerettet. In diesem Moment fühlte ich mich seltsam glücklich und erfüllt – das muss die Initialzündung gewesen sein. Noch am selben Abend schrieb ich die ersten Seiten des Businessplans: ein eigenes Catering-Unternehmen (ladoucecatering.com)! Schon bei dem Gedanken daran schlug mein Herz schneller. Mein Job in einer Werbeagentur hat mich nie ausgefüllt. Mir fehlte schlichtweg der Sinn. Ich stürzte mich in eine Findungsphase und bat enge Vertraute darum, meine Stärken zu benennen. Bei allen kam das Gleiche heraus: dass ich eine perfekte Gastgeberin sei, toll kochen könne und einen Sinn fürs Schöne habe. Bislang war ich nicht davon ausgegangen, dass mir das beruflich nützen könnte. Aber nach dieser Heinzelmännchen-Aktion und dem tollen Echo meiner Freunde wurde mir mein Weg plötzlich ganz klar. Ich holte mir Hilfe bei der Handelskammer, beantragte einen Gründerzuschuss und bat in einem riesigen Mailverteiler darum, mich bekannt zu machen. Selbst Leute, von denen ich es nie erwartet hätte, beglückwünschten mich zu meinem Mut. Peu à peu schaffte ich mir das Küchen-Equipment an und rüstete die Deko mit witzigen Teilen vom Flohmarkt auf. Inzwischen habe ich so viele Aufträge, dass ich demnächst expandieren kann. Eigentlich bin ich ein Kopfmensch, aber rückblickend muss ich sagen: Ich hätte früher auf mein eigentliches Talent und meinen Bauch vertrauen sollen – einfach darauf, dass das, was sich gut anfühlt, auch gut wird.

Den richtigen Zeitpunkt erkennen

Kraft tanken

Den Mut zu entscheiden, ob die Zeit reif ist, bringen wir am ehesten auf, wenn wir ausgeruht und gut gelaunt sind: Dafür muss kein großer Urlaub her. Frischluft, Yoga und gute Gespräche verhelfen auch zu innerer Stärke.

Scheuklappen anlegen

Das Herz sagt "ja", der Kopf "vielleicht"? Dann nicht noch unnötig reinquatschen und von anderen beirren lassen. Es macht nichts, wenn nicht alle applaudieren – Hauptsache, das eigene Gefühl stimmt.

Kopfkino starten

Was wäre, wenn? Legen Sie sich vor Ihrem inneren Auge alles Positive zurecht, was mit dem Entschluss einhergehen würde. Fühlen Sie sich von dem Film in Ihrem Kopf gepusht? Dann ist es an der Zeit, ihn zu realisieren.

Aus: Eva Maria Hoffmann: "Angefangen, abgebrochen, neu erfunden", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 280 S., 9,95 Euro.

Autor: Katja Bosse

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