17. Juni 2010
Ausmisten im Kopf

Ausmisten im Kopf

Die neue Leichtigkeit: Hirn ausmisten, Herz durchlüften, Ballast entsorgen: Der Putz für die Seele beschert uns einen unbeschwerten Sommer

Frau Müde
© Polylooks
Frau Müde

Spätestens zu den Oscars entdecken wir unsere Leidenschaft für Glanz und Gloria – und läuten ein paar Monate später das jährliche Optik-Tuning ein. Nun schrubben und wischen, fasten und massieren wir so lange, bis in der Wohnung alles glänzend glatt und der Körper straff trainiert ist. Dass unser (Innen-)Leben dabei regelmäßig außen vor bleibt, merken wir gar nicht mehr.

Sieht schließlich keiner, dass unser Stresspegel Tsunamiwerte in den Schatten stellt. Andererseits kein Wunder, denn wer heute Alltag, Liebe, Sport und Vergnügen vereinbaren will, hat in seinem Terminkalender kaum noch weiße Flächen. Selbst unsere Freunde haben sich daran gewöhnt, nur noch dank SMS an unserem Leben teilzuhaben – ihnen geht es ja nicht anders.

Dabei brauchen wir es eher locker flockig als dicht gepackt. Und intensiv leben können wir trotzdem: indem wir bewusster leben. Das bedeutet zwar Mut, weil wir uns im Termin-Canceln üben müssen, statt in den superangesagten Chi-Yoga-Kurs zu hetzen. Dafür bringt es ungeahnte Freiheit: Weil wir das Hirn durchlüften und den Seelen-Haushalt entrümpeln, statt die ewig gleichen Staubflusen zu jagen. „Mentales Fasten“ nennt die Autorin Rita Pohle (s. Buch-Tipps) das Phänomen, durch das wir gewinnen, je weniger wir uns vornehmen. Eine glänzende Idee!

1 Zurück in die Gegenwart

Wäre der Konjunktiv doch nie erfunden worden! Denn ob wir in der Vergangenheit wühlen, „hätte ich nur damals nicht den Job gekündigt“, das Unmögliche herbeireden, „würde ich im Lotto gewinnen…“, oder bequem sind, „wäre es nicht so heiß…“, letztlich vertrödeln wir damit kostbare Zeit, die uns im Hier und Jetzt viel besser zu Gesicht stünde. TIPP: Achten Sie auf jedes Hätte, Würde, Wäre. Bald heult jedes Mal eine Sirene, wenn Sie nur im Konjunktiv denken – und Sie werden automatisch aktiver. Zudem hilft es, alte Träume und neue Illusionen bewusst zu visualisieren und sie dann zu verbannen. Stellen Sie sich z. B. vor, sie ins All zu schießen. Oder zu vergraben.

2 Alles ist relativ

Ob Spinnenphobie, nasse Hände im Jobgespräch oder Furcht vor Kündigung – Ängste erschweren jede Leichtigkeit. Ergo: weg damit! TIPP: Visualisieren Sie Ihre Furcht als kleinen (Angst-)Hasen, lassen Sie ihn langsam heranhoppeln und schlagen Sie ihn dann mit einem „Buh!“ in die Flucht. Alternativ hilft Angstfasten: Schreiben Sie die Furcht auf einen Zettel, den sie ins Eisfach legen. Der (mentale) Trick: Wenn sie weggesperrt ist, kommt die Angst nicht an Sie ran.

3 Wissen ist Ohn(e)Macht

Stapelweise Magazine, ungelesene Zeitungen, von unseren digitalen Bookmarks ganz zu schweigen: Der Informationsdruck dominiert uns immer stärker und raubt uns Schlaf, Nerven und die Lebensfreude sowieso. TIPP: TV-Fasten, Online- Urlaub, Medien-Diät. Lassen Sie die Glotze mal für einen Tag aus, hauen Sie das Zuviel an Heften in die Tonne, löschen Sie Uralt-Lesezeichen. Wenn Sie etwas wissen müssen, erfahren Sie es schon. Bis dahin bitte: Ruhe genießen!

4 Natürliche Auslese

Freunde, Kollegen, Nachbarn: Die Zahl unserer Kontakte wächst stetig und mit ihnen Ansprüche und Verpflichtungen. TIPP: Auch wenn’s wehtut – Zeitfresser und Nervensägen sollten Ihr Leben jetzt verlassen. Denn einseitige oder unbefriedigende Beziehungen kosten Sie Energie, die Sie nicht wieder zurückbekommen. Vorsicht übrigens bei Menschen, die erstmalig in Ihr Leben treten: Sie erfordern Zeit, die Sie bewährten Freunden stehlen (müssen). Daher gilt: Wenn Neues kommt, muss Altes gehen.

5 Weg mit den Problemzonen

Sie kommen ungefragt und machen sich breit in unserem Leben: Probleme. Und auf einmal schleppen wir einen Sack davon mit uns herum. Dabei sind die meisten hausgemacht, überflüssig oder aber lösbar. Wenn wir sie richtig angehen. TIPP: Deshalb lautet die erste und ultimative Regel – erst mal keine neuen Störfälle zulassen. Stellen Sie sich ein Schild mit der Aufschrift „Probleme bitte draußen bleiben“ vor, das Sie an Ihr Leben hängen. Diese Visualisierung bewirkt Wunder! Derart abgeschottet, nehmen Sie sich nun eine genau festgelegte Zeitspanne für vorhandene Probleme: Unterscheiden Sie in echte (Zeitmangel), trendige (Size Zero) und hausgemachte (Fakten wie Wetter oder Feinstaub) Probleme. Die beiden letzten können Sie gleich ad acta legen: Trends sind völlig unnötige Energieräuber. Und Fakten können Sie nun mal nicht ändern, also besser gar nicht erst darüber ärgern. Für die echten Probleme dagegen müssen Sie kreativ werden: Suchen Sie nach der verrücktesten Lösung, die Ihnen einfällt die bringt Sie nämlich auf die beste!

6 Schwarzmaler haben mehr vom Leben

Nur zur Erinnerung: Höchstleistung ist nicht alltäglich und ein Hobby keine Verpflichtung. Aber weil wir darauf gepolt sind, alles auszuprobieren, anzunehmen und umzusetzen, leiden wir selbst in der Freizeit unter Stress und Planungsdruck. TIPP: Tappen Sie nicht in die „Sonst macht es keiner“- oder die „Ich kann alles“- Falle! Greifen Sie lieber zum dicken Marker und schwärzen Sie alle unnötigen Aktivitäten im Kalender. Wenn Sie sich also nur noch aus Prestigegründen auf den Golfplatz schleppen oder allein dem schlechten Gewissen auf die Familienfeier folgen, gehen Sie stattdessen ins Kino und sagen Sie Tante Emmi, Sie hätten Wichtigeres zu tun. Danach legen Sie sich mit einem guten Buch aufs Sofa und freuen sich auf künftige Schwarzmalerei.

Buch-Tipps

Lass los, was deine Seele belastet, Rita Pohle, Gräfe und Unzer, 128 S., 12,99 Euro
Fuck it! Loslassen, entspannen, glücklich sein, John C. Parkin, Ariston, 256 S., 16,95 Euro

7 Hoch, höher – bessere Laune

Nun noch unser Tipp für den Notfall, dann, wenn alles zusammenkommt, der Blues dominiert und die Kraft der Gedanken fehlt: Heben Sie Ihr Kinn und blicken Sie nach oben. Der aufwärtsstrebende Blick hebt die Stimmung – das haben Studien belegt.

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