Leben Bin ich schlau genug?

Sie sind süchtig nach Quizduell und stehen auf Gehirnjogging? Willkommen in der Smart New World. Kein Zweifel, klug sein macht sexy – der IQ ist inzwischen sogar wichtiger als der Kontostand. PETRA-Autorin Friederike Schön hat sich gefragt, wie clever man heute wirklich sein muss

Bin ich schlau genug?

Schimpfwörter in Richtung Gehirn

"Du Vollhirni!", rutschte es mir neulich auf dem Heimweg heraus, als mir einer dieser Stadtpanzer namens SUV die Vorfahrt nahm und ich mein Fahrrad in einer Matschpfütze abbremsen musste. „Dumpfbacke, bestell mal ein Upgrade für dein Gehirn!“, setzte ich noch nach. Einige Tage später las ich dann folgende Erkenntnis: Gesellschaftlich relevante Trends entlarven sich oft dadurch, dass sie besonders viele Schimpfwörter in Umlauf bringen, behaupten Sprachforscher. Da könnte was dran sein. Meine Flüche zielen derzeit auffällig in Richtung Gehirn. Früher gingen sie eher aufs Ganze: Als hässlich oder fett wurden die Bösen abgestraft. Weichei oder Warmduscher gingen auch immer. Heute nennen wir sie Hirnamputierte, Hohlköpfe, die Nervensägen. Dumm wie ein Stück Toastbrot. Wie doof ist das denn?, fragen wir genervt. Ein paar Gramm zu viel, völlig okay. Aber drei Gramm Gehirn – und raus bist du!

Hollywood und IQ - passt das zusammen?

Vor allem wollen Menschen heute eins sein: schlau, clever, blitzgescheit, intelligent, bravourös. Super BMI und Oberschenkellücke, schön, ja, aber noch wichtiger ist der IQ. Heute muss man nicht mehr (nur) schön sein, sondern am besten smart. Die Kombination von beidem erscheint unschlagbar. Da wurde kürzlich Scarlett Johansson mit Albert Einstein verglichen. Dass die Filmschönheit nicht gerade dumm ist, wussten wir. Aber dann das: Beide seien Linkshänder – mit ein Grund für ihre Kreativität und Klugheit, hieß es. Und Havard-Absolventin Natalie Portman sagte der „New York Post“: „Es ist mir egal, ob die Uni meine Karriere ruiniert, ich bin lieber schlau als ein Filmstar.“ Als „wunderschön und intelligent“ beschrieb Julia Roberts die Zukünftige von George Clooney, Amal Alamuddin, in der Ellen DeGeneres Show.

Der moderne Verstand

Mal ganz dumm gefragt: Woher der Trend? Warum will alle Welt nun furchtbar schlau sein? Ganz einfach: Weil wir es müssen. Einfach geht es kaum noch. Durchtechnisiert und -digitalisiert wie wir leben, gewinnt heute, wer komplex denken und sich schnell anpassen kann. Kognitive Höchstleistungen sind fast überall angesagt: Selbst Landwirte oder Handwerksbetriebe arbeiten heute mit computergestützten Systemen, kaum ein Arbeitsschritt, der nicht von Datenströmen, Clouds und Netzwerken erfasst wird. Es ist ein Dilemma. Einerseits werden wir immer schlauer. Kein Witz: Intelligenzforscher beobachten ein Phänomen, das sie den Flynn-Effekt nennen. Jahr für Jahr steigt der IQ länderübergreifend um etwa 0,3 Punkte. Kinder übertreffen ihre Eltern bei Intelligenztests um rund 10 Punkte. Allerdings steigt der durchschnittliche IQ- Wert nur in bestimmten Bereichen rapide an: Beim abstrakten Denken und dem Erkennen von Zusammenhängen legen wir rasant zu. Wenn es darum geht, neuartige Probleme zu lösen. Vor allem, sagen Lernforscher, zeigt der Flynn-Effekt eins: Wie modern unser Verstand geworden ist.

Statt Training wird zu Hilfsmitteln gegriffen

Wobei man sagen muss, dass wir Frauen ja ein kleines Problem mit der Intelligenz haben: Wir machen uns zu klein, stapeln zu tief, lassen uns entweder als blondes Dummchen abstempeln oder kokettieren damit („Ach, Schatz, kannst du das mal machen?“). Wahr ist auch, dass wir keine einzige Telefonnummer mehr auswendig wissen. Statt im Fall von Verirren den Orientierungssinn zu benutzen und damit zu trainieren, fragen wir Google Maps oder das Navi. Soll doch die Frau mit der komischen Computerstimme sagen, wo es langgeht. Oder das Horrorszenario schlechthin: Färbt sich der Schirm auf dem Smartphone plötzlich schwarz, bleibt uns das Herz stehen. Vollkatastrophe! Wir stellen uns an, als hätten wir soeben einen synaptischen Kurzschluss erlitten – Kontakte weg, Termine und Notizen weg, Leben weg. Genau das wollen Google & Co. In deren Labors und in den Hightech-Fabriken des legendären Silicon Valley, der Nerd-Hochburg in Kalifornien, wird jede Sekunde daran gebastelt, uns das Leben leichter zu machen.

