12. Juni 2013
Was, wenn er keine Kinder mehr will?

Was, wenn er keine Kinder mehr will?

Liebe oder Lebenstraum? Sandra, 39, liebt einen Mann, der nicht noch mal Vater werden möchte. Mark, 36, hat eine Tochter und will nicht wieder scheitern. Hier erzählen ein Mann und eine Frau von ihrer Suche nach dem richtigen Weg.

Mann Kind
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Mann Kind

Vielleicht ist es das schwierigste Entweder-oder in der Liebe: als Frau zu wissen, dass man mit einem Mann zusammenlebt, der kein Kind (mehr) will. Und sich als Mann dafür rechtfertigen zu müssen, dass die Kinderfrage bereits beantwortet ist. Passieren kann das wohl jedem von uns, gerade wenn wir die 30 überschritten haben. Denn je älter wir werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Mann mit Vergangenheit treffen – mit Ehe und Kindern. Was tun: sich erst gar nicht verlieben? Der Verstand zieht meist den Kürzeren, wenn uns jemand begegnet, der uns umhaut. Schluss machen, wenn wir feststellen, dass die Lebenspläne nicht zusammenpassen? Leicht gesagt – aber Liebe hört ja nicht einfach auf. Wahrscheinlich lehren uns die beiden folgenden Geschichten vor allem eins: In der Liebe gibt es Entscheidungen, die einem keiner abnimmt. Für die keiner die Garantie übernimmt. Die einzige Gewissheit liegt darin, dass man sie irgendwann treffen muss...

Für Sandra, 39, gehörten Kinder immer zum Lebensplan

Ob ich mich in dieser Gegend auskenne – das war die erste Frage, die Thomas mir stellte, als wir uns vor vier Jahren begegneten. Ich mochte ihn sofort. Er war keiner der Schönlinge, in die ich mich bis dahin verliebt hatte. Eher die Art Mann, der seinen Kindern das Radfahren beibringt. Vermutlich war das der Grund, warum ich ihm meine Nummer gab. Am nächsten Abend gingen wir essen. Thomas legte die Karten sofort auf den Tisch: Er erzählte mir von seiner Ehe, seinen zwei kleinen Töchtern, von seiner Scheidung nach Jahren voller Streit. An meiner Begeisterung für ihn änderte das nichts. Nach diesem Abend ging es ziemlich schnell, wir wurden ein Paar. Ich war total verliebt. Thomas schien nicht anders zu empfinden, denn nach zwei Wochen stellte er mir seine Töchter vor. Zwei entzückende Mädchen. Die beiden mit ihrem Vater toben zu sehen, steigerte meine Gefühle für diesen Mann umso mehr. Wohl der Grund, weshalb ich schon am nächsten Abend mit ihm über all das sprach, was ich mir für mein Leben erträumt hatte. Klischee? Von mir aus, ich wollte aber das ganze Programm: das kleine Haus, den Hund und meine eigenen Kinder. Schon in der Schule hatten meine Freundin und ich uns Namen für die Kinder überlegt, die wir später mal haben würden. Und heute? Natürlich wollte ich weiter als Lehrerin arbeiten, aber eine Familie war mein klares Lebensziel. Als Thomas mir dann in die Augen sah, fühlte ich mich eiskalt erwischt. Er machte mir unmissverständlich klar, dass er diesen Teil seines Lebens abgehakt habe. Wiederholung ausgeschlossen.

Kinder machen glücklich
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Die nächsten Tage nahm ich Schüler, Kollegen, den Klassenlärm so gedämpft wahr, als wäre ich mit dem Kopf unter Wasser. Mechanisch kratzte ich Buchstaben an die Tafel, während in meinem Schädel nur eine Frage von links nach rechts und wieder zurück wanderte: „Was machst du jetzt?“ Ich fuhr heim und legte mich ins Bett. Das Kissen neben mir roch noch nach Thomas. Er fehlte mir wahnsinnig, aber ich wollte ihn nicht sehen. Ich erklärte ihm, ich hätte Zeugnisstress und bräuchte die nächsten Abende für mich. Dabei saß ich jeden Abend bei einer anderen Freundin auf dem Sofa und starrte in ein volles Glas Wein. Meine Freundinnen relativierten meine Ängste: „Sandra, der Mann kommt aus einer Scheidungsschlacht. Stress, Streit und Unterhalt. Es ist doch völlig normal, dass ihn die Idee einer zweiten Familie abschreckt. Du bist erst 35. Lass ihn doch erst mal durchatmen, bevor er wieder Windeln wechselt. Dass er Kinder liebt, weißt du doch!“ Natürlich stimmte das. Thomas hatte gerade ein Drama hinter sich gelassen. Und da wollte ich ihn gleich wieder zum Vater machen? Fast musste ich über mich selber lachen. Noch am gleichen Abend fuhr ich zu ihm. Wir sprachen wenig, aber ich merkte ihm das Glück darüber an, mich wiederzuhaben.

