17. November 2010
Sind Sie eine Hochstaplerin?

Sind Sie eine Hochstaplerin?

Geht es um eigene Erfolge, glaubt Frau an alles – nur nicht an sich selbst. Stets fürchtet sie aufzufliegen, weil sie (gefühlt) doch nur so tut, als ob… Das Phänomen des Hochstapler-Syndroms.

Hochstaplerin Illustration
© jalag-syndication.de
Hochstaplerin Illustration

Ehrlich gesagt, ich bin mir ganz sicher: Irgendwann kommt sie. Die Talentpolizei. Sie wird mich in Handschellen legen und verhaften, die Anklage wird auf „Betrug“ lauten, und ich werde ein klein wenig erleichtert sein: weil ich so lange schon auf diesen Moment gewartet habe und den anderen nichts mehr vormachen muss. Und während ich mich ins Talentpolizeiauto zwänge, werden die Leute drumherum glotzen und einander Dinge zuflüstern wie: „Und ich hab immer so große Stücke auf die gehalten.“ Oder: „Auf die sind wir ja ganz schön reingefallen.“ Ja, sorry, goodbye, war nett bei euch.

Ich bin eine Hochstaplerin. Zumindest fühle ich mich oft so. Dass ich es in meinem Job so weit gebracht habe, ist pures Glück – manchmal ist es mir sogar unheimlich, wie gern mich meine Freunde haben. Warum sie alle so große Stücke auf mich halten? Keine Ahnung. Vermutlich bin ich eine Meisterin der Täuschung. Und ich stelle meine Fähigkeiten auch lieber unter den Scheffel, als mich an zu hohen Erwartungen messen zu müssen. Komplimente sind mir erst recht unangenehm. Ich neige dann meistens den Kopf, werde ein bisschen rot und murmle: „Nee, nee, so toll und großartig war das jetzt auch nicht…“

Ich leide unter etwas, womit sich US-Psychologen seit geraumer Zeit beschäftigen: dem Hochstapler-Syndrom. Und das befällt nach Aussage von Valerie Young, der führenden Expertin auf diesem Gebiet, bis zu 70 Prozent aller Menschen – zumindest dann und wann –, und am häufigsten die weibliche Bevölkerung. Das vorherrschende Gefühl: Erfolge liegen nicht am eigenen Können, sondern basieren auf viel Glück und Zufall. Gelingt einem etwas richtig gut, ist man der Meinung, die Aufgabe war einfach nur zu leicht.

Dazu gesellt sich die subtile Angst, irgendwann werde man auffliegen. Hochstaplerinnen haben deshalb besondere Panik vor neuen Herausforderungen: einem Jobwechsel, mehr Verantwortung. Ein Teil von ihnen geht dann lieber in Deckung und bemüht sich nicht um die Beförderung, die sie eigentlich lange verdient hätten. Der weitaus größere Teil der Hochstaplerinnen aber geht in die Offensive, wird zu Workaholics und Perfektionistinnen. „Sie arbeiten viel mehr und härter als andere, um ihre angeblichen Defizite zu kompensieren“, sagt Valerie Young. Weitere untrügliche Eigenschaften der eingebildeten Aufschneiderinnen: Sie haben den Reflex, Lob abzuwiegeln. Sie denken, andere in ihrer Position wären reifer als sie. Selbst konstruktive Kritik können sie nur schwer ertragen, denn sie sehen diese als Beweis für ihre eigenen Unzulänglichkeiten. Sie fühlen sich nie als richtig gute Freundin – und haben sich, frisch verknallt, schon oft beim Gedanken erwischt: „Warum hat er sich ausgerechnet in mich verliebt?“

Sie haben sich bis hier wiedererkannt? Willkommen im Club. Aber: Trösten Sie sich. Denn erstaunlicherweise befällt das Hochstapler- Phänomen gerade die Frauen, die besonders viel auf dem Kasten haben. Darunter viele Prominente: Das Comedy-Multitalent Tina Fey („30 Rock“) bekannte sich jüngst öffentlich zur Hochstapleritis. Und die oscarprämierte Kate Winslet gestand in einem Interview: „Manchmal wache ich morgens vor einem Drehtag auf und denke: Ich packe das nicht. Ich bin eine Betrügerin. Sie werden mich feuern.“ Auch die gefeierte deutsche Autorin Judith Hermann („Sommerhaus, später“) war nach ihrem Debut- Erfolg nicht sicher, ob ihr überhaupt ein zweites Buch gelingen würde: „Ich fühlte mich wie ein Hochstapler, wie jemand, der etwas vortäuscht. Ich war nicht sicher, ob ich eigentlich schreiben kann oder ob dieses Buch nicht nur ein aus einem ganz akuten Lebensgefühl heraus entstandener psychotherapeutischer Verarbeitungsakt gewesen ist.“ Die Angst war grundlos: Letztes Jahr veröffentlichte sie ihren dritten, von der Kritik gelobten Erzählband.

