3. Juni 2014
So lieben wir erfolgreicher

So lieben wir erfolgreicher

Dr. Jule Specht erforscht in Berlin, wie wir erfolgreicher lieben. PETRA-Autor Harald Braun traf sie zum Interview, um herauszufinden, ob sie das wirklich weiß

Verliebtes Paar
© istock/Thinkstock/ rez-art
Verliebtes Paar

Sie ist 27 und ziemlich hübsch. Würde ich Jule Specht in einer Bar begegnen, dächte ich vermutlich: könnte so langsam mal mit dem Studium fertig werden, die Jule, statt hier an der Theke zu stehen und die balzenden Paare zu beobachten. Womit ich so ziemlich in jedem Punkt danebenliegen würde: Dr. Jule Specht ist seit 2011 promoviert. Sie forscht über die Liebe und lehrt als Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin. Das allein ist erstaunlich genug, aber nur ein Teil ihres Lebens: Ihre beiden Kinder sind sechs und acht und ihr wissenschaftlicher Blog „Jule schreibt“ so erfolgreich, dass das Best-of diesen Monat als Buch erscheint. Ich treffe Jule Specht in ihrem Büro in Berlin- Dahlem, wo sie vor Kinderzeichnungen, einem Foto von Woody Allen und dem Ausblick auf etwas Grauenvolles residiert, das eine Univerwaltung „Innenhofbegrünung“ nennt. Jule Specht ist ein wenig zurückhaltend vielleicht, aber nicht herablassend, wie das Blitzbirnen gern passiert, wenn sie auf einen harmlosen Halbgescheiten wie mich treffen. Und wir reden, na klar, über die Liebe.

PETRA: Sie forschen seit Jahren über die Liebe – können wir überhaupt rational entscheiden, in wen wir uns verlieben?

DR. JULE SPECHT: Wir entscheiden letztendlich weniger rational, als wir glauben. Das haben Untersuchungen beim Speeddating eindeutig belegt.

Da geht es in erster Linie um gutes Aussehen, oder?

Ja, das auch. Sogar die Frauen, die gesagt haben, ach, so wichtig ist mir das Aussehen gar nicht, entschieden sich dann beim Speeddating für die attraktiven Männer.

Die weniger Schönen müssen sich dann halt mehr anstrengen … Woody Allen zum Beispiel, der hängt ja da auch an Ihrer Pinnwand: ein hässlicher Vogel, wenn Sie mich fragen, aber immer von schönen Frauen umgeben.

(Lacht und widerspricht sehr vehement:) Woody Allen ist doch sehr attraktiv!

Verraten Sie doch mal: Was müssen weniger attraktive Menschen tun, wenn sie bei der Partnersuche Erfolg haben wollen?

Das ist komplex. Gut funktioniert auf jeden Fall immer eine gewisse Dominanz.

Machohaftes Gegockel? Ich hab’s geahnt …

Ich meine das in einem positiven Sinne. Man sollte ein hohes Selbstwertgefühl ausstrahlen – man muss selber glauben, dass man gut ankommt. Schön und gut, aber wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es am Ende des Tages meistens um äußere Attraktivität. Attraktivität ist hilfreich. Aber wichtiger ist Selbstbewusstsein. Erfolg hat, wer selbstsicher ist, Blickkontakt hält, Körperkontakt sucht. Wer den anderen dazu bringt, mit einem zu lachen. Man sollte Nachfragen stellen, nicht so viel von sich selbst erzählen – das sind so die Sachen, die man jeden Abend in jeder Kneipe machen könnte, wenn man auf der Suche ist.

Würden Sie einer Frau empfehlen, sich im roten Kleid an eine Bar zu setzen?

Wenn sie angesprochen werden möchte und ein Date für den Abend sucht, ist das sicherlich ein Signal, das bei Männern ankommt.

Für mich klingt das verrückt. Ich finde nämlich die Farbe Rot nicht sonderlich attraktiv an Frauen. Würde es bei mir trotzdem unterschwellig funktionieren?

Das lässt sich nicht unbedingt auf den Einzelfall übertragen. Aber ganz allgemein: Wenn man 100 Männer nimmt und sie mit zwei Frauen konfrontiert, eine im roten Kleid, die andere im beigen Kleid, dann wird die Frau im roten Kleid sicher mehr Anfragen erhalten. Es ist sicher so, dass es Signale in unserer Umgebung gibt, derer wir uns nicht bewusst sind, die uns aber doch maßgeblich beeinflussen.

Ist es nicht ohnehin sehr viel schlauer und effektiver, in diesen modernen Zeiten Onlinedating zu machen?

Ich glaube da nicht dran. Die Verfahren beim Partner-Matching sind noch viel zu wenig evaluiert.

Ich übersetze mal: Die Onlineportale fischen auch bloß im Trüben, wenn sie Paare zusammenbringen …

Ja, und zwar auch deshalb, weil wir selbst oft kaum Einsicht darüber haben, wen wir eigentlich als Partner suchen – und so kann man wenig Profit daraus schlagen, die Fakten über einen anderen Menschen gleich alle auf den Tisch gelegt zu bekommen. Wenn man nicht weiß, was man will, sind diese Informationen ja nutzlos.

