Cannabis als Lifestyle-Droge Wer so hoch fliegt, landet nur schwer wieder am Boden

Sie ist Ehefrau, Mutter, erfolgreich im Job. Und: Sie kifft. Marihuana als neue Lifestyle-Droge unter Stressgeplagten? Das Geständnis einer Frau, die alles kann – außer abschalten und entspannen.

Kiffen

Bei jedem zweiten meiner Freunde und Kollegen steht eine Bong in der Vitrine – und das nicht aus Nostalgiegründen (die wilden Jugendjahre!) oder zur Zierde. Ich wette, viele Raumpflegerinnen könnten auch bestätigen, dass sie in den Lofts von (mit) mir bekannten Anwälten, Ärztinnen, Bankern, Werbern, TV-Produzentinnen oder Versicherungsmaklern auf dem Couchtisch um Paper und Filter herumputzen. Nun könnte man sagen, ich umgebe mich mit den falschen Leuten. Doch wo gibt es noch „richtige“?

Cannabis-Konsum ist in den Chefetagen heute fast so verbreitet wie einst in Hippie-Kommunen, auch unter weiblichen Führungskräften. Chikii.com, eine US-Karriereplattform für Frauen, hat kürzlich Userinnen befragt, wie oft sie Marihuana rauchen. Weit über die Hälfte tut es mehr als zehnmal pro Jahr, fast 30 Prozent tun es täglich. Jede Fünfte der Befragten gehörte zu den Bestverdienerinnen. Mit einem Haushaltseinkommen von über 75.000 US-Dollar pro Jahr. Ich für meinen Teil jongliere täglich mit Budgets, die – falsch investiert – das Aus für die Firma oder die Entlassung von Mitarbeitern bedeuten könnten. Mittlerweile genieße ich solche Herausforderungen, fühle mich ihnen voll und ganz gewachsen. Doch es gab andere Zeiten. Zeiten, in denen mich die enorme Verantwortung gestresst hat. So sehr, dass ich unter massiven Schlafstörungen litt, gepaart mit innerer Unruhe und Appetitlosigkeit. Anfangs schaffte ich es noch, mich zu Hause nach Büroschluss mit zwei, drei Gläsern Rotwein zu „sedieren“ und dann mein Sushi und ein Valium runterzuwürgen. Ich habe diese „Entspannungsmethode“ nicht erfunden, sie ist weiter verbreitet, als man denkt. Und offenbar auch gesellschaftlich toleriert – Ärzte verschreiben schnell Beruhigungs- oder Schlaftabletten, damit man wieder leistungsfähig ist. Irgendwann halfen der Barolo und das Valium auch nicht mehr. Unzählige Male lag ich morgens um vier hellwach neben meinem Mann, um Probleme zu wälzen.

Dass meinem Chef irgendwann nicht mehr nur meine Augenringe auffallen würden, sondern auch erste kleine Fehler in meiner Arbeit, war mir klar. Das hat den Druck derart verstärkt, dass ich Panikattacken bekam. Mein Name stand auf jeder wichtigen Gästeliste, man buchte mich für Vorträge, wollte mich auf Geschäftsreisen quer durch die Welt schicken – doch ich habe es manchmal tagelang kaum vor die Tür geschafft. Mein Hausarzt diagnostizierte eine „generalisierte Angststörung“ und verschrieb mir Psychopharmaka. Für ein paar Monate haben die getan, was sie tun sollten: Sie ließen mich funktionieren. Abzuschalten und nachts endlich wieder Energie zu tanken, dabei halfen sie allerdings nicht. Ich grübelte weiterhin konnte aber vor Erschöpfung kaum klar denken. Als ich es zum dritten Mal nicht hinbekam, meine Fünfjährige rechtzeitig vom Kindergarten abzuholen, habe ich die Tabletten abgesetzt. Ein paar Wochen später schenkte mir eine Freundin zum Geburtstag einen Joint. „Zur Feier des Tages“, sagte sie grinsend. Und nahm mich dann zur Seite. Geradezu verschwörerisch flüsterte sie mir zu: „Rauch ihn! Es gibt nichts Besseres, um zu entspannen und das Gedankenkarussell mal anzuhalten. Bei mir in der Agentur machen das alle.“ Es war nicht die erste Tüte in meinem Leben, als Teenager habe ich mal einen Joint probiert. War damals nicht meins. Aber jetzt? Meine Freundin hatte recht: Ein paar tiefe Züge und ich stand meilenweit über jenen Dingen, die mich gerade noch zu erdrücken schienen. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal wieder durch und fühlte mich am nächsten Morgen so fit wie nach einem 14-tägigen Urlaub.

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