Die folgenden zehn Monate verbrachten wir unbeschwert und über die Maßen happy. Mit seinen Töchtern verstand ich mich super, und dann fuhren wir für drei lange Wochen nach Thailand. Es fühlte sich so natürlich an, als wir nach einem Jahr vor einem Makler standen und den Mietvertrag für eine lichtdurchflutete Altbauwohnung unterschrieben. Wir liebten uns zwischen Farbeimern, stöberten in Möbelhäusern.

Das Gefühl, das etwas fehlt

Eines Abends saß ich in der mittlerweile perfekten Wohnung – und trotzdem fehlte etwas. In acht Wochen wurde ich 37. Aber mein Leben war doch schön! Ich hatte einen Mann, der mich für die tollste Frau der Welt hielt und mir das zeigte. Und doch fühlte es sich unfertig an. Es wurde Zeit, diesem harmonischen Puzzle das letzte Teil hinzuzufügen. Das sagte mir meine innere Stimme. Während eines Essens beim Italiener sprach ich es aus: „Wie wäre es, wenn wir das Zimmer, in dem du so dekorativ deine Skiausrüstung lagerst, demnächst mit ein bisschen Leben füllen?“ Sein Lächeln erstarb sofort: „Ich kann nicht glauben, was du da sagst. Ich habe dich in mein Leben gelassen, und du wusstest, wie ich darüber denke. Ich kann und will das nicht diskutieren.“ Das saß. Er sagte die Wahrheit. Nie hatte er einen Stimmungswechsel auch nur angedeutet, und seit den ersten Tagen unserer Beziehung kannte ich das Blatt, mit dem er spielte — Er wollte keine Kinder mehr. Ich hatte trotzdem gepokert – und verloren.

Was tun, wenn der Kinderwunsch zu groß ist? Die Beziehung aufgeben?

Einige qualvolle Monate lang funktionierte ich neben ihm, versuchte, mich auf die guten Aspekte unserer Partnerschaft zu konzentrieren: unser Verständnis füreinander, den gleichen Humor, die Fürsorge und nicht zuletzt den fantastischen Sex. Ich konnte kein Baby haben? Dann brauchte ich ein anderes Projekt. Wie besessen arbeitete ich einen Businessplan für eine eigene Kunstschule aus, suchte Locations, kontaktierte PR-Profis. Doch den letzten Schritt wagte ich nicht. Was wäre, wenn ich baden ginge?

Kind Ja, Mann Nein
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Mehr zu diesem Thema...: Protokoll: Kind Ja, Mann Nein!

Es war meine Mutter, die mir bei meinem nächsten Tiefpunkt zu einer Therapie riet. Zwar liebte ich Thomas abgöttisch, doch jede Nachricht einer Schwangerschaft im Freundeskreis brachte mich mittlerweile an den Rand einer Depression. Selbst meine geliebten Erstklässler erinnerten mich täglich an meinen unerfüllten Baby-Wunsch. Die Therapeutin sprach es klar aus: Trennung! Ein halbes Jahr schob ich den Schritt vor mir her, dann packte ich meine Sachen und zog zu meinen Eltern. Und war todtraurig. War ich auf dem richtigen Weg? War der richtige Mann ohne gemeinsames Kind eine schlechtere Wahl als ein Baby mit einem Partner, der niemals so wäre wie Thomas? Nach acht Wochen stand ich wieder vor seiner Tür. Dies hier war die einzige Option, um in der Gegenwart glücklich zu sein. Über die Zukunft sprechen wir bis heute nicht. Noch nicht. In der nächsten Woche werde ich meine Fruchtbarkeit ärztlich testen lassen. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll. Würde es mich erleichtern zu wissen, dass ich als Mutter vom Schicksal nie vorgesehen war? Was passieren wird, weiß ich noch nicht. Oft denke ich an den Tag unserer ersten Begegnung. Ob ich mich hier auskenne, hatte Thomas gefragt. Gut möglich, dass ich heute mit "Nein" antworten würde...

Seit ich denken kann, finde ich Montage zum Kotzen. Und dann war es ausgerechnet ein Montag im vergangenen Jahr, der mein Leben so veränderte. Anna, 28, bestand fast nur aus braunen Locken. Sie wurde mir von unserem Chefarchitekten als neue technische Zeichnerin vorgestellt. Schon beim ersten Händeschütteln durchfuhr mich ein Schauer. Im Nachhinein denke ich, dass es nicht nur Liebe auf den ersten Blick war, sondern vor allem die Erleichterung darüber, dass ich überhaupt wieder etwas fühlte. Neun Jahre lag meine Scheidung zurück. Ich war erst 23, als ich meine Frau an der Uni kennenlernte. Wir wurden Eltern, bevor wir uns richtig kannten. Da ich selber ohne Vater aufwachsen musste, hielt ich um ihre Hand an und zog mein Studium im Akkord durch, damit wir schnell nach Pias Geburt in eine größere Wohnung ziehen konnten.

Die erste Ehe scheitert, ein Kind bleibt zurück

Das Leben als Ehemann und Vater hatte ich mir ganz anders vorgestellt: Wenn ich vom Job heimkam, saß in unserer Küche meine schlecht gelaunte Frau. Immer sah ich diesen Frust in ihren Augen, dass sie nicht als Historikerin arbeitete, sondern als Vollzeitmutter zu Hause hockte. Meine Tochter war eine Wucht. Nur: Das machte unsere Ehe nicht besser. Als Pia drei war, gab ich auf. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich in eine andere Wohnung ziehen würde, schenkte sie mir ihren Teddy. Es ging mir niemals mieser. Die nächsten Jahre kam ich im Job gut voran. Die Wochenenden und meine freien Tage gehörten ausschließlich meinem Kind. Wenn ich was mit Frauen hatte, dann meist nur Sex. Manche Flirts hielten ein paar Wochen. Drohte es ernster zu werden, zog ich die Reißleine. Noch eine Ehe, noch ein Kind, noch ein Scheitern – das kam für mich nicht infrage. Anna war nach all der Zeit die Erste, die solche Gefühle gar nicht aufkommen ließ. Wir tanzten die Nächte durch, unternahmen Städtetrips und eine Rucksacktour durch Schweden, bei der meine neue Freundin meine Tochter ganz selbstverständlich mit einplante.

Was Männer wirklich wollen

Vom Zusammenziehen oder einem Baby sprach Anna nie, und ich verdrängte, dass wir nicht ewig leben konnten wie frisch Verliebte. Bis zu diesem Abend, als Pia uns von ihrem ersten Freund erzählte. "Nun müssen wir aber mal anfangen, sonst bist du Opa, bevor ich Mutter bin", sagte Anna und lachte. Also doch. Ich zog sie auf meinen Schoß. Nein, ich wollte nichts hergeben von meiner sorglosen Anna, von unserer ungeteilten Zweisamkeit. Ich sagte ihr ruhig, dass ich schon mal erlebt hätte, wie ein Baby alles veränderte. Ich wollte, dass alles blieb, wie es war. Ich wollte keine weiteren Kinder mehr. Und ich sprach über meine Angst, wieder zu scheitern. Sie weinte. Ja, vielleicht ist es egoistisch. Aber ich denke, so wie ich sind viele Männer gestrickt: Wir wollen ein Kind, um eins zu haben. Dass wir es lieben, steht außer Frage. Aber dass wir vom ersten Wort, der ersten Theateraufführung oder der Einschulung träumen, ist ein Märchen. Wenn wir die Wahl zwischen einem zweiten Kind und einer intakten Partnerschaft haben, würden die meisten Letzteres wählen. Nicht alle sagen das. Sie tun, was die Frau entscheidet. So bin ich nicht. Anna ist jetzt 29. Sie sucht den Mann für das Baby, ich wünsche ihn ihr auch. Sie trennte sich fünf Tage später von mir. Es war wieder ein Montag.

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