17. Dezember 2012
Hilfe, die Girlies kommen!

Hilfe, die Girlies kommen!

Weiblich, hungrig, jung: So stürmen Berufsanfängerinnen die Firmen - und lassen uns ziemlich alt aussehen. Das fürchten wir zumindest. Doch wenn wir Stolz und Vorurteile ablegen, fördern Sie sogar unsere Karriere.

Junge Frau im Büro
© iStockphoto/Thinkstock
Junge Frau im Büro

Dieses energische Klackern erkennen wir sofort: Die junge Kollegin ist im Anmarsch, voller Elan klicken ihre High Heels über den Flur. Schlagartig fühlen wir uns uralt, uncool und extrem unsicher. Und alles nur wegen ein paar Berufsanfängern. Girlies, die uns irgendwie unheimlich sind. Nicht nur wegen des schrecklich frischen Auftretens und des noch frischeren Aussehens. Auch wegen der Fähigkeiten der Twentysomethings – ihrer Bachelors und Masters, der fünf Praktika, der Ideen und Illusionen, des natürlichen Umgangs mit Facebook & Co und dieser überbordenden Menge an Selbstbewusstsein. Kurz: Die neue Konkurrenz ist da.

Und wir? Eben noch knapp über 30 und jetzt schon abgemeldet? „Von den jungen Kolleginnen braucht sich niemand bedroht zu fühlen“, sagt Fachbuchautorin Barbara Kettl-Römer („Ü40 und top im Job“, Linde, 16,30 Euro). „Sie sind oft sehr motiviert, haben neue Ideen und bringen frischen Wind in die Abteilungen. Man sollte sie als Bereicherung betrachten.“ Leicht gesagt und schwer zu leben. Vor allem, wenn die Jungen mit ihrem Elan im Unternehmen alles aufrollen wollen. „Natürlich kann das manchmal ziemlich nerven“, räumt Kettl-Römer ein. „Aber erinnern Sie sich noch, wie es war, als Sie selber ganz frisch anfingen?“ Richtig, da war was. Begeistert machten wir neue Vorschläge, die oft mit dem Spruch „Das hatten wir schon, das hat noch nie geklappt!“ niedergebügelt wurden. Was waren wir frustriert... und jetzt verhalten wir uns genauso. Das ist fast noch frustrierender. „Mag sein, dass viele neue Ideen nicht brauchbar sind, manche sind es aber schon“, sagt Kettl-Römer.

Deswegen sollten wir Einsteigerinnen wohlwollend betrachten und nicht gleich alles abblocken. Das ist gut fürs Betriebsklima, für die Arbeitsergebnisse des Teams – und schließlich auch für den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes. Soweit zumindest die Theorie. Im Büro sieht das oft anders aus. „Die Firmen versprechen sich von altersgemischten Teams eine perfekte Kombination von umfassender Praxiserfahrung und aktuellem Universitätswissen“, sagt Professorin Annette Kluge, Teamforscherin an der Universität Duisburg-Essen. „Im Arbeitsalltag überschatten aber häufig Beziehungsprobleme zwischen Alt und Jung den Wissensaustausch.“ Es wird gemault und gemauert, gelästert und intrigiert. Um sich selbst besser zu fühlen, wertet man die Eigenschaften der eigenen Gruppe auf – und die der anderen ab. Nach dem Motto: „Hier sind wir, die alten Hasen. Und dort auf der anderen Seite seid ihr, die jungen Küken.“

Keine einfache Lage, so eine Sandwichposition. Und Moment mal. Was heißt denn hier alte Hasen! Verglichen mit vielen anderen Kollegen sind wir ja auch noch jung. Für die Berufseinsteiger aber gehören wir zu den Alten. Zu denen, die mit Kassettenrekorder statt MP3-Player aufgewachsen sind. Zu denen, die sich noch mühsam ihren Job erkämpfen mussten und nicht im Rückenwind des Fachkräftemangels mit Kusshand von der Firma genommen wurden. So um die zehn Jahre haben wir uns jetzt schon im Job bewiesen, haben Chefs kommen und gehen sehen und in verschiedenen Unternehmen, Positionen und Teams gearbeitet. Wir kennen die ungeschriebenen Regeln der Firma, den Umgang mit Kunden, Krisen und Kritik. Alles Dinge, die sich die Neulinge erst noch erarbeiten müssen. Und eine App dafür haben sie auch nicht...

