Psychologie Das Leben bewusst erleben

Ach, ist das schön gerade. Oder auch nicht – denn ständig hätten wir gern mehr, vergleichen uns mit anderen, sorgen uns um Morgen. Muss doch nicht sein! Das Zauberwort gegen die ständige Unzufriedenheit heisst Achtsamkeit. Aber was bedeutet das, und wie schafft man es, den Moment so richtig zu geniessen? Petra-Autorin Wiebke Brauer über die Freude am Augenblick.

Endlich zufrieden

Die Psychotherapie entdeckte Achtsamkeit in den 60er- und 70er-Jahren neu und verwendet es inzwischen vor allem zur Stressbewältigung, bei Depression und Ängsten – was aber nicht bedeutet, dass es einem zwingend mies gehen muss, um sich damit zu beschäftigen. Dr. Michael E. Harrer, Psychiater, Psychotherapeut und Autor („Das Achtsamkeitsbuch“, siehe auch nächste Seite) erklärt dazu: „Bei Achtsamkeit geht es nicht nur um die Bewältigung von Leid, sondern auch darum, das Leben bewusster und intensiver zu erleben.“

Womit wir wieder beim perfekten Augenblick wären – und dem inneren Frieden. Stille Zufriedenheit ist eine sehr abstrakte Idee. Vor allem weil zusätzlich zu dem „Bürgerkrieg im Kopf“, wie der Sänger und Politaktivist Bob Geldof unsere Hätte-Könnte-Müsste-Grübelsucht einmal nannte, entweder ein bis zwei Kinder am Ärmel ziehen, das Handy klingelt, die Milch überkocht und der Straßenlärm im Hirn dröhnt. Harrer: „Als moderner Mensch kann man es sich kaum vorstellen, innerlich richtig ruhig zu sein. Man betreibt Multitasking und ist ständig mit den Gedanken unterwegs.“ Allerdings. Dazu ist das Innehalten in unserer Zeit so sexy wie Atomstrom. Und auf eine Sache fokussieren? Schafft keiner mehr. Wer es hinbekommt, mal zwei Stunden still auf dem Sofa zu sitzen, schaut garantiert keinen Film ohne Werbepause – das hält man ja inzwischen gar nicht mehr aus –, sondern ist schlicht übermüdet vor der Glotze eingepennt. Zu dem kollektiv-kulturellen ADHS-Syndrom, an dem wir alle leiden, gesellt sich noch das Gewohnheitstier in uns.

Jon Kabat-Zinn, der in den 70er-Jahren in Massachusetts ein achtsamkeitsbasiertes Anti-Stressprogramm entwickelte und unzählige Arbeiten zu dem Thema veröffentlichte, prägte den Begriff des „Auto piloten-Modus“. Gemeint ist damit, dass wir auf äußere und innere Reize automatisch reagieren und eingeschliffenen Verhaltens- und Denkmustern folgen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Dazu gehört beispielsweise, morgens wie ein ferngesteuertes Auto ins Bad zu rollen und die Zähne zu putzen. Um dann dabei darüber nachzudenken, dass sie ja auch mal weißer waren, man weniger Kaffee trinken sollte und was man denn nun heute mal anzieht. Kaffee aufsetzen, Schlüssel suchen, los. Macht man immer so.

Aber wie denn auch sonst? Soll man sich als achtsamer Mensch morgens ab sofort in die Aura seiner Zahnbürste einfühlen? Nein. „Achtsamkeit soll einen auf die Erde zurückholen“, so Harrer. Und das sieht dann so aus: Wer aufmerksam ist, schrubbt nicht 40 Sekunden lieblos im Mund herum und denkt dabei an andere Dinge. Man putzt sich die Zähne. Hält die Bürste. Spürt die Borsten. Punkt, aus. Sehr irdisch und nicht besonders spirituell. So schlicht funktionieren Achtsamkeitsübungen übrigens: Man versucht den Moment wahrzunehmen. Beim Laufen, Atmen oder eben Zähneputzen. Die einfachsten Dinge sind eben oft sehr schwierig.

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