15. September 2016
Internet - moderne Romantik

Internet - moderne Romantik

Moderne Romantik? Sieht so aus, dass man sich die Finger auf WhatsApp wundschreibt und alle zwei Sekunden seine Mails checkt. Nun hat der US-Comedian Aziz Ansari einen Ratgeber geschrieben, der Singles weiterhilft. Vom ersten Wisch bei Tinder bis hin zum ersten Kuss – Ansari verrät, wie es Liebe wird.

Liebe im Internet finden
© Geber86/iStock
Liebe im Internet finden

Zwei (blaue) Häkchen für die Liebe

Jeder Single mit einem Handy kennt die Situation: Das Gerät, das sonst problemlos funktioniert, hat plötzlich eine mysteriöse SMS-Empfangsstörung – und zwar genau dann, wenn man auf eine Nachricht von der Person wartet, mit der man am Abend zuvor abgestürzt ist. Statt das Handy wegzulegen und sich mit etwas anderem zu beschäftigen, fängt man an zu grübeln. Vielleicht fand der andere die gemeinsamen Stunden nur so mittelaufregend? Er könnte sich beim Nummerntauschen auch vertippt haben. Vielleicht ist sein Handy auf der Fahrt nach Hause im Bus liegen geblieben? Oder er ist vom Bus überfahren worden!

Der indischstämmige US-Comedian Aziz Ansari hat das auch schon mal erlebt: „Aus Kummer und Frust kontrollierte ich panisch wie ein Verrückter alle paar Minuten mein Telefon, nur, weil die Frau scheinbar nicht bereit war, mir eine blöde Mininachricht auf mein doofes kleines Handy zu schicken“, schreibt er in seinem Buch „Modern Romance“ (Penguin Press). Das Buch, das in den USA über Monate in den Bestsellerlisten stand, ist eine lustige Analyse über Beziehungen in Zeiten von Internet und Smartphone. Ansari hat es geschrieben, weil das Warten auf die überfällige SMS ihn wütend machte und kränkte. „Vor zehn oder zwanzig Jahren wäre so etwas gar nicht denkbar gewesen.“

Denn damals gab es keine Handys – und somit auch kein Warten auf SMS, WhatsApps, iMessages oder Facebooknachrichten. Der Gedanke beschäftigte den 32-Jährigen. „Jeder von uns hat irgendwann schon mal hilflos auf den Bildschirm gestarrt. Es fühlt sich an wie ein Riesendrama und als ob man damit völlig alleine wäre. Dabei sitzen wir alle im gleichen Boot. Selbst Menschen, die in Beziehungen sind, haben diese Momente“, sagte er. Weil sich keiner der Beziehungsratgeber, die er las, ausreichend mit der veränderten Dating-Kultur befasste, beschloss er, selber einen zu schreiben. Anstatt jedoch nur ein paar lustige Beobachtungen und Standup-Scherze aneinanderzureihen, tat er sich mit dem Soziologen Eric Klinenberg zusammen: „Nachdem ich viele interessante Zeitungsartikel über Liebe und Dating gelesen hatte, in denen Soziologen zu Wort kamen, wollte ich gern ein fundiertes Buch über das Thema schreiben – aber auf meine lustige Art“, sagte er. Gemeinsam führten sie Umfragen durch und organisierten Fokusgruppen, um besser zu verstehen, wie das Internet die Partnersuche verändert hat. Und warum es trotz Smartphone nicht einfacher geworden ist, sich mit einer interessanten Person zu verabreden.

Liebe im Internet finden
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Singles aus aller Welt warten auf dich

Dank des Internets fühlen wir uns mit der ganzen Welt verbunden. Manchmal vergessen wir deshalb darauf zu achten, was direkt vor unserer Nase passiert. Unserer Oma wäre der smarte Mittdreißiger, der gerade gegenüber eingezogen ist, sicher aufgefallen. Ihre Generation musste noch ohne Online-Dating auskommen und suchte sich die Partner deswegen bevorzugt in der Nachbarschaft – auch in Großstädten. Der Vorteil: ähnliches soziales Umfeld und viele Punkte, um anzuknüpfen.

In seinem Buch zitiert Aziz Ansari den Soziologen John Ellsworth Jr. Der schrieb 1948: „Die Menschen gehen so weit wie nötig, um einen Partner zu finden. Aber keinen Schritt weiter.“ Seit Omas Zeiten ist unser Einzugsgebiet jedoch größer geworden. Die meisten Frauen haben eine 24 Stunden am Tag geöffnete Single-Bar namens Tinder oder eDarling in der Handtasche: ihr Smartphone. Damit können sie einen potenziellen Partner aus einer anderen Stadt kennenlernen, während sie in der Jogginghose zu Hause auf dem Sofa sitzen.