Besinnen wir uns also auf unsere Stärken. Das meint auch Mental-Coach Ulrike Stahl. Sie vergleicht unsere Lage im Büro mit der Situation beim Shoppen in der Umkleidekabine. „Frauen sollten aufhören, sich immer nur auf ihre Problemzonen einzuschießen“, so die Businesstrainerin. „Wer sich auch mal durch die Brille der jungen Kolleginnen betrachtet, entdeckt womöglich ganz neue Stärken an sich.“ Erfahren, souverän und gelassen wie wir sind – oder sein können, wenn wir es wollen –, dürfte das eigentlich kein großes Problem sein. Aber zugegeben: So eine große Portion Selbstbewusstsein fällt nicht immer leicht. Manchmal reicht schon ein Bad Hair Day, um mit dem Alter zu hadern. Und wenn dann noch diese junge faltenfreie Fee mit 1a-Master und Mega-Tatendrang neben unserem Schreibtisch auftaucht, kann man schon mal ein kleines Magenziehen verspüren.

Frauen im Generationenkonflikt

Oder reagieren wir zu empfindlich? Nein, tun wir nicht. Der Clash der Generationen trifft Frauen tatsächlich besonders hart. Sie erleben junge Kolleginnen oft stärker als Bedrohung, als Männer es tun. „Frauen stehen sich häufig selbst im Weg. In ihrer Harmoniesucht versuchen sie oft, Kolleginnen zu Freundinnen zu machen“, erklärt Stahl. Besser sei es aber, beide Welten zu trennen. Sie rät, sich von den Herren etwas abzugucken. „Für Männer ist der Job ein sportlicher Wettbewerb. Und an dem haben sie Spaß. Warum nicht auch wir?“

Konkurrenz belebt schließlich nicht nur das Geschäft, sondern auch den Geist! Wer Wettbewerb verspürt, entwickelt neue Ideen und verlässt eingetretene Pfade. Offenheit und Toleranz sind gefragt – egal wie alt wir sind. Was spricht also dagegen, die junge Kollegin als Bereicherung zu sehen? Es wird uns schon kein Zacken aus der Krone fallen, wenn wir uns bei einer Fachfrage mit aktuellem Uni-Wissen updaten lassen. In manchen Unternehmen wie der Deutschen Telekom oder der Pharmafirma Merck gibt es dafür sogar extra Programme. „Reverse Mentoring“ heißt das dann. Alt lernt von Jung, nicht umgekehrt wie sonst. Ganz wichtig: Im Gegenzug sollten wir unseren jungen Lehrerinnen auch unsere Hilfe anbieten. Dann werden wir vermutlich feststellen, dass wir viel mehr können und wissen, als wir dachten. Und das ist mehr als nur ein willkommener Ego-Booster. Denn indem wir unser Wissen weitergeben, testen wir nebenbei unsere Führungsqualitäten. Und die können wir im Laufe unseres Berufslebens sicher noch gut gebrauchen. Danke, Girlies.

Gabriele Cerwinka, Arbeitspsychologin aus Wien, beschreibt sechs Hinterhalte, in die man besser nicht tappen sollte:

1. ICH KANN NICHT LOSLASSEN! Sie denkt: „Bevor ich es der jungen Kollegin erkläre, mache ich es lieber gleich selbst. Sonst riskieren wir, am Ende mit einem schlechteren Ergebnis dazustehen.“ Dahinter steckt die Überzeugung, alles beim Alten zu lassen und Veränderungen reflexartig abzulehnen.

