24. Juli 2013
Ich mach das jetzt!

Ich mach das jetzt!

Wann ist es an der Zeit für die großen Dinge: Weltreise, Selbstständigkeit, Kinderkriegen? Wir sagen: lieber sofort als irgendwann! Drei Frauen erzählen von ihrem "perfekten Moment" – oder wie sie ihn dazu machten.

Perfekter Moment
© Volker Lammers
Perfekter Moment

Die einen tauen Fischstäbchen auf, die anderen frieren Eizellen ein. Die einen richten Häuser her, die anderen lösen Wohnungen auf. Die einen packen Still-BHs ins Köfferchen, die anderen den Bikini für Bali: Nie waren die Lebensentwürfe von uns Frauen unterschiedlicher als heute. Weil wir frei entscheiden können, ob wir erst etwas Clubbing betreiben oder sofort die Karriere anschieben; ob wir das Ticken der biologischen Uhr erhören oder den Wecker auf lautlos stellen; ob wir schon mal einen Bausparvertrag abschließen oder lieber noch den Bankberater daten. Alles ist möglich, alles "in time". Das "Wann" bleibt jedem selbst überlassen – was uns herrlich frei macht. Aber manchmal auch etwas verunsichert: Weil wir nicht wissen, ob wir uns immer auf unser Gefühl verlassen können, um den besten Zeitpunkt zu erspüren. Schließlich wollen wir weder etwas verpassen noch später bereuen. Weder in blinden Aktionismus verfallen noch alles aufschieben. Weder die Erste noch die Letzte sein… Für PETRA berichten drei Frauen, wie sie den perfekten Zeitpunkt für Selbstständigkeit, Familie und eine Weltreise gefunden haben.

Wie erkenne ich den richtigen Zeitpunkt für eine Veränderung?

"Der gesellschaftliche Wandel bietet uns viele Gelegenheiten, von denen frühere Generationen nur träumen konnten", sagt die Psychologin Karin Krümmel aus Berlin (www.lifecoach-berlin.de). "Aber er bringt in Sachen Zeitmanagement eben auch neue Herausforderungen mit sich." Die Orientierung fällt uns heute schwerer: Dauernd sollen wir Chancen erkennen und Entscheidungen treffen. Während weite Teile des Weges früher vorgezeichnet schienen und höchstens mal kleine Kreuzungen kamen, folgt heute ein Kreisel auf den nächsten. Und ohne Navi fällt es schwer, die Ausfahrt im rechten Moment zu erwischen. "Entscheidend für ein erfolgreiches Timing ist, dass wir uns regelmäßig fragen, ob wir gerade glücklich sind", so Karin Krümmel. "Ob wir uns für das, was wir tun, begeistern können – und unseren Fähigkeiten ausreichend Raum geben." Was nützt ein gut bezahlter Schreibtischjob, wenn unsere größte Stärke darin besteht, andere für uns einzunehmen? Wozu einer Stadt treu bleiben, die kein Wohlgefühl erzeugt? Sind wir mit der Gesamtlage unzufrieden, lautet der richtige Zeitpunkt: jetzt! Jetzt etwas ändern! Jetzt eine Entscheidung treffen, die weiter reichend ist als die Wahl eines neuen Outfits. Sich etwas vorzumachen und auf bessere Zeiten zu hoffen, wäre ja die reinste Verschwendung. Dann lieber allen Mut aufbringen und etwas riskieren. Im schlimmsten Fall ist der neue Job genauso doof. Im besten Fall findet man in der neuen Stadt nicht nur Lieblingsplätze, sondern auch noch einen Liebsten.

