15. März 2010
Spaß im Glas?

Spaß im Glas?

Manche denken gleich „Droge“, aber ich hab’ doch nur einen harmlosen Prosecco geschlürft! PETRA-Redakteurin Wiebke Borcholte über das spezielle Verhältnis zwischen Frauen und Alkohol.

Spaß im Glas?
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Spaß im Glas?

Der Rotwein ist meine einzige echte Sünde. Er schwappt in meinem Glas, beerenrot und ölig, beduselt mich ein bisschen und schwemmt den Tag weg. Wenn ich Pech habe, schmerzt morgen mein Kopf. Dann sitzt ein Kater darin und maunzt nach fettigen Pommes und Pizza. Wird er aber nicht bekommen. Den Alkohol gönne ich mir noch, so unvernünftig es sein mag – oder vielleicht gerade deswegen. Aber Pommes und Pizza sind verboten. Auch die einst heiß geliebten Zigaretten habe ich längst aus meinem Leben gestrichen. „Wollen wir uns noch ein Glas teilen?“, fragt meine Freundin über die weiße Tischdecke hinweg. Ich nicke. „Kein Alkohol ist auch keine Lösung.“Wir gackern zusammen und bestellen beim Kellner noch ein Glas von dem Blauen Zweigelt.

Alkohol ist die letzte legale und geduldete Droge in Deutschland. Kiffen und koksen dürfen wir nicht, rauchen ist verpönt. Aber Alkohol ist erlaubt, fast immer, fast überall. Wir haben ein Recht auf Rausch, werden oft dazu aufgefordert oder sogar gedrängt – und begießen mit Kolleginnen im Büro sorglos Ein- und Ausstände, stoßen bei Geburtstagen an und schmeißen beim Ausgehen eine Runde. Alkohol ist der hochprozentige Schmierstoff unserer Gesellschaft.

In den 60er und 70er Jahren warfen selbst ernannte Revoluzzer Trips ein, rauchten ganze Hecken weg und schimpften auf das System. Und heute? Heute nimmt man Drogen vor allem, um in diesem System besser zu funktionieren –und trinkt, um zu entspannen. Man köpft mit Freunden eine Flasche und wankt am Ende weinselig nach Hause. Das war ein schöner Abend! Feuchtfröhlich eben. Wie jede andere Frau kenne ich die gesundheitlichen Folgen. Saufen macht krank, dick und doof. Aber ich bin kein Gesundheits-Apostel – und alles andere als perfekt. Will ich auch nicht sein. Wer möchte sich schon als Frau ohne Laster sehen? Wie öde wäre es, wenn ich immer nur staubige Fair-Trade-Reiswaffeln zerkrümeln und dazu Wasser kippen würde?

Man stelle sich vor: eine Party mit grünem Tee. Unvorstellbar

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir einem Ideal von „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ hinterherträumen. Man stelle sich vor: Eine Frau steht auf einer Party. Ein attraktiver Kerl kommt vorbei und fragt: „Kann ich dir was zu trinken bringen?“ Die Frau antwortet: „Einen grünen Tee, bitte.“ Geht gar nicht. Denn diese Antwort ist ungefähr so cool, als wäre ihr in dem Moment der Knopf von der zu engen Hose abgeplatzt – und der Charmefaktor der Frau sinkt auf das Niveau eines feuchten Teebeutels. Denn wir verknüpfen Alkohol mit bestimmten Bildern, und schon im Wort „nüchtern“ klingt etwas so sachlich Trockenes mit, dass man sofort einen lustigen bunten Drink darauf schütten und „Shake it, Baby!“ rufen möchte.

Spaß im Glas?
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Spaß im Glas?

Natürlich schlummert in jeder von uns eine Femme Fatale, die ihre langen Wimpern senkt, sich einmal durch das Haar streicht, das Champagnerglas an die blutroten Lippen setzt und dann hinter sich wirft. Oder eine klassische Strandszene: Surfer-Girl klopft sich den Sand von der golden gebräunten Haut – und nimmt einen Schluck eiskaltes Bier aus der Flasche, während die Sonne rot wie eine Cocktailkirsche im Meer versinkt. Aber so romantisch verklärt muss es gar nicht sein. Ich möchte einfach nur mit meinen Freundinnen zusammen sitzen, ein Gläschen trinken und Spaß haben. Erstaunlich, wie fest die Kombination aus „Spaß“ und „angeschickert sein“ in meinem, Hirn verankert ist.

