Leben Heimat kann heute überall sein

Die ganze Welt ist unsere Heimat, wir sprechen fünf Sprachen – aber heimlich sehnen wir uns nach Mamas Weihnachtsplätzchen. Ein Artikel über gefärbte Erinnerungen, Patchwork-Gefühle und neue Formen, Wurzeln zu schlagen...

Frau mit nostalgischem Foto

„Eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle“, so
 nennt Heinz Schilling diese diffuse Sehnsucht nach Heimeligkeit. Mit der Wirklichkeit hat die oft nur wenig zu tun. Schließlich sieht die Provinz schon lange nicht mehr danach aus: H&M, Starbucks und Apple-Stores säumen jede kleinstädtische Fußgängerzone. Und sind wir mal zu Besuch bei Mama, fällt uns als Erstes das handgeschriebene Schild „Große Kehrwoche“ im Treppenhaus auf, mit Putzplan für sechs Monate. Driving home for Christmas? Nächstes Jahr lieber nicht.

Was macht Heimat wirklich aus?

Anstelle unserer Geburtsorte gibt es heute längst neue Plätze, an denen wir uns zu Hause fühlen. Die sind nicht notwendigerweise auf Google Maps zu finden. „Heimat kann heute überall sein, wo ein Wir-Gefühl entsteht“, stellt Heinz Schilling fest. Beim Public Viewing auf der Fanmeile oder in einem Internetforum zu einem Thema, das einen leidenschaftlich interessiert. Die Gruppen, an die wir andocken, werden kleinteiliger und austauschbarer. Einerseits wächst damit Unverbindlichkeit, das Gefühl der Verlorenheit. Aber: Es muss keiner mehr bleiben, wenn es nicht mehr passt. Genau so, wie man sich aussucht, in wen man sich verliebt, und sich trennen kann, wenn das Gefühl geht. So ist es mir mit München passiert: Mit 20 war ich ganz scharf auf das italienische Flirt-Flair – mit 30 fand ich es schal und verfiel Hamburg mit seinen Schmuddelecken und seinen schärferen Kontrasten. München und ich sind heute gute Freunde. Aus der Distanz. „Heimat ist kein Schicksal mehr, sondern eine Aufgabe“, sagt die Heimatforscherin Beate Mitzscherlich. Und das ist eine Chance. Denn: Wenn wir uns bewusst entscheiden, wo wir leben wollen, oder uns an einem Ort heimisch machen wollen, dann ist es nicht egal, was um uns herum passiert.

Heimat selbst definieren

Ich habe kürzlich mitdiskutiert, ob auf dem Platz vor meiner Haustür neue Bänke aufgestellt werden sollen. Spießiges Klein-Klein? Ja, schon. Andererseits soll die Stadt, in der ich lebe, mehr sein als eine Fototapete. Indem ich mich einmische, wird aus Hamburg Heimat. Eine „geborene Hamburgerin“ werde ich nie, dazu hätten meine Eltern hier auf die Welt kommen müssen. Ein bisschen Fremdsein ist aber in Ordnung. Denn sonst gäbe es diese wohlig-wehen Momente nicht, diese schöne Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit. Wenn es irgendwo nach Zwiebelkuchen duftet, wenn ich beim TV-Movie der Woche feststelle, dass die bunten Sandsteinbauten im Hintergrund in Freiburg stehen. Oder wenn mir jemand auf Badisch ein Bonbon anbietet.

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