Die richtigen Prioritäten setzen

Wer eigentlich ganz happy ist und sich trotzdem manchmal fragt, ob seine Zeiger richtig gehen, kann an kleineren Rädchen im Uhrwerk drehen: Kein Mensch glaubt ja, dass das gesamte Leben planbar wäre. "Trotzdem hilft es, sich hin und wieder vor Augen zu führen, ob der generelle Kurs wohl stimmt, um später zufrieden zurückzublicken." Wer das Studium in die Länge zieht, sollte bloß nicht die Vorstellung haben, im Pekip-Kurs die Jüngste zu sein. Wer mit der Rücklagenbildung nicht in die Pötte kommt, weil alles Geld beim Shoppen draufgeht, sollte nicht stillschweigend davon ausgehen, dass die Kohle fürs Haus schon irgendwann da ist. Vielleicht kommt man aber doch schnell zu der Erkenntnis, dass es zu verschmerzen wäre, ab sofort ein paar Scheine abzuzwacken – um sich in zehn Jahren darüber zu freuen, dass man rechtzeitig vorgesorgt hat. Umgekehrt ist es natürlich auch denkbar, dass die Findungsphase gerade so inspirierend ist, dass alles andere warten muss. "Wer Prioritäten setzt, macht sich aktiv bewusst, dass sich andere Projekte nach hinten verschieben." Erfahrungsgemäß melden sich der Expertin zufolge die Angelegenheiten, die uns wirklich am Herzen liegen, auch immer mal wieder bei uns. Man braucht also keine Angst zu haben, den Zeitpunkt für wichtige Dinge zu verpassen – solange man auf sein Herzklopfen hört und Eingebungen vertraut.

Neuanfänge wagen

"Es gibt Momente im Leben, da spricht vom Verstand nicht so vieles dagegen, und zusätzlich überkommt einen ein Impuls", weiß Karin Krümmel aus ihrer Beratung. Man sieht sich eine Mietwohnung an – und plötzlich bietet sich die Chance, sie zu kaufen. Oder man hat gerade eine Kündigung auf den Tisch bekommen. Sehen Sie die Kündigung als Chance für den Neustart. Was spricht dagegen, jetzt endlich die lang ersehnte Reise zu unternehmen? Die Zeit wäre sinnvoll genutzt, der Tapetenwechsel beflügelt: Vielleicht kommt einem unter einer balinesischen Palme die weltbeste Geschäftsidee. Und das gute Gefühl, die Reise gewagt zu haben, kann einem niemand mehr nehmen. Andere nehmen sich Neidgefühle zum Wegweiser: Sie bemerken vielleicht, dass es ihnen jedes Mal einen Stich versetzt, wenn die Freundin von ihrer neuen Selbstständigkeit spricht. Weil in ihnen auch ein Traum schlummert, der gern verwirklicht werden würde. "Trauen Sie sich, ihn an die Oberfläche zu holen, ihn auszusprechen und ernsthaft in Erwägung zu ziehen", rät die Expertin.

Der richtige Zeitpunkt ist jetzt

"Und zwar nicht für irgendwann, sondern für einen festen Termin." Dann kommt nämlich erst Leben rein. "In dem Moment, in dem wir uns zeitlich festlegen, steigen Motivation und Tatkraft." Statt andere heimlich dafür zu bewundern, dass sie so viel weiter sind, krempelt man lieber selbst die Arme hoch. Sicher, es gibt auch vorschnelle Kandidatinnen, die grundsätzlich von jetzt auf gleich entscheiden – und die lieber noch mal eine Nacht drüber geschlafen hätten, bevor sie versuchen, ein Projekt durchzuziehen, das etwas Vorlauf benötigt hätte. Die Mehrheit neigt aber eher dazu, lange zu zögern. "Um Fehler zu vermeiden, lassen sie alles passieren, statt in den Zeitverlauf einzugreifen", sagt die Psychologin. Dabei wird man selbst nach allem Abwägen nie sicher wissen, ob es rückblickend richtig war. "Stehen Sie zu Ihrer Unsicherheit und entlasten Sie Ihre Entscheidung mit der Erkenntnis, dass Sie zum jetzigen Zeitpunkt Ihr Bestmögliches geben, damit alles gut anläuft.“ Unendliche Gedankenschleifen würden ebenso wenig bewegen wie zu viele Gespräche. Wägt man ab, ob man schon bereit für ein Baby ist, wird die Freundin aus Kindheitstagen erzählen, dass es die beste aller Entscheidungen war, früh mit der Familienplanung loszulegen. Mutti wird hingegen einwenden, dass der vermeintliche Vater noch gar keine Festanstellung hat. Und die Kollegin weiß zu entgegnen, dass man erst mit 40 gelassen genug in die Mutterschaft geht. Dabei erzeugte der Gedanke bei uns vielleicht gerade zum ersten Mal ein angenehmes Kribbeln.

Schützen Sie Ihren Plan

Gleiches gilt für alle möglichen Wünsche, die zu erfüllen Mut erfordert. "Schützen Sie Ihren Plan, wenn Sie mit anderen darüber reden“, rät Karin Krümmel. "Betonen Sie, was Sie begeistert, statt nur über die Zweifel bezüglich des Zeitpunkts zu sprechen." So fällt es leichter, der Sehnsucht Raum zu geben, einer Idee Vertrauen zu schenken und die damit verbundenen Gefühle gedeihen zu lassen. "Im Idealfall kriegt man Herz und Kopf synchronisiert", sagt die Expertin. Heißt: Der Gedanke, jetzt etwas anzupacken, fühlt sich überwiegend gut an – und man erlaubt sich, daran zu glauben. "Und denken Sie bloß nicht, dass alle anderen solch einen Entschluss absolut souverän und locker fassen würden", sagt Karin Krümmel. Jedem geht die Düse, wenn er einen Kaufvertrag unterschreiben soll, die Kündigung oder das Visum. "Statt zwanghaft locker sein zu wollen, darf man seine Nervosität ruhig annehmen", so die Psychologin. "Sie geht vorbei." Ebenso wie der Bammel, der einen überkommt, wenn man einen Moment bewusst verstreichen lässt, weil man sich gegen den sofortigen Switch sträubt. Hauptsache, man hat sich Gedanken gemacht und ist zeitlich mit sich im Reinen. Dann kann man es entweder noch eine Weile genießen, am Wochenende bis in die Puppen im Bett zu bleiben, weil niemand nach Bespaßung kräht. Oder stolz verkünden, dass man einen Entschluss gefasst hat. Oder sich an der kribbeligen Nervosität erfreuen, die einen erfüllt, wenn man in neue Zeiten aufbricht.

Mareike
© Volker Lammers
Mareike

Ein Jahr reisen

MAREIKE, 31

Mit meiner Freundin Nathalie wollte ich gleich nach dem Abi nach Australien und habe, kurz bevor es losging, gekniffen. Ich hatte Angst, zu Hause etwas zu verpassen, suchte mir einen Ausbildungsplatz und bekam von meinem Traum-Trip nur mit, was Nathalie in ihren Mails schrieb. Später lockten andere Ausreden: erst ein neuer Job, der keinen langen Urlaub zuließ. Dann ein Freund, den ich zu sehr vermisst hätte. Schließlich ein Studium, das die finanziellen Reserven verschluckte. Koalas und Korallenriffs spukten trotzdem noch im Kopf herum. Und das dumpfe Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Dann wachte ich auf und war 29. Das Work&Travel-Visum kriegt man bis 30. Mit einem Freund ging ich ins Reisebüro und dachte: „Jetzt oder nie!“ Ich kündigte meine Wohnung, vertickte meine Möbel und setzte meinen Chef über meinen Plan in Kenntnis – obwohl sich gerade die Chance bot, aus dem Nebenjob eine Vollzeitstelle zu machen. Ein halbes Jahr später flog ich los. Vier Monate waren vorgesehen, stattdessen blieb ich ein ganzes Jahr: reiste quer über den Kontinent, flog nach Fidschi, Bali und Neuseeland, schuftete auf einer Farm im Outback und kam als neuer Mensch zurück. In meinem Kopf sind so viele Bilder. Und ich bin superstolz, dass ich mich getraut habe. Manchmal braucht es halt einen Schubs. Und heute bin ich diejenige, die von den anderen gelöchert wird – und die ihnen Mut zuspricht.

