14. Februar 2013
Kein Interesse an Sex

Kein Interesse an Sex

Während in unserer Gesellschaft der Sex allgegenwärtig ist, herrscht im eigenen Schlafzimmer oft völlige Flaute. PETRA-Autorin Ulrike Fach-Vierth über die Gründe unserer Unlust.

Frau Mann lesen
© Goodshoot/Thinkstock
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Als der Konzern Unilever die Frage stellte: „Wie lange würden Sie auf Sex verzichten, wenn Sie dafür einen Schrank voll mit neuen Klamotten bekämen?“, entschied sich die Mehrheit der 1000 befragten Frauen für 15 Monate. Bei Männern sieht es nicht besser aus. Jeder zehnte deutsche Mann hat laut der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ gar kein Interesse mehr an Sex. Haben wir es in einem Zeitalter, in dem uns Sex und Intimes immer und überall präsentiert werden, mit einer zunehmenden privaten Lustlosigkeit zu tun? Scheint ganz so zu sein.

Denn während heute kein Schulkind mehr am Kiosk Bonbons kaufen kann, ohne auf barbusige Titelschönheiten zu starren, herrscht Flaute in deutschen Schlafzimmern. Sex findet überall statt: auf der Straße, im Fernsehen, im Internet – nur nicht zu Hause. Spärlich bekleidete Models schmücken alle möglichen Werbeanzeigen. In Reality-Dokus breiten sich B-Promis über ihr Sexleben aus und lügen, dass sich die Balken biegen. Nackt- und Sexszenen in Filmen fallen uns beinahe nur noch auf, wenn sie fehlen – und „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ wird so gar nicht heimlich, sondern stolz gelesen. „Während die wachsende öffentliche Lust immer bizarrere Formen annimmt, schrumpft die private Lust zu zweit“, bestätigt Paartherapeutin und Autorin Felicitas Heyne („Fremdenverkehr“, Goldmann, 320 S., 8,99 Euro). Ihre Erklärung: „Je höher die Erwartungen, desto mickriger wirkt das Erreichte und desto größer wird die Lustlosigkeit.

Es sind die Medien, die uns massiv dabei unterstützen, unsere Erwartungen hinaufzuschrauben – sind wir doch täglich umzingelt von perfektem Sex.“ Stimmt. So scharf und wild wie die Frauen, die von Plakatwänden herunterlachen, werden wir niemals aussehen. Wobei das natürlich auch für die Männer gilt – da ist der Attraktivitäts-Faktor der Hochglanz-Models doch Welten von dem der eigenen Kerle entfernt. Dazu kommt: „Es gibt in Langzeitbeziehungen immer einen Konflikt zwischen Intimität und Erotik, der die Sache weiter erschwert“, so Heyne. „Zu viel Intimität und Nähe sind Erotikkiller par excellence. Erotik lebt von Fremdheit, Spannung, von Hindernissen. Eine Langzeitbeziehung dagegen lebt von Intimität, Vertrautheit und Harmonie. Beides gleichzeitig erhalten zu wollen – das kommt schon der Quadratur des Kreises gleich.“

„Nun muss man aber auch mal ganz klar sagen, dass von Mutter Natur eigentlich keine lebenslangen Partnerschaften für uns vorgesehen waren“, so die Psychologin – und setzt hinzu: „Schon gar nicht welche, in denen es dauerhaft vor Sex nur so prickelt. Die Evolution wäre durchaus zufrieden damit, wenn wir als Paar nur dafür sorgten, dass der gemeinsame Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus ist, bevor wir wieder getrennte Wege gehen.“Wir sind also gar nicht auf dauerhaftes Sexglück programmiert. Stress im Job oder familiäre Belastungen sorgen zusätzlich dafür, dass sich die Beziehung mit der Zeit von ganz allein verschlechtert – dafür müssen wir nichts tun. Das heißt jetzt aber nicht, dass man das Handtuch in den Ring wirft und sich für immer von einem langen und erfüllenden Liebesleben verabschiedet. Was hilft? Positive Illusionen und eine bewusst wohlwollende Sicht auf den Partner. Der amerikanische Beziehungsforscher John Gottman zeigte in einer Untersuchung, dass unzufriedene Paare ihre rosarote Brille irgendwann absetzen und einander stattdessen durch eine rabenschwarze sehen, bis sie im Rückblick selbst ihre glückliche Anfangszeit und sogar ihr erstes Rendezvous sehr negativ bewerten. Wie traurig!

