Freundschaft Kritik äußern

„Liebe vergeht, Freundschaft besteht...“, so schrieb man sich ins Poesiealbum. Dass sie – wie wir – erwachsen wird, haben wir damals noch nicht geahnt. PETRA-Autorin Katja Bosse über die (zweit)schönste Beziehung der Welt

Beste Freundin

Verbindet einen nur ein Sommer in Frankreich, damals während des Schüleraustausches, wird es wahrscheinlich schwierig sein, die Intensität dieser Freundschaft aufrechtzuerhalten. Auch ein Job-Projekt kann zwei Kolleginnen zwar zusammenschweißen – wird aber wahrscheinlich keine lange und enge Freundschaft nach sich ziehen, weil man in persönlichen und privaten Dingen an der Oberfläche geblieben ist und meistens nur ein Thema kannte – das sich nun erübrigt hat.


Anders verhält es sich mit einer geteilten Kindheit: „Dass man im Elternhaus der anderen ein- und ausgegangen ist, gewisse Werte teilt und ähnlich aufgewachsen ist, verleiht der Freundschaft eine besondere Stabilität“, sagt der Experte. Auch die Studien- oder Ausbildungszeit könnte ein solches Vertrauenskapitel bedeuten. Danach weiß man jedenfalls nicht nur, wie die andere ihren Kaffee mag, sondern auch, ob sie Frühaufsteher oder Nachtmensch ist, ob man Moralvorstellungen teilt und wo ihre wunden Punkte sind; wie sie mit Krisen und Erfolgen umgeht, ob sie besser zuhören oder unterhalten kann, ob sie eine Schwäche für Chips oder Schokolade hat, sich nach Familie oder in die Ferne sehnt. Vor allem aber hat man „in guten wie in schlechten Zeiten“ erprobt, wie man miteinander harmoniert.
 Wer weiß, was er an der anderen hat, dass er auf sie zählen kann und dass eine Ebene erreicht ist, die ohne Worte funktioniert, kann viel leichter verknusen, wenn mal eine Zeit lang Funkstille herrscht – und die wird es im Laufe der Jahre zwangsläufig geben. Nicht weil man eingeschnappt oder die Freundin fremdgegangen wäre, sondern ganz einfach, weil wir tausendmal mehr um die Ohren haben als zu Schulzeiten. Der Job nimmt uns voll und ganz in Anspruch, die Eltern werden kompliziert, und in Sachen Männer stehen inzwischen auch ernstere Entscheidungen an, als nur zu klären, ob man „mit ihm gehen“ will.

Ehrlichkeit dank Vertrauen

Zum Glück sind wir heute nicht mehr beleidigt, wenn die Freundin Dringenderes zu tun hat, als täglich zum Hörer zu greifen, Küssis rüberzuschmatzen und zu beteuern, dass sie uns noch lieb hat. Es ist auch kein Ding mehr, ihr mal die Meinung zu sagen und ein ernstes Wörtchen mit ihr zu reden. Inzwischen sind wir ja durchaus diplomatisch und kennen die andere gut genug, um Kritik oder Zweifel so an die Frau zu bringen, dass weder Freundschaftskündigungsbriefe verfasst werden noch Teenie-Tränen fließen müssten.

Im Gegenteil: Worte wie „Das passt nicht zu dir“, „ich erkenne dich nicht“ oder „das steht dir nicht“ sind von einer langjährigen Freundin sogar gefordert. Schließlich sind wir uns sicher: Sie will nicht streiten, sondern nur unser Bestes. Sie hat ihr eigenes Leben und einen objektiven Blick. Gleichzeitig merkt sie, wenn wir uns verfranzen, unserem Stil oder unseren Werten untreu werden, uns verstellen oder verbiegen. Weil sie schon ewig an unserer Seite ist und alles Mögliche mitgemacht hat. Dieses Vertraute und Verlässliche ist es, was eine gewachsene Freundschaft ausmacht. Man kommt nicht mit vielen an den Punkt, an dem man sagen kann: Die ist da, wenn gar nichts mehr geht. Und die bleibt auch, wenn andere gehen; Männer zum Beispiel oder Phasenfreunde: solche, die man sich sucht, wenn man irgendwo neu ist, in einer Stadt, in einem Job oder in einer Krabbelgruppe. Die sind dann eine Zeit lang wichtig, weil wir uns dringend austauschen wollen – über die besten Abendlocations, den launischen Chef und den Milchstau. Aber dann gehen sie vielleicht auch wieder, weil man seine liebsten Places-to-be gefunden hat, die Kollegin gekündigt hat und man mit der Mami leider nicht übers Stillen hinauskam.

Unterschiede spannend finden

Apropos Stillen: „Wenn eine der Freundinnen eine Familie gründet und die andere sich noch am Feiern erfreut, kann es natürlich mal schwierig werden mit der allgemeinen Gesprächsgrundlage“, sagt Heidbrink. Außer den schlaflosen Nächten hat der Alltag der zwei wahrscheinlich nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten. Zumindest vorübergehend. Ähnlich vertrackt wird es vielleicht sein, wenn die eine auf Welterkundung geht, während die andere ihrem Dorf treu bleibt. „Wer in solchen Phasen zwar Interesse am Leben der anderen zeigt, sich aber ansonsten an Menschen hält, die gerade Ähnliches erleben, gefährdet die Freundschaft zur anderen nicht.“ Sicher findet man zueinander, sobald sie wieder im Lande ist oder die erste Zeit zu dritt erfolgreich gemeistert wurde – und man in Kopf und Kalender wieder bereit ist, andere Themen und Termine zuzulassen. Anknüpfungspunkte hat man dank der gemeinsamen Abenteuer ja in jedem Fall genug.

Autor: Katja Bosse

Schlagworte: