26. März 2013
Heimatgefühl

Heimatgefühl

Die ganze Welt ist unsere Heimat, wir sprechen fünf Sprachen – aber heimlich sehnen wir uns nach Mamas Weihnachtsplätzchen. Ein Artikel über gefärbte Erinnerungen, Patchwork-Gefühle und neue Formen, Wurzeln zu schlagen...

Frau mit nostalgischem Foto
© Brand X Pictures/Thinkstock
Frau mit nostalgischem Foto

Es war an einem leuchtenden Herbstnachmittag in Hamburg. In den Straßencafés saßen Wollmützen-Hipster und twitterten an ihre Berliner Künstlerfreunde, spanische Studenten verglichen WG-Mieten in Eimsbüttel und Barcelona. Ich stand vor einem Schaufenster und verstand das Kleid darin nicht. Ein Kleid im Retro-Stil, mit Korsage und schwingendem Rock, darauf die Worte „Magsch e Bombole?“ Was war das: Estnisch? Ukrainisch? Südchinesisch? Erst im Weitergehen fiel der Groschen: Es war Badisch. Der Dialekt meiner Kindheit. Auf Hochdeutsch: „Möchtest du ein Bonbon?“

Wir leben in einer mobilen Welt

Im Nu war meine ganze Freiburger Vergangenheit wieder da: Die dicke Nachbarin, die schnaufend ein Süßigkeitenglas aus dem Küchenschrank holte, der gurgelnde Hölderlebach, an dem ich Blättchen schwimmen ließ. Auf einmal wollte ich nur eins: nach Hause. Aber wo ist das, zu Hause? Was bedeutet ein Wort wie Heimat für uns, die wir jederzeit bereit sind, für einen interessanten Job alles hinzuwerfen, Beziehungen zu kappen? Heimat heute ist ein Patchworkteppich der Gefühle. Ein selbst gemaltes Mandala der Nostalgie. Geboren bin ich im Südwesten, später lebte ich jahrelang in München, mit kurzen Abstechern nach Spanien und in die USA, heute wohne ich in Hamburg. Nie zwang mich jemand, immer lockte mich etwas: Jobmöglichkeiten oder nur die Neugier auf einen Ort und wie es sich anfühlt, dort zu leben. Alle Stationen hinterließen Spuren. Ein Kleid mit einem badischen Spruch kann mich zu Tränen rühren, die Backsteinarchitektur in Tim Mälzers Hamburger Restaurant, die so sehr nach Manhattan aussieht, auch. Wenn mir jemand am Telefon ein zünftig-bayerisches „Grüß Gott!“ entgegenschmettert, muss ich sofort lächeln.

Der Nostalgie-Trend

Überall gehöre ich dazu. Und nirgends richtig. In Freiburg hätte man eine wie mich eine „Neigschmeckte“ genannt, in München blieb ich die „Zuagroaste“, in Hamburg der ewige „Quiddje“. Fast jeder Dialekt kennt feine Unterscheidungen für die, die zum harten Kern zählen – und die, die es nie tun werden. „Es fehlt etwas“, bestätigt der Frankfurter Kulturwissenschaftler Heinz Schilling. „Wir leben in einer Teflon-Kultur, nichts bleibt an uns haften. Da wächst der Wunsch nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein.“ Kein Wunder, dass Gegenstände mit dieser Aura von Oma-backt-Kuchen so angesagt sind: bestickte Schürzen, Holzbrettchen und Wollschals. Mal werden die Zeitzeichen ironisch auf die Schippe genommen – zum Beispiel mit goldenen Hirschen an der Wand der Szenekneipe –, mal ist die Nostalgie ganz ernst gemeint: Im Luxus-Landhotel mit Herzchen-Fensterläden und Bauernschränken auf den Fluren.

„Eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle“, so nennt Heinz Schilling diese diffuse Sehnsucht nach Heimeligkeit. Mit der Wirklichkeit hat die oft nur wenig zu tun. Schließlich sieht die Provinz schon lange nicht mehr danach aus: H&M, Starbucks und Apple-Stores säumen jede kleinstädtische Fußgängerzone. Und sind wir mal zu Besuch bei Mama, fällt uns als Erstes das handgeschriebene Schild „Große Kehrwoche“ im Treppenhaus auf, mit Putzplan für sechs Monate. Driving home for Christmas? Nächstes Jahr lieber nicht.

Was macht Heimat wirklich aus?

Anstelle unserer Geburtsorte gibt es heute längst neue Plätze, an denen wir uns zu Hause fühlen. Die sind nicht notwendigerweise auf Google Maps zu finden. „Heimat kann heute überall sein, wo ein Wir-Gefühl entsteht“, stellt Heinz Schilling fest. Beim Public Viewing auf der Fanmeile oder in einem Internetforum zu einem Thema, das einen leidenschaftlich interessiert. Die Gruppen, an die wir andocken, werden kleinteiliger und austauschbarer. Einerseits wächst damit Unverbindlichkeit, das Gefühl der Verlorenheit. Aber: Es muss keiner mehr bleiben, wenn es nicht mehr passt. Genau so, wie man sich aussucht, in wen man sich verliebt, und sich trennen kann, wenn das Gefühl geht. So ist es mir mit München passiert: Mit 20 war ich ganz scharf auf das italienische Flirt-Flair – mit 30 fand ich es schal und verfiel Hamburg mit seinen Schmuddelecken und seinen schärferen Kontrasten. München und ich sind heute gute Freunde. Aus der Distanz. „Heimat ist kein Schicksal mehr, sondern eine Aufgabe“, sagt die Heimatforscherin Beate Mitzscherlich. Und das ist eine Chance. Denn: Wenn wir uns bewusst entscheiden, wo wir leben wollen, oder uns an einem Ort heimisch machen wollen, dann ist es nicht egal, was um uns herum passiert.

Heimat selbst definieren

Ich habe kürzlich mitdiskutiert, ob auf dem Platz vor meiner Haustür neue Bänke aufgestellt werden sollen. Spießiges Klein-Klein? Ja, schon. Andererseits soll die Stadt, in der ich lebe, mehr sein als eine Fototapete. Indem ich mich einmische, wird aus Hamburg Heimat. Eine „geborene Hamburgerin“ werde ich nie, dazu hätten meine Eltern hier auf die Welt kommen müssen. Ein bisschen Fremdsein ist aber in Ordnung. Denn sonst gäbe es diese wohlig-wehen Momente nicht, diese schöne Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit. Wenn es irgendwo nach Zwiebelkuchen duftet, wenn ich beim TV-Movie der Woche feststelle, dass die bunten Sandsteinbauten im Hintergrund in Freiburg stehen. Oder wenn mir jemand auf Badisch ein Bonbon anbietet.

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