Job & Karriere Die Einstellung zum Job ändert sich

Endlos Nächte durcharbeiten? Danke, nicht mit uns. Denn Burn-out war gestern und Selbstausbeutung ist out: Gute Jobs, das sind heute solche, die Sinn und Spaß machen und uns genügend Freiraum lassen.

Frau Grillen

Zum Wissen um den eigenen Wert kommt noch etwas: die innere Einstellung zum Job. Auch die hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Bernd Slaghuis, Job-Coach aus Köln: "Heute zählen stärker Werte wie Kollegialität, Passion und Sinn. Motive wie Geld, Anerkennung und Macht treten zunehmend in den Hintergrund." Dabei, sagt Slaghuis, haben Frauen meist die Nase vorn: "Sie reflektieren sich selbst mehr, denken früher darüber nach, welche Aufgaben sinnstiftend sind und welches Job-Umfeld ihnen gut tut." Slaghuis ist zudem überzeugt, dass wir unser berufliches Wohlbefinden selbst in der Hand haben: "Ob wir uns ausbeuten lassen, ist unsere eigene Entscheidung." Das gilt nicht nur für international begehrte Software-Expertinnen, sondern auch für Marketing-Assistentinnen oder Modeeinkäuferinnen. "Wenn es sich nicht richtig anfühlt, weitersuchen – bis man einen Job und ein Umfeld findet, das zu den eigenen Werten passt", rät Slaghuis. Auch wenn es dort vielleicht nicht ganz so viel Urlaubsgeld zu holen gibt, dafür vielleicht mehr Urlaubstage. Der Wertewandel ist sogar bei Unternehmerkindern zu sehen: Statt sich ins gemachte Nest zu setzen, haben immer weniger Söhne und Töchter aus Familienbetrieben Lust auf den ererbten Chefsessel. Weil’s zu stressig ist – oder weil ihnen die Firmenkultur zu miefig und die Produkte zu öde sind.

Generation Y

Als Generation Y bezeichnen Experten die neue Gruppe von gleichzeitig toughen und sensiblen Job-Neulingen zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Frauen und Männer, die im Zweifelsfall lieber kündigen, als sich ständig die Nächte zwischen blinkenden Monitoren um die Ohren zu schlagen oder die Launen neurotischer Chefs auszubaden. Dabei sind sie keineswegs Weicheier, die vor jeder Belastung in die Knie gehen: Wenn ein Projekt abgeschlossen werden muss oder eine Chance in Schanghai statt in Stuttgart wartet, sind sie mit Begeisterung dabei. Aber sie vergessen darüber nicht, was im Leben sonst noch zählt – und was nicht auf dem Kontoauszug steht: die Beziehung, die Clique, das Interesse an Vintage-Möbeln oder Poetry-Slams – und manchmal einfach das Nichtstun. Als der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt von der "Stiftung für Zukunftsfragen" vergangenes Jahr nach den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen fragte, sagte fast jeder zweite: Faulenzen. Noch fünf Jahre zuvor war es nur ein gutes Drittel. Hurra: endlich nach Büroschluss mit gutem Gewissen auf dem Beachclub-Liegestuhl lümmeln, statt auf der After-Work-Party zu networken!

Zukunftsmodelle für die Arbeit

Sieht die Zukunft der Arbeit also ungefähr so aus wie ihre Vergangenheit: mit einer strikten Trennung von Arbeit und Freizeit, mit Feierabendbier und gleichgeschalteten Betriebsferien? Das nun auch wieder nicht: Schließlich haben wir uns längst daran gewöhnt, dass die Grenzen verschwimmen. Das muss allerdings nicht unbedingt in Stress ausarten. Sondern führt im besten Fall sogar zu Jobs, die passgenau auf uns zugeschnitten sind. Etwa bei IT-Firmen wie Microsoft, denen es mittlerweile beinahe egal ist, wo und wann die Mitarbeiter ihre Arbeit machen – Hauptsache, das Ergebnis stimmt. "Bei uns kann jeder seine persönliche Work-Life-Balance finden", sagt Brigitte Hirl-Höfer, Microsoft-Personalchefin und Mitglied der Geschäftsführung. "Manche Leute sind zum Beispiel morgens produktiver, andere abends." Nicht nur ein Vorteil für junge Mütter und Väter, die Dienstagfrüh zum Babyschwimmen wollen, sondern auch für Leute, die (noch) ohne Kinder sind. Morgens zum Joggen, abends an den Schreibtisch – klingt nach einem entspannten Arbeitstag. Und diese Offenheit nutzt nicht nur den Angestellten: „Studien beweisen, dass Firmen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen deutlich produktiver sind“, erklärt Brigitte Hirl-Höfer. Eine klassische Win-win-Situation. Denn im Grunde geht es gar nicht um den Feierabend zur festen Zeit, sondern eher um das Feierabend-Gefühl. Und das stellt sich nicht zwingend am Freitagnachmittag in der Firmen-Tiefgarage ein. Sondern auch mal montagmorgens um neun, auf der Yogamatte.

Autor: Verena Carl