11. Juni 2012
Ich arbeite, also bin ich

Ich arbeite, also bin ich

Rechtsanwältin, Krankenschwester, Werberin – was wir jeden Tag tun, macht mehr mit uns, als das Konto füllen. Vor allem, wenn wir es lieben. Warum gerade die Selbstverwirklichung ein Knochenjob sein kann und wie sie auch mal entspannen, steht hier.

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Neulich in einer Bar in Berlin. Meine Freundinnen Jana, Katharina und ich stehen in einem proppevollen Laden und werden von einer Gruppe Männer begutachtet. Eine Runde Gin Tonic später stehen zwei neben uns. Nach kurzem Small Talk kommt die Frage, die zu jedem Wer-bist-du-eigentlich-Spiel dazugehört: „Und was machst du beruflich?“ Warum sagt gerade das mehr über uns als Sternzeichen oder Lieblingsdesigner? Der Job sichert unsere Existenz. Logisch. Er bezahlt unsere Miete, füllt unseren Kühl- und Kleiderschrank. Den kann er sogar radikal verändern. So geschehen bei Jana, die sich nach wenigen Tagen in ihrem Job in der Marketingabteilung neue Outfits zulegte, die mit ihrem eigentlich gemütlichen Klamottenstil wenig zu tun hatten. Auch ihr Freundeskreis hat sich verändert. Sie trifft sich seltener mit Maja, der Krankengymnastin, die sie schon seit der Schule kennt. Oder mit Nick, der sich mit DJ-Jobs über Wasser hält, seit sie und ihre Kolleginnen in der Bar um die Ecke über gemeinsame Kunden quatschen können.

Egal ob Rechtsanwältin, irgendwas in den Medien oder ein eigenes Café – mindestens acht Stunden am Tag machen mehr mit uns, als das Konto füllen: Anhand der Jobwahl lässt sich etwas über den Menschen erfahren. Denn der Job ist nicht nur irgendein Beruf, idealerweise ist er Berufung. Schon lange wird aus dem Sohn des Bäckers nicht gleich der nächste Bäcker. Wir können wählen, was und für wen wir arbeiten wollen. Der Job ist Selbstverwirklichung, der Part im Leben, an dem sich viele voll entfalten. Das ist doch eigentlich toll, oder? Nicht ausschließlich, wissen Coaches, Psychologen und Mediziner in Zeiten von Leistungsdruck, Überstunden, Tinnitus und Burn-out. Denn: „Je mehr wir uns mit unserer Arbeit identifizieren, umso schwerer fällt uns das Loslassen. Besonders den Frauen. Denn bei Frauen geht es weniger um den Status, den ein Job mit sich bringt, sondern mehr um Verantwortung. Sie wollen nirgends versagen. Weder im Beruf, noch bei den Kindern, in der Liebe oder im Freundeskreis. Dadurch wird der Druck riesig“, sagt Frank Forstmann, Berater und Coach.

Meine Freundin Katharina zum Beispiel ist Krankenschwester. Nachtschichten, 14-Stunden-Tage und selbstlose Pflege gehören für sie zum Alltag. Ich würde ihr ohne mit der Wimper zu zucken Kind, Hund und Mann auf einmal anvertrauen, denn auch privat ist sie der Engel auf Erden und kümmert sich liebevoll um alles und jeden. Sie schmeißt den Haushalt, dekoriert das Haus und sieht dabei immer wie aus dem Ei gepellt aus. Klar, kann man jetzt sagen: „Das tut sie sich doch freiwillig an.“ Aber läuft es nicht bei uns allen so? Nach der Arbeit geht die Arbeit weiter: Einkäufe erledigen, rein ins Fitnessstudio, rauf auf den Stepper und jederzeit erreichbar sein, falls der Chef auch nach Feierabend noch eine Frage hat. „Gerade Frauen fällt es wahnsinnig schwer, abends den Job an den Haken zu hängen und einfach mal zu genießen“, weiß Frank Forstmann.

Denn wir versuchen ständig zu optimieren – vor allem uns selbst. Was wir beruflich tun, das leben wir halt auch. Über die normale Arbeitszeit hinaus selbstverständlich. Laut Statistik bleibt nämlich jeder Deutsche ca. 2,8 Stunden pro Woche länger am Arbeitsplatz als nötig. Wir beherrschen unseren Job. Also machen wir ihn auch, wenn man uns fragt: Die Krankenschwester kümmert sich auch privat um die Wehwehchen ihrer Liebs - ten. Die Werberin kommt spät nachts nach Hause, weil in der Kreativszene noch was los war. Und die Bankerin berät in der Freizeit alle Freunde bei Finanzfragen. Wir alle glauben, jederzeit produktiv sein zu müssen und verlernen dabei, dass zu Energie und Kraft auch das Abschalten gehört. Aber wie kommen wir raus aus der Rolle der Duracell-Frau ohne Abschaltknopf? Machen Sie sich klar, dass es da in Ihnen noch eine andere Frau gibt, als die 24- Stunden-Krankenschwester oder die immer hippe Werberin. Was will die vom Leben? Mal ein Faulpelz sein – können Sie das noch? Wenn nicht, üben Sie es. Probieren Sie einen halben Tag lang, rein gar nichts zu tun. Kein Handy, kein „Ich mach noch schnell die Wäsche“, nicht einmal der Gedanke daran ist erlaubt. Dösen Sie wie eine Katze am helllichten Tag. Wenn Sie merken, dass Ihnen schon fünf Minuten Nichtstun schwerfallen, fangen Sie mit drei an. So eine bewusste Auszeit am Tag kann Wunder bewirken und Raum für neue Inspirationen schaffen. Also Handy aus, Füße hoch, gedanklich das „Bitte nicht stören!“-Schild aufhängen. Ich fange gleich damit an. Ich bin dann jetzt auch mal ich – nicht irgendwas in den Medien.

Die Formel zum Entspannen: 3 × 3 Minuten täglich

HumanEnergyBackup-Training
Frank Forstmann entwickelte mit Psychologen ein Programm, das auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmt wird und für Zentrierung, Druckausgleich und Energiegewinnung sorgt.

Die Formel
Klingt eigentlich nicht schwer: 3 × 3 Minuten eine Auszeit am Tag. Lernen Sie wieder, sich bewusst wahrzunehmen. Konzentrieren Sie sich nur auf sich selbst. Nichts anderes ist in diesem Moment wichtig.

Das geht gar nicht
Alle Störquellen, die uns ablenken wollen, müssen ebenso bewusst ausgeschaltet werden. Das heißt: Smartphone aus. Weg vom Computer. Keine Gespräche. Gönnen Sie sich diese Minuten ganz für sich.

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