21. Juli 2011
Sprechtraining: Jetzt rede ich!

Sprechtraining: Jetzt rede ich!

Brauchen wir Frauen eigentlich ein Mikrofon vor der Nase, damit man uns zuhört? Denn die Schaumschläger und Wortabschneider lauern überall. Und was machen wir? Lieb lächeln und am Ende noch klatschen, wenn die Blender das Lob vom Chef kassieren? Ab sofort nicht mehr, denn hier erklärt uns eine Sprechtrainerin, wie wir so reden, dass alle zuhören.

Frau mit Mikrofon
© iStockphoto
Frau mit Mikrofon

Die wichtigsten Lektionen des Lebens treffen einen meistens, wenn man eigentlich was anderes zu tun hat. Ich brauchte gute O-Töne von einer Pressekonferenz mit Sharon Stone. Ein Reporter begann mit der Frage: „Mrs. Stone, welche Unterwäsche tragen Sie heute?“ Dem Saal stockte der Atem. Was wird sie tun: rumzicken? Dem Reporter eine scheuern? Aufstehen und gehen? Mrs. Stone aber sagte gar nichts, fast eine Minute lang. Man konnte die Schweißtropfen des Kollegen über seine Stirn rinnen hören. Bis sie ihn anlächelte und genau fünf Worte zurückgab: „Next reporter, next question please.“ Nun bin ich nicht ganz so cool wie Sharon Stone und habe selten ein Mikro vor der Nase, wenn ich was sagen möchte. Aber seitdem wünsche ich mir oft, dass ich mit einem kurzen, aber effektvollen Moment des Schweigens erreichen könnte, dass alle aufhorchen.

In Konferenzen zum Beispiel kämpft sich meine Stimme manchmal mühsam durch das laute Gebrabbel der Kollegen, und dann fährt mir dieser aufgeblasene Schwätzer von schräg gegenüber über den Mund. Dabei ist mein Vorschlag viel interessanter, und zufällig weiß ich auch noch, wovon ich rede. Dass der Typ dagegen keine Ahnung hat, wovon er spricht, scheint niemanden zu stören. Es merkt gar keiner. Jedenfalls hören die anderen ihm gespannt zu. Nicht zu fassen. Und ich sitze da und möchte einfach nur schreien! Doch das würde mir wohl nichts weiter bringen als einen lächerlichen Auftritt. Also halte ich erst mal den Mund. Ohne dass es einer merkt, eben nicht so cool wie Sharon Stone. So ist Schweigen keine Lösung. Schließlich dreht sich ständig und überall einfach alles ums Reden: in Meetings, Konferenzen, Gehalts- oder Mitarbeitergesprächen, bei Urlaubsabsprachen oder Krisensitzungen.

Bei Laufstegmodels sind es die Beine, in fast jedem anderen Job jedoch ist Lippenperformance gefragt! Darin müssen wir richtig gut sein. Was aber ist so schwer daran, sich Gehör zu verschaffen? „Reden kann jeder, überzeugend reden hingegen können nur sehr wenige“, sagt Isabel García („Ich rede. Kommunikationsfallen und wie man sie umgeht“, Audio-CD, Sessel Books, 13,97 Euro). Die Wahrheit ist: Reden ist unglaublich kompliziert. Studien haben gezeigt: Wir überzeugen andere nur zu kläglichen sieben Prozent mit dem, was wir sagen. Und zu stolzen 93 Prozent dadurch, wie wir etwas sagen.

Für uns Frauen ist das gelinde gesagt eine erschütternde Nachricht. Da produzieren wir 20.000 Wörter am Tag, ein Mann in der gleichen Zeit nur 7000 – und er kommt trotzdem damit durch. Wir reden so furchtbar gern – und können es so schlecht. Es scheint, als seien wir wie ein Hochleistungsmotor, der viel Sprit frisst, aber nach wenigen Kilometern in einer Einöde liegen bleibt. Erschwerend hinzukommt: 55 Prozent einer Botschaft, die wir rüberbringen wollen, versanden in unserer Mimik, unserer Körperhaltung und Gestik. Und weitere 38 Prozent landen auf dem Konto unserer Aussprache, Stimmlage und Lautstärke. Eine verzwickte Lage, die jeder An-die-Wand-Quatscher schamlos ausnutzen kann. Erst recht im Job, wo wir täglich versuchen, uns so anschmiegsam und geschmeidig wie eine Katze jeder Gesprächssituation anzupassen.

