Chancen ergreifen Es gibt kein Glück ohne Restrisiko

Nie hatten wir so viele Chancen im Leben. Wie im Schuhladen stehen wir vor lauter bunten Optionen und fragen uns, welche die richtige ist. Und hört man besser auf den Kopf oder den Bauch? Ein Wegweiser zur richtigen Wahl

Frau muss sich zwischen Schuhen entscheiden

Vielleicht könnte man Entscheidungen auch realisierbare Wünsche nennen – im Guten wie im Schlechten. Apple-Gründer Steve Jobs schrieb einmal: „In dem Moment, in dem du Verantwortung für deine Träume übernehmen kannst und dafür haftest, ob du sie verwirklichst oder nicht, wird das Leben ein ganzes Stück härter.“ Giorgio Armani übernahm die Verantwortung für seine Träume – wir tun es oft nicht und überlassen aus lauter Angst, uns festlegen zu müssen, Entscheidungen lieber anderen – oder der Zeit.

Ein Fehler, meint der Psychiater und Schriftsteller François Lelord und sagt: „Der Mangel an Entscheidungskraft führt uns zwangsläufig in eine tiefe Unzufriedenheit: Man wollte alles und hat am Ende nichts bekommen – und das Leben gleitet an uns vorüber.“ Es war genau dieses Gefühl, was den Franzosen vor 14 Jahren dazu bewog, seine gut laufende Praxis in Paris zu schließen, um Bücher zu schreiben. Wie Armani riskierte er alles, hätte scheitern können, wurde aber ein weltberühmter Bestsellerautor (u. a. „Hectors Reise“). „Ich hatte Glück, aber das fällt uns in der Komfortzone nicht in den Schoß“, sagt er.

Komfortzone, das ist der Bereich, in dem alles so vertraut scheint, dass selbst Probleme etwas Anheimelndes haben. Den Mut zu finden, diese Komfortzone zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Entscheidung. „Es gibt kein Glück ohne Restrisiko, weil niemand alle denkbaren Konsequenzen abschätzen kann. Bedeutende, riskante Entscheidungen sind stets Sache des Gefühls. Die innere Stimme muss sagen: ,Das ist der richtige Weg. Trau dich – tu es.‘

Auf den Bauch hören, aber klar denken - das geht

Nur Entscheidungen aus Liebe und Leidenschaft – für einen Partner, ein Land, eine Tätigkeit – versetzen uns in die Lage, Ängste zu überwinden.“ François Lelord kennt zwei Regeln für eine gute Entscheidung. Erstens: Höre auf dein Gefühl, deine Intuition. Wobei das keine Herzensangelegenheit ist, sondern Kopfsache: Unser Gefühl ist die Summe einer gigantischen unbewussten Rechenleistung des Gehirns – und die beste Richtschnur für Entscheidungen. Der unbewusste Teil unseres Gehirns verarbeitet Informationen etwa 300.000-mal schneller als unser Bewusstsein. Zweitens: Bei weitreichenden Entscheidungen höre erst recht auf dein Gefühl, schlafe aber ein paar Nächte darüber, und wenn die Zeichen unverändert bleiben, dann vertraue ihnen auch.

Das Geheimnis guten Entscheidens besteht also darin, Verstand und Gefühl gleichermaßen mitreden zu lassen: Mit dem Verstand können wir uns zum Beispiel Situationen vorstellen, zu denen die Optionen führen könnten. Und wir können abwägen, wie wir uns in diesen Situationen fühlen würden. Deshalb lautet eine weitere wichtige Entscheidungsregel: Konsequenzen bedenken. Was kann schlimmstenfalls passieren? Und wie schaffe ich es, mit eventuell eintretenden Schwierigkeiten umzugehen? Okay, es gibt kein Glück ohne Restrisiko – aber kann ich mit diesem Risiko gut leben?

Scheinbare Zwänge ignorieren

Eine andere Regel lautet: Was gestern war, darf eine Entscheidung nicht stören. „Wir haben schon so viel Geld in die bislang erfolglose Kampagne investiert, wenn wir sie jetzt stoppen, war alles für die Katz.“ Wirtschaftsexperten sprechen in diesem Fall von einer Kostentäuschung, die häufig zu verheerenden Entscheidungsfehlern führt. Rational entscheiden bedeutet, dass wir die aufgelaufenen Kosten ignorieren. Egal, was wir bereits in einen Job oder in eine Beziehung investierten, es zählt nur das Jetzt und unsere Entscheidung für die Zukunft.

Und noch ein Denkfehler: Oft glauben wir, uns schnell entscheiden zu müssen, weil die Zeit knapp ist – oder das Gewollte nicht in Massen vorhanden. „Rara sunt cara“, sagten die Römer. Was so viel heißt wie: „Seltenes ist wertvoll.“ Offensichtlich ist der Knappheitsirrtum so alt wie die Menschheit. „Nur solange der Vorrat reicht“, heißt es in der Werbung. „Nur noch heute“, schreit ein Plakat und signalisiert zeitliche Knappheit. Und Galeristen wissen, dass sie mehr verkaufen, wenn sie unter die Mehrzahl der Bilder einen roten Punkt setzen, was bedeutet: Das meiste ist schon weg. Unsere typische Reaktion auf Knappheit ist der Verlust des klaren Denkens. Wir sollten deshalb eine Sache nur anhand des Preises und des Nutzens beurteilen.

Autor: Ulrike Fach-Vierth

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