Wie tröstlich zu erfahren, dass man auf der Welt nicht die Einzige ist, die mit solch albernen Hochstapel-Gedanken herumläuft. Auch Valerie Young meint: „Zu wissen, dass es einen Namen für diese Gefühle gibt und man nicht allein damit ist, kann enorm befreiend sein.“ Deshalb ist es auch so wichtig, negative Gedanken nicht ständig in sich hineinzufressen. Wir begegnen im Leben oft Menschen, die wir bewundernswert finden, denen wir alles zutrauen, die jede Lage scheinbar authentisch und souverän meistern. Genau solch eine Kollegin erzählte mir neulich bei einem gemeinsamen Lunch, sie hätte Angst, dass unser Chef irgendwann herausfindet, dass sie die falsche Frau für den Job sei. Was für eine Offenbarung: Anderen tollen Frauen geht es exakt gleich!

Doch es gibt auch eine Gattung von Hochstaplerinnen, die nicht ehrlich ist. Erinnern Sie sich an die Mädchen, die früher nach einem Diktat tagelang flennten, sie hätten bestimmt eine Fünf geschrieben? Und am Ende doch wieder als Klassenbeste abschnitten? Das waren keine echten Selbstzweifel, das war Koketterie mit der eigenen Leistung. Und genauso durchschaubar wie das „fishing for compliments“ der Kollegin aus dem dritten Stock, wenn die mal wieder behauptet, „morgens gar nichts zum Anziehen im Kleiderschrank“ gefunden zu haben, obwohl sie täglich in Marc Jacobs oder Prada aufläuft.

Wer sich im Leben tatsächlich häufig wie eine Betrügerin fühlt, läuft schlimmstenfalls Gefahr, depressiv zu werden. Bescheidenheit ist zwar grundsätzlich sympathisch. Zu viel falsche Bescheidenheit aber führt langfristig zu einer eingefahrenen No-win-Situation. Bekommt man Lob, denkt man, man hätte es nicht verdient. Bekommt man es nicht, denkt man: „Zu Recht!“ Das schützt zwar vor Enttäuschung, tötet aber jeden noch so zarten Keim der Zufriedenheit. Uns Frauen ist es leider häufig peinlich, erfolgreich zu sein, weil wir Neid fürchten. Etwas, was Männern eher selten passiert.

Wie gelingt es bloß, uns so clever und fähig zu fühlen, wie alle anderen uns finden? Der erste Schritt, meint Valerie Young, sei, den typischen Hochstapel- Gedanken zu entlarven, sobald er durch den Kopf schießt: „Das ist der erste Weg zur Besserung.“ Außerdem sei es wichtig, sich nicht darauf zu konzentrieren, was man alles nicht kann oder weiß. „Sei nett zu dir selbst“, meint Young, „es steht einem zu, Fehler zu machen und sich das zu verzeihen. Und man darf nicht vergessen, sich für wichtige Dinge, die gut gelaufen sind, zu belohnen.“ Zu guter Letzt sollte man bei jeder neuen Aufgabe, die bevorsteht, das positive Ergebnis vorher visualisieren. Dass man sie erfolgreich bewältigt, eine tolle Präsentation abliefert – oder auch eine glückliche, dauerhafte Beziehung zu Freunden und dem Partner aufrechterhält.

Wir müssen täglich die härteste Jury der Welt bei Laune halten, die fast unmögliche Maßstäbe setzt: uns selbst. Dabei ist der Blick unserer Umwelt auf uns so viel wohlwollender. Umso wichtiger, dass wir mit anderen über unser Hochstapler- Gefühl sprechen. Vielleicht gelingt es uns dann irgendwann, die schlichte Wahrheit auszusprechen, ohne dass wir uns dabei wie die größte Angeberin unterm Sternenhimmel fühlen: „Ich hab ganz schön viel drauf. Und in meinem Leben eigentlich ziemlich viel richtig gemacht.“

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