2. MEINE KOMPETENZEN! Sie denkt: „Ich muss mich unentbehrlich machen. Daher weigere ich mich, mein Wissen weiterzugeben, um meinen Job zu sichern.“ In Wahrheit verbaut man sich damit die Chance, den Kollegen gegenüber als Expertin dazustehen. Nur wer sein Wissen teilt, bekommt auch das der anderen.

3. DER KONTROLL-WAHN Sie denkt: „Ich muss alles dreimal kontrollieren – nicht nur meine eigene Arbeit, sondern auch die der jungen Kollegin.“ So verbaut man der Anfängerin die Möglichkeit, für ihre Arbeit selber geradezustehen. Und sich selber verbaut man die Chance, mehr Zeit für neue Aufgaben zu haben.

4. KEINER VERSTEHT MICH Sie denkt: „Nur nicht anecken. Konflikte mit der jungen Kollegin spreche ich lieber nicht an. Ich suche mir lieber eine gleichaltrige Kollegin, die mich versteht.“ Diese Einstellung führt von der Grüppchenbildung bis zur Ausgrenzung. Und die zerstört die Harmonie des Teams.

5. DER JOB ALS ÜBERMUTTER Sie denkt: „Ihr könnt mit allem zu mir kommen. Ich bin die Seele der Firma.“ Es besteht die Gefahr, ausgenutzt zu werden und die eigene Arbeit zu vernachlässigen. Zudem ist es wichtig, sich vorrangig für Berufliches zuständig zu fühlen, aber nicht für private Probleme der anderen.

6. DIE SELBSTWERT-FRAGE Sie denkt: „Ich bin nicht mehr so attraktiv wie die junge Kollegin, mein Wissen ist veraltet.“ Mit dieser Haltung steht man sich selbst im Weg. Wer persönlich und beruflich am Ball bleibt und stets offen ist für Neues, beugt dieser Falle vor.

5 goldene Regeln für die Zusammenarbeit:

1. KEINE WUNDER ERWARTEN Ein Girlie im Team wirbelt die Architektur der Gruppe mächtig durcheinander. Eingespielte Teams müssen ihre inneren Strukturen daher neu ordnen. Dass es bei diesen tektonischen Verschiebunge auch mal krachen kann, ist völlig normal. Also nicht gleich aufgeben, wenn es rumpelt oder stockt. Das anfängliche Fremdeln ist völlig normal.

2. THINK PINK Die richtige Einstellung kann mehr retten, als man denkt. Wer altersgemischte Teams als Chance sieht und nicht als Notlösung, hat bessere Startchancen – ganz im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Also: lieber die rosarote Brille aufsetzen, statt gleich schwarzzusehen.

3. BIN ICH WIE DU? Damit sich eine Arbeitsbeziehung aufbauen kann, muss eine Basis da sein. Um die zu schaffen, ist es ratsam, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nicht nach Unterschieden. Hat die Neue vielleicht an derselben Uni studiert wie Sie? Steht sie auf dieselbe Schuhmarke? Ist sie im selben Fitnessclub? Solche Dinge wären schon gute Anknüpfungspunkte für eine Annäherung.

4. NUR KEIN NEID Twentysomethings bringen Energie und Ehrgeiz mit ein, Thirtysomethings Erfahrung und Netzwerke. Verbünden Sie sich nicht mit Kollegen gegen die Neue. Erkennen Sie im Gegenteil neidlos die Vorteile der frischen Berufsstarter an, und versuchen Sie in Ihrem Team davon zu profitieren. So bleibt Frust aus.

5. LET’S DO IT TOGETHER Ein gemeinschaftliches Vorhaben schweißt zusammen. Dabei spielt das Alter keine Rolle. Statt zu mauern oder zu meckern, sollten Sie sich also lieber auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren. Wenn alle Hand in Hand arbeiten, geht die Arbeit schneller voran. Und davon profitieren dann alle Teammitglieder gleichermaßen – egal, in welchem Alter sie sind

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