Was wir sagen, zählt nur zu 7 %. 93 % überzeugen wir mit dem WIE

Isabel García weiß, wie man es besser macht. „Wer sich an ein paar einfache Regeln hält, redet überzeugend, er entwickelt mehr Präsenz und wird über kurz oder lang seinen Spaß daran haben, andere spielend um den Finger zu wickeln“, verspricht die Kommunikationsexpertin. Genau das wollen wir. Und darum mal los mit den Grundregeln. Das Wichtigste: Wer gut redet, wird gern gehört. Und das kennen Sie auch: Im Meeting kommt Ihre Kollegin mal wieder nicht auf den Punkt. Sie verliert nicht nur ihr Satzende aus den Augen, sondern auch ihre Zuhörer. „Auf den Punkt sprechen ist die Basis, auf der erfolgreiches Reden aufbaut“, erklärt die Expertin. Als professionelle Rednerin weiß sie, dass lange Wortschlangen Gift sind für aufmerksames Zuhören. Gerade in schwierigen Gesprächssituationen wirkt es Wunder, möglichst in kurzen, prägnanten Sätzen zu sprechen. Eine andere Kommunikationsfalle: Gerade wir Frauen neigen dazu, am Satzende mit der Stimme nach oben zu gehen. Mit unserer Stimme setzen wir damit keinen Punkt, sondern ein Fragezeichen. Dumm gelaufen, so machen wir unbewusst aus jeder Aussage eine Frage.

Fragt sich nur: Wen wollen wir damit überzeugen? Niemanden. Daher: den Punkt am Ende des Satzes bildlich vorstellen und bewusst mit der Stimme nach unten gehen. Auch: Wer jeden Satz wie eine Frage ausspricht, hat keine Gelegenheit, Luft zu holen, geschweige denn zu überlegen, was er eigentlich sagen möchte. So hetzen wir von einem Satz zum nächsten. Darum: nach jedem dritten Satz bewusst eine kurze Pause machen. „Seien Sie konzentriert“, rät die Expertin. „Betrachten Sie den Satz, den Sie im Augenblick sprechen, wie den Satz Ihres Lebens.“ Wer im Hier und Jetzt spricht und gedanklich nicht abschweift – dem hängt man an den Lippen.

Wer fragt, gewinnt, und die Schaumschläger schweigen

Und doch sitzen in fast jedem Meeting Schaumschläger und Über-den-Mund- Fahrer. Sie treffen uns meist unvorbereitet, unterbrechen und reden uns sofort gnadenlos gegen die Wand. „Der beste Trick ist, einfach ruhig und freundlich weiterzusprechen“, sagt die Sprechtrainerin. Und wenn der überehrgeizige Hochstapler von Kollege trotzdem nicht den Rand hält? „Dann stellen Sie ihm Fragen“, rät García. Wer fragt, gewinnt. „Und du glaubst wirklich, dass das so ist? Du bist der Meinung, dass …? Wie meinst du das denn genau?“ Nach spätestens drei Fragen haben wir ihn nicht nur aus der Fassung gebracht, sondern auch das Wort zurückerobert. Das Gute an dieser Strategie ist, dass wir dabei auf charmante Art den Sieg davontragen und nicht etwa durch ein zickiges „Darf ich mal ausreden?“. Manchmal reicht sogar eine gezielte Geste: Wer verhindern will, dass man ihm die Butter vom Brot nimmt, der kann auch beim Sprechen die Hand heben, sobald einer frech dazwischenquatscht. „Damit signalisieren Sie freundlich, aber bestimmt, dass Sie noch nicht fertig sind.“ Und auch, wenn wir jetzt ihre Waffen kennen: Ganz werden wir wohl nie vor ihnen gefeit sein. Denn die Schaumschläger sind unter uns. Ist mir neulich erst wieder passiert: Ein PR-Vertreter redete am Telefon so lange auf mich ein, bis ich ihn tatsächlich zu einem vertiefenden Gespräch in die Redaktion einlud – wohl wissend, dass wir garantiert nie eine Geschichte über die Leistungsunterschiede bei Handmixern bringen werden. Jetzt hat er es doch ins Heft geschafft, der Schaumschläger …

7 Tricks, die in schwierigen Gesprächen Wunder wirken

1. Die Situation ansprechen Beispiel: Sie haben das Wort, und mehrere Kollegen gähnen. Sie sagen: „Ich sehe schon, die ersten gähnen. Dann gehe ich zum nächsten Punkt.“ Oder, bei Unterbrechungen: „Ich habe das Gefühl, ich werde hier gerade an die Wand geredet.“

2. Von sich selbst reden Satzanfänge mit „Man“ vermeiden. Stattdessen „Ich bin der Meinung“ oder „Aus meiner Sicht“ sagen.

3. Ja-Antworten provozieren Wer eine Frage mit Ja beantworten kann, fühlt sich wohler. Nach drei Ja-Antworten sagt er nicht mehr Nein.

4. Verständnis signalisieren Ein Satz wie „Ich verstehe das gut“ macht das Gegenüber auch offen für Kritik und Ratschläge.

5. „Und“, nicht „Aber“ sagen Ein Aber erzeugt inneren Widerstand. Besser: „Das kann ich nachvollziehen, UND aus meiner Sicht …“

6. Lange ausatmen Wer länger aus- als einatmet, entspannt. Das spüren die Zuhörer.

7. Einfach mal nichts tun Bei fieser Kritik den anderen anschauen und warten. Er wird die Pause überbrücken, zurückrudern – oder sich um Kopf und Kragen reden.

Lade weitere Inhalte ...