Allerdings muss man es nicht erst so weit kommen lassen: „Lässt man die rosarote Brille bewusst auf, auch nachdem die überschwängliche Anfangszeit der Beziehung vorbei ist, dann betrachtet man sich gegenseitig liebevoller. Man kreidet sich nicht jede Schwäche an – und man ist eher dazu bereit, sich gegenseitig zu verzeihen. Das sind die besten Voraussetzungen dafür, dass es auch im Bett auf Dauer gut läuft“, sagt Felicitas Heyne. „Total schön fand ich die Geschichte von der Frau, die folgende Episode über sich und ihren Mann erzählte: ,Als ich abgenommen habe, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Und als ich wieder zugenommen habe, meinte er, ihm gefallen meine Kurven. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass er mich liebt.‘ Das ist genau die Art von rosaroter Brille, die die Tür zu einem guten Sexleben ganz weit aufstößt!“ Die rosarote Brille ist eine Möglichkeit, die man nutzen sollte, damit eine erotische Neu- oder Wiederentdeckung funktionieren kann.

Felicitas Heyne kennt noch weitere: Als Erstes sollten wir uns mal von dem Sex-Mythos Nr. 1 verabschieden: Sex sollten Partner nur haben, wenn beide darauf Lust haben. Dann können Sie ziemlich lange warten! Es ist unwahrscheinlich, dass zwei Erwachsene mit unterschiedlichen Biorhythmen und Tagesabläufen zufällig im selben Augenblick Lust auf Sex verspüren – sogar kurz nach der allerersten Verliebtheitsphase kommt das eher selten vor. Und auf den perfekten Zeitpunkt zu warten, an dem die Lust Sie beide übermannt, ist in einer Langzeitbeziehung nichts anderes als eine heimliche Sexvermeidungsstrategie. Genau darum rät Heyne: „Wir sollten uns Sex in den Terminkalender schreiben.“ Das klingt total unromantisch? Ist aber das Gegenteil. Es kann äußerst romantisch sein, wenn man den Gedanken zulässt! Denken Sie einfach mal zurück an den Anfang Ihrer Beziehung: die Suche nach einem Termin, einer Örtlichkeit, einer Aktivität, die beiden recht ist. Das Herz klopfen vor dem Kleiderschrank – was zieht man an? Hab ich noch ein paar Kerzen da, eine Flasche Wein? Da steckt eine ganze Menge Planung drin, oder? Und zwar im positivsten Sinne – und mit der Planung sind Aufregung, Spannung und Kribbeln im Bauch verbunden.

Beste Voraussetzungen für einen erotischen Abend also, denn „Vorfreude ist ein wichtiger Bestandteil jeden Genusses“, so Heyne. Eine ganz wichtige Frage ist auch: Muss Sex eigentlich immer harmonisch und befriedigend für beide Partner sein? Ganz bestimmt nicht. Das erzeugt doch nur eine unerfüllbare und vollkommen kontraproduktive Anspruchshaltung in Ihrem Kopf. Es ist weder schlimm noch außergewöhnlich, wenn einer von Ihnen beiden mal nicht auf seine Kosten kommt. Wenn die Bilanz auf lange Sicht gesehen für Sie beide ausgewogen erscheint, geht alles in Ordnung.

Noch ein entscheidender Punkt: Sex und Macht sollten in der Beziehung unbedingt entkoppelt werden. Wir Frauen tun Folgendes ja ganz gerne: auf kühl schalten und die Unnahbare geben, wenn uns gerade in der Beziehung etwas gegen den Strich geht. Aber Konflikte gehören nicht ins Bett. Sex ist keine Belohnung, und Sexentzug sollte nicht als Bestrafung missbraucht werden. Und zu guter Letzt: Sollten wir alle nicht vielleicht einfach mal aufhören, ständig nach links und rechts zu schielen, ob es da nicht doch noch einen besseren Partner gibt? Stattdessen könnten wir mehr Energie in die existierende Beziehung stecken. Genau derjenige, mit dem ich zusammen bin, ist der bestmögliche Partner. Mit dieser Gewissheit im Herzen kommt das Knistern von ganz allein.

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