Online-Trend Die Wisch-Und-Weg-Apps

Bei Tinder wischen wir uns durch potenzielle Lover, bei Swipy durch It-Bags. Eine simple Bewegung - und wir haben uns entschieden. Zumindest im Netz läuft das so. Easy bei Fashion. Aber in der Liebe verpassen wir vielleicht das Beste.

tinder

Die Idee kam Jonathan Badeen angeblich auf dem Weg zur Dusche. Eine Idee, die die Art revolutionierte, wie wir uns im Netz entscheiden. Als der US-Amerikaner vor drei Jahren gemeinsam mit zwei Freunden an der Dating-App "Tinder" tüftelte, suchte er nach einer Methode, mit der Nutzer ganz einfach zwischen "Mag ich" oder "Mag ich nicht“ entscheiden können. „Wir waren auf der Suche nach einer Technik, bei der man wie mit einer Karte die Entscheidung zwischen ,Nope‘ und , Like‘ möglichst einfach treffen kann. Nur mit der Hand, mit der man das Smartphone hält“, sagte der 33-Jährige kürzlich in einem „Spiegel Online“-Interview.
Jonathan Badeens Lösung: eine simple Wischbewegung, die „SwipeRight“ genannt wird. Ob an der Haltestelle, im Café, sonntags auf der Couch oder in der Mittagspause – überall wischten mit einem Mal Menschen hektisch über ihr Display. Sie polierten nicht etwa die Schlieren auf dem Smartphone-Bildschirm weg, sondern „swipten“ sich durch das riesige Angebot potenzieller Partner auf Tinder.

Der Siegeszug von Tinder

Falls Sie die Dating-App nicht kennen: Man meldet sich über sein Facebook-Profil an und wählt das Geschlecht aus, welches man gerne daten möchte. Ein Ortungsdienst sucht dann andere Nutzer in der Nähe, die App präsentiert anschließend die Profilbilder auf dem Smartphone. Hat der Typ eine unvorteilhafte Frisur oder nur einen knallroten String-Tanga an (Ja, Sie würden sich wundern ...), wischt man das Bild nach links und bekundet so sein Desinteresse. Rutscht der Daumen wohlwollend nach rechts, kann man nur hoffen, dass der andere in die gleiche Richtung wischt. Erst dann kann man sich über ein Match freuen und miteinander chatten.
Mittlerweile suchen mehr als 30 Millionen Menschen weltweit bei Tinder wahlweise nach einer schnellen Nummer oder der Liebe ihres Lebens. 

Swipen was das Zeug hält

Und weil geniale Ideen zwangsläufig kopiert werden, entstehen immer mehr „SwipeRight“-Ableger im Netz. Zum Beispiel die deutsche App „Truffls“, die Studienabgänger mit Unternehmen zusammenbringt.

Mit einem LinkedIn- oder einem Xing-Account meldet man sich an und wählt aus, ob man lieber forschen, entwickeln oder lehren möchte. Die passenden Jobs stapeln sich dann wie Solitärkarten auf dem Bildschirm. Per Wisch nach links oder rechts schickt man das Unternehmen entweder ins virtuelle Nirwana oder das eigene Profil direkt zum zuständigen Personalberater.

Auch in Sachen Freizeit sorgt die Technik da- für, dass wir zusammenkommen. Auf „Tindog“ findet man den passenden Begleiter für die nächste Hunderunde. Bei „Tripr App“ den Partner für die dreimonatige Rucksack-Reise nach Sumatra. Für alle anderen Lebensbereiche gibt es ebenfalls passende „SwipeRight“-Apps: „Swipy“ präsentiert uns die neuesten Modetrends, „The best Song“ die aktuellsten Hits. Bei „Home24“ „swipen“ wir uns durch Inneneinrichtungen, und das Traumhaus erwischen wir bei „Knocker“.

Warum wir so wild aufs Wischen sind, weiß Jim Davies. Der Professor für Kognitionswissenschaft an der Carleton University in Ottawa schrieb in einem Online-Wissenschaftsmagazin: „Die Tinder-Entwickler haben sich ein Stück menschlicher Psychologie zunutze gemacht. Bewegungen nach rechts wecken positive Gefühle. Die Gegenrichtung eher negative. Der Grund dafür ist die Richtung, in die wir schreiben.“ Seine These stützt der Wissenschaftler mit Beispielen aus Filmen und Videospielen. Davies führt Untersuchungen an, die belegen, dass sich Helden im Kampf gegen den Bösewicht fast immer von links nach rechts bewegen. In Israel und in der arabischen Welt ist die Bewegung genau umgekehrt (Dort schreibt man auch von rechts nach links).


Bleibt noch die Frage offen, ob ein schneller Blick tatsächlich ausreicht, um zuverlässige Entscheidungen zu treffen. Tinder-Gründer Jonathan Badeen sagt: „Wir wollen gar nicht, dass sich jemand zu stark auf eine Person fokussiert. Man schaut jemanden fünf Sekunden an, wischt ihn nach rechts, und dann ist da schon der Nächste." Die Mission ist es also, Menschen mit einer hochmütigen Wischbewegung zu sortieren? Das klingt ganz schön oberflächlich. Und vor allem respektlos. Funktioniert in der analogen