Was ist das Geheimnis einer glücklichen Beziehung?

Da muss ich etwas ausholen: Es gibt die Dreieckstheorie nach Sternberg, die davon ausgeht, dass eine glückliche, stabile Beziehung dann entstehen kann, wenn drei Aspekte erfüllt sind: Leidenschaft, hohe Intimität und Commitment. In der Theorie ist es nicht schwer, diesen Zustand zu erreichen, in dem man gleichzeitig ein hohes Level von Intimität, von Leidenschaft und eben Commitment spürt. Das Problem ist nur, dieses Level dauerhaft zu halten.

Das Leben lehrt uns ja, dass das leise Entfleuchen der Leidenschaft das größte Problem ist.

Ja, das ist tatsächlich in vielen Beziehungen der Knackpunkt. Es gibt diesen Anspruch, eine hohe Leidenschaft aufrechtzuerhalten – das ist aber in langen Beziehungen schwer zu gewährleisten.

Und das sind dann die Paare, die sagen: „Sex ist mir nicht so wichtig, dafür ist er mein bester Freund“?

Ich glaube, dass viele Menschen in der Beziehung Leidenschaft empfinden wollen. Genau deshalb gibt es auch so viele Trennungen. Insofern ist es vielleicht für Menschen, denen Leidenschaft besonders wichtig ist, ein gutes Konzept, seriell monogam zu leben. Da hat man alle drei bis sieben Jahre tiefe und leidenschaftliche Beziehungen mit wechselnden Partnern.

Und wenn man sich nicht trennen will? Dampf aus dem Kessel nehmen und die dauerhafte Leidenschaft gar nicht erwarten?

Nein. Ich würde eher die These vertreten, dass man versuchen sollte, die Leidenschaft aufrechtzuerhalten. Studien belegen, dass man das schaffen kann: wenn man sich immer wieder in Situationen begibt, die man vorher nie zusammen erlebt hat.

Was ist mit der offenen Beziehung? Ist das vielleicht auch eine Option?

Wenn sich beide Partner darauf einlassen, ist das natürlich denkbar. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Das gibt häufig Probleme, weil nicht beide diese „offene“ Beziehung zu gleichen Teilen ausnutzen.

Weil sich die Frau dann doch in den anderen verliebt …

Frauen neigen dazu zu sagen, okay, ich hatte jetzt viermal echt tollen Sex mit einem Mann, der gut aussieht und mit dem man sich gut unterhalten kann, warum nicht eine Beziehung mit ihm führen?

Tja, man hat es ja schon geahnt. Andere Frage: Was war in Ihrer bisherigen Arbeit für Sie selbst die überraschendste Erkenntnis?

Das ist schwierig (lacht), ich beschäftige mich damit ja schon eine Weile …

Das ist keine Antwort, mit der Sie hier durchkommen …

Na gut: Was ich immer spannend finde, ist dieser Zusammenhang zwischen dem subjektiven Glücksgefühl und der tatsächlichen Beziehung. Wenn man Single ist, denkt man, ach, ich bräuchte bloß einen Partner, dann bin ich wieder glücklich. Die Forschung zeigt aber, dass der Glücksfaktor selbst in einer harmonisch verlaufenden Beziehung nur temporär ist. Nach zwei, drei Jahren ist der schon wieder abgeflaut …

Ach, so lange doch?

Na ja, zwei Jahre schon. Das ist eine Sache, die mich erstaunt hat. Ich dachte, man hätte länger was davon.

Ich habe in Ihrem Buch gelesen, dass Sex in zweierlei Hinsicht hilft. Nicht nur dabei, älter zu werden, sondern auch, um die Zufriedenheit in der Beziehung anzukurbeln.

Das stimmt auch. Der Zusammenhang ist überraschend: Es ist nicht etwa so, dass in glücklichen Beziehungen mehr Lust auf Sex da wäre. Es ist eher umgekehrt: Man hat viel Sex und dadurch wird die Beziehung besser, harmonischer, man ist zufriedener.

Wie ist das zu erklären?

Na ja – auch wenn einem nicht bewusst ist, dass einem etwas fehlt, profitiert man davon, wenn man es wieder hat …

Das heißt also, man sollte sich zwingen, weil es dem guten Zweck dient?

Zwang ist sicherlich nicht der richtige Ansatz. Das funktioniert nur, wenn man grundsätzlich Spaß an der Sache hat.

BUCH-TIPP

In wen verlieben wir uns, und warum verhalten wir uns dann so seltsam? Dr. Jule Specht hat diese Fragen erforscht und die Antworten ziemlich unterhaltsam aufgeschrieben. „Suche kochenden Betthasen – was wir aus wissenschaftlichen Studien für die Liebe lernen können“, rororo, 8,99 Euro

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