"Wir sind intelligenter, als wir denken"

Boshaft kann man es auch so betrachten: Wir sollen unser Gehirn möglichst flächendeckend und rund um die Uhr mit Suchmaschinen, Apps oder smarten Armbändern verbinden, damit diese unseren Lebensstil für uns steuern und kontrollieren, alles für uns finden und uns unsere Entscheidungen abnehmen. Dennoch: Wir sind intelligenter, als wir denken – sagt die US-amerikanische Hirnforscherin Tracy Alloway in ihrem gleichnamigen Buch. „Wir leben im Google-Zeitalter. Für die Kognition ist Google großartig“, schreibt die Forscherin. Wir verbräuchten weniger geistige Ressourcen für das Aufstöbern oder Auswendiglernen von Fakten, weil diese stets nur nur ein paar Klicks entfernt seien.

"Schlau sein bedeutet sich fokussieren zu können"

„Heute besteht das Schlüsselmerkmal von Intelligenz in der Fähigkeit, diese Fakten miteinander zu verknüpfen, Informationen Prioritäten zuzuweisen und etwas Konstruktives damit anzufangen.“ Und genau darin werden wir immer schneller, effizienter, zielgerichteter. Allerdings nur, so Alloway weiter, wenn wir lernen, uns nicht zu verzetteln, Ablenkungen zu widerstehen. Mails, Twitter, Facebook, WhatsApp & Co lassen (pling!) grüßen. Schwups, landet man auf einer Shoppingseite, obwohl man, tja, wonach noch mal suchte? „Schlau sein bedeutet, fokus- siert zu bleiben, wenn es darauf ankommt, und zu filtern, was im Moment wichtig ist“, sagt Alloway.

Den Geist voranbringen und Verstand antrainieren

Helfen denn dabei die ganzen Schlaumach-Apps (siehe Kasten) oder Webseiten wie neuronation.com, auf denen man laut Betreibern seine Synapsen eins a trainieren kann? Alloway sagt, dass wir unseren IQ zwar nicht wesentlich anheben können, wenn wir stundenlang Sudokus oder Bilderrätsel lösen. „Trotzdem macht uns alles, was uns zum aktiven Denken anregt, konzentrierter und smarter.“ Die Quiz-App pimpt das Allgemeinwissen, andere das Gedächtnis oder das visuelle Wahrnehmen. Schlau ist, wer auswählt, was ihn beruflich oder privat weiterbringt. Schlau genug ist, wer weiß, wann er fünf gerade sein lassen kann und wann es Zeit ist, die grauen Zellen mal richtig zum Glühen zu bringen. Eine Verkäuferin braucht vielleicht nicht den gleichen Input wie eine Professorin, aber es wäre zu schade, den neunmalklugen Geräten um uns herum das Denken zu überlassen. Geht ja auch gar nicht. Deren rein logische, auf Rechenleistung basierte Intelligenz macht noch lange keine gute, funktionierende Gesellschaft. Dazu gehören die vielen Formen der Intelligenz – etwa die Fähigkeit, die Welt aus der Sicht eines anderen zu betrachten. Neben Empathie zählen auch Offenheit, eine gute Intuition, eine gesunde Neugier und der generelle Wille, Neues zu lernen. Spätestens, als mir mein Smartphone zuletzt einen Totalabsturz vorgaukelte, habe ich mir fest vorgenommen, meinen Geist weiterhin zu fordern und mir auch weiter Dinge bewusst einzuprägen – wer will schon Google das Feld überlassen? Peinlich, wenn man bei jedem Gespräch sein Gerät zücken muss, weil man nichts weiß. Da stammele ich lieber ein paar Wörter Spanisch, als mich von meinem Google Translater entmündigen zu lassen. Aktuell frische ich mein Gedächtnis in Sachen Schimpfwörter auf, falls mir wieder einer dieser Flachdenker (Hohlnüsse, Dünnbrettbohrer, Tranfunzeln) den Weg abschneidet. Mein aktueller Favorit: geistige Stromsparlampe.