Die Folge: Reizüberflutung. Chatten, Mailen, Texten, Swipen – das macht eine zeitlang Spaß. Aber wenn sich die Bekanntschaften nicht weiterentwickeln, wird es ermüdend. „Die Möglichkeiten beim Online-Dating sind scheinbar endlos, und sich da durchzuarbeiten, ist fast, als hätte man einen zweiten Job“, schreibt Aziz Ansari. Während seiner Recherche für „Modern Romance" traf er in einer seiner Fokusgruppen jedoch auf einen jungen Mann, der ein völlig anderes Verhältnis zum Daten hatte. Ohne Online-Kontakte, ganz entspannt. Sein Geheimrezept: Man muss nur möglichst viele Freunde aus unterschiedlichen Umfeldern haben – Job, Sportverein, Chor, Buchclub –, die sich an verschiedenen Orten treffen. Mit den einen verabredet man sich vielleicht zu einer morgendlichen Diskussionsveranstaltung, mit anderen abends zum Bowlen und mit wieder anderen am Wochenende zum Freiwilligendienst in der örtlichen Bibliothek. Eben an all den Orten, wo man fast automatisch neue Leute kennenlernt. Dann klappt es auch ohne Swipen. Nur vom Sofa muss man runter.

Ruf jetzt an

Wir Deutschen verschicken schätzungsweise 73,8 Millionen SMS pro Tag. Wir nutzen auch Messenger-Dienste wie WhatsApp und iMessage und schicken uns Facebooknachrichten. Aber wir telefonieren kaum noch – was zur Folge hat, dass besonders jüngere Männer sich kaum noch zu einem Anruf aufraffen können, schreibt Aziz Ansari. Die Psychologin Sherry Turkle („Reclaiming Conversation“, Penguin Press), eine Expertin im Umgang mit neuen Medien, ist ähnlicher Ansicht. Sie glaubt, dass junge Erwachsene so daran gewöhnt sind, zeitverzögert und mit räumlichem Abstand zu kommunizieren, dass ihnen spontane Gespräche zunehmend schwerfallen.

Klar, das Schreiben hat Vorteile. Man kann sich dem anderen vorsichtig nähern – und die Konversation jederzeit abbrechen, ohne sich groß erklären zu müssen. Dass das manchmal das Beste ist, beweisen Sammlungen von Horror-Anmachen wie denen auf straightwhiteboystexting.tumblr.com: „Deine Haare sind toll. Stehst du auf Analsex?“ schreibt da jemand, der offenbar gar keine Zeit verlieren will.

Liebe im Internet finden
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Aber selbst, wenn der Absender kein aufdringlicher Vollidiot ist, verfehlen Nachrichten gern mal das Ziel. Sie sind unverbindlich, scheinen nicht viel zu bedeuten. Frauen würden sich deswegen weniger umworben fühlen, ist Turkle überzeugt. Es sei denn, die Nachricht ist wirklich, wirklich persönlich und charmant. Dann tütet man besser bald ein Date ein, schreibt Aziz Ansari: „Es kommt so oft vor, dass Leute versuchen, Nähe aufzubauen, aber stattdessen endlos hin- und hertexten und es nicht schaffen, sich zu verabreden. Bis der Funke, der anfangs vielleicht da war, erloschen ist.“

Die Ehe seiner Eltern sei arrangiert, erzählte Aziz Ansari während der Vorstellung seines Buchs. Sein Vater habe sich 30 Minuten mit seiner Mutter unterhalten. Dann waren sich die beiden einig: „Mir fallen selbst die einfachsten Entscheidungen schwer, und zu einer so wichtigen hätte ich mich nie in so kurzer Zeit durchringen können.“ Aber für seine Eltern hat es funktioniert: „35 Jahre später sind sie immer noch zusammen – und glücklich.“

Ohne gesellschaftlichen Druck sind unzählige Beziehungsformen möglich geworden: Liebe ohne Sex, Sex ohne Liebe, Sex mit Frauen und/oder Männern. Feste Bindung? Nur mit dem absoluten Traumpartner! Der Soziologe Andrew Cherlin („The Marriage-Go-Round“, Vintage) sieht darin Chance – und Fluch: Finden sich zwei Seelenverwandte, haben diese die besten Voraussetzungen, glücklich zu werden. Ihre Beziehung ist aber auch viel anfälliger für Enttäuschungen. Erfüllt der Partner die Erwartungen nicht (oder nicht mehr), geht die Suche von vorne los.

Die Suche nach dem Top-Partner (*****!)

Einen Menschen kennenzulernen, der Pudel UND den FC Bayern UND Ibiza-Urlaube UND vegetarisches Essen mag, ist dank des Internets um einiges wahrscheinlicher geworden. Sich bei der Suche zu verzetteln, allerdings auch. Wir verbringen Stunden oder Tage damit, Bewertungen zu lesen und Filter einzustellen, um das perfekte Hotel oder die ideale Radroute zu finden. In ein derart optimiertes Leben passt doch kein ***-Partner, oder? „Das Netz hat uns mit dem Gedanken infiziert, dass das Beste irgendwo da draußen auf uns wartet und wir nur genug suchen müssen“, schreibt Aziz Ansari. Genau das könne aber zum Problem werden: „Mein Vater hat die Frau fürs Leben schneller gefunden als ich ein Taco-Restaurant fürs Abendessen.“ Der Comedian ist froh, dass seine Freundin es durch sein Filterraster geschafft hat. Seine Präferenzen: jünger, kleiner, dunkelhaarig. Die Frau, mit der er glücklich liiert ist, ist zwei Jahre älter. Blond. Und etwas größer.

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