Obwohl ich weiß, dass stets auch der Alkohol mitkichert. Um zu wissen, dass Ethanol, so der chemische Name, gefährlich ist, muss man nicht Amy Winehouse ansehen. Erst galt sie als geniale Schnapsdrossel – doch inzwischen fragen sich alle, wie lange sie durchhält. Dabei kann es fast jeden treffen: 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig, 2,7 Millionen trinken so viel, dass sie als stark gefährdet gelten. 40.000 Alkohol-Tote werden jedes Jahr in Deutschland gezählt, Folgewirkungen wie Verkehrsunfälle noch nicht mitgerechnet. Eine andere Zahl besagt, dass 10 Millionen zumindest ein „problematisches Trinkverhalten“ haben. Wobei ich mich frage, was „problematisch“ bedeuten soll.

Wer ein gebrochenes Herz wegtrinken will, sieht es nur doppelt

Als ich online den Selbsttest zum Thema Alkohol-Konsum machte, lauteten zwei Fragen: Hatten Sie während der letzten 12 Monate wegen Ihrer Trinkgewohnheiten Schuldgefühle? Trinken Sie mehr als einmal pro Woche? Ich musste zweimal Ja! antworten. Ist das problematisch? Jeder dritte Mann in Deutschland trinkt zu viel und jede sechste Frau. Vielleicht bin ich die sechste Frau?

Neulich fuhr ich mit einer Freundin Auto, im Radio kam das Lied vonHerbert Grönemeyer: „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot.“ Wir konnten beide den Text auswendig, sangen lauthals mit und lachten. Doch worüber eigentlich? Aus irgendeinem Grund denken wir gern, dass bloß die anderen zu viel trinken, dass nur die anderen es nicht „im Griff“ haben. Auch ich finde die Bezeichnung „Sucht“ so abwegig wie die Vorstellung, mir morgens eine Ladung Schnaps statt geschäumter Milch in den Kaffee zu kippen.

Doch ich muss zugeben, dass ich auch schon probiert habe, mir Probleme schön zu trinken. Beim letzten schweren Liebeskummer versuchte ich, mein gebrochenes Herz in Rotwein zu ertränken. Der Haken daran: Kaum hatte ich so richtig einen in der Krone, sah ich das Herz doppelt pochen. Das ernüchterte mich sehr schnell wieder. „In der Krone haben“... Verräterisch, wie harmlos die Redensarten rund um den Alkohol klingen: Man hebt einen, schaut zu tief ins Glas und trinkt einen über den Durst. Dann hat man einen im Schuh, und die Lampen sind an. Und am Ende, wie süß, hat man einen Kater. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: In unserer Gesellschaft hat oft nicht derjenige ein Problem, der trinkt, sondern derjenige, der nicht trinkt.

Als ich in einer Bar mal nur Wasser bestellte, fragte der Kellner: „Schwanger oder Medikamente?“ Und die Freunde machten Witze. Allzuschnell gilt als „Spielverderberin“, wer lieber mit klarem Kopf mitredet – und allzu leicht vergessen wir, dass man ohne 0,9 Promille Alkohol im Blut hundert Prozent Spaß haben kann. Männer stehen sozial noch stärker unter Druck: Sie zechen, weil sie beweisen müssen, dass sie ordentlich was vertragen können. Schon John Wayne sagte: „Ich traue keinem Mann, der keinen Alkohol trinkt.“ Potenz lässt sich an der Summe geleerter Bierflaschen messen, scheinen einige zu glauben. Aber sind wir Frauen nicht längst auf einem ähnlichen Trip, auch wenn wir statt Schnaps eher Prickelndes wie Prosecco schlürfen? Eine Frau, die richtig bechern kann, steht auch ihren Mann – denken viele. So sagte Iris Berben im Februar in einem Interview: „Noch trinke ich die Kerle relativ gut unter den Tisch.“ Und schon wieder hebe ich mein Glas, in dem jetzt eine Alka Seltzer sprudelt – und proste mir im Spiegel zu: „Auf meine letzte Sünde. Cheers!“

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