Psychologie:

Erst Karriere, dann Familie

ASTRID, 38

Seit drei Wochen ist meine Tochter auf der Welt. Sie ist ein Geschenk, mit dem ich fast nicht mehr gerechnet hätte. Mein Mann und ich sind seit 14 Jahren ein Paar und haben 2007 geheiratet. Danach wollten wir gern ein Kind, doch es klappte nicht. Viele unserer Freunde hatten schon Familie. Ich spürte den Druck – versuchte aber, mich nicht verrückt zu machen und das Ganze pragmatisch zu sehen, wie es meine Art ist. Ich genoss unsere Fernreisen und kniete mich in die Arbeit: Entschied mich nach dem Studium zur Bauingenieurin noch für eine Promotion. Und ergatterte 2010 einen super Job. Statt mich um ein Baby zu kümmern, übernahm ich im Büro Verantwortung. Und statt in der Nacht Fläschchen zu schütteln, blieb ich oft bis in die Puppen am Schreibtisch. Zum Glück hat mich die Arbeit immer fasziniert und erfüllt, sonst hätte mich das „falsche Timing“ vielleicht verkrampft – und es wäre erst recht nichts geworden mit unserem Nachwuchs. Im Nachhinein kam unsere Tochter genau zum richtigen Zeitpunkt. Natürlich muss ich mich noch daran gewöhnen, dass sich nun alles um sie dreht. Das Heimchen am Herd werde ich wohl nie werden. Aber mit Ende 30 bin ich garantiert gelassener und lebenserfahrener, als ich es noch vor ein paar Jahren gewesen wäre. Dass meine Karriere erst mal auf Eis liegt, ist voll in Ordnung. Ich habe ja schon viel erreicht. Und in einem Dreivierteljahr steige ich wieder in Teilzeit ein.

Constanze
© Volker Lammers
Psychologie:

Selbstständigkeit

CONSTANZE, 35

Ich schlich mich aus der Küche meiner Freundin. Gerade eben hatte ich ihr Geschäftsessen gerettet. In diesem Moment fühlte ich mich seltsam glücklich und erfüllt – das muss die Initialzündung gewesen sein. Noch am selben Abend schrieb ich die ersten Seiten des Businessplans: ein eigenes Catering-Unternehmen (ladoucecatering.com)! Schon bei dem Gedanken daran schlug mein Herz schneller. Mein Job in einer Werbeagentur hat mich nie ausgefüllt. Mir fehlte schlichtweg der Sinn. Ich stürzte mich in eine Findungsphase und bat enge Vertraute darum, meine Stärken zu benennen. Bei allen kam das Gleiche heraus: dass ich eine perfekte Gastgeberin sei, toll kochen könne und einen Sinn fürs Schöne habe. Bislang war ich nicht davon ausgegangen, dass mir das beruflich nützen könnte. Aber nach dieser Heinzelmännchen-Aktion und dem tollen Echo meiner Freunde wurde mir mein Weg plötzlich ganz klar. Ich holte mir Hilfe bei der Handelskammer, beantragte einen Gründerzuschuss und bat in einem riesigen Mailverteiler darum, mich bekannt zu machen. Selbst Leute, von denen ich es nie erwartet hätte, beglückwünschten mich zu meinem Mut. Peu à peu schaffte ich mir das Küchen-Equipment an und rüstete die Deko mit witzigen Teilen vom Flohmarkt auf. Inzwischen habe ich so viele Aufträge, dass ich demnächst expandieren kann. Eigentlich bin ich ein Kopfmensch, aber rückblickend muss ich sagen: Ich hätte früher auf mein eigentliches Talent und meinen Bauch vertrauen sollen – einfach darauf, dass das, was sich gut anfühlt, auch gut wird.

Den richtigen Zeitpunkt erkennen

Kraft tanken

Den Mut zu entscheiden, ob die Zeit reif ist, bringen wir am ehesten auf, wenn wir ausgeruht und gut gelaunt sind: Dafür muss kein großer Urlaub her. Frischluft, Yoga und gute Gespräche verhelfen auch zu innerer Stärke.

Scheuklappen anlegen

Das Herz sagt "ja", der Kopf "vielleicht"? Dann nicht noch unnötig reinquatschen und von anderen beirren lassen. Es macht nichts, wenn nicht alle applaudieren – Hauptsache, das eigene Gefühl stimmt.

Kopfkino starten

Was wäre, wenn? Legen Sie sich vor Ihrem inneren Auge alles Positive zurecht, was mit dem Entschluss einhergehen würde. Fühlen Sie sich von dem Film in Ihrem Kopf gepusht? Dann ist es an der Zeit, ihn zu realisieren.

Aus: Eva Maria Hoffmann: "Angefangen, abgebrochen, neu erfunden", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 280 S., 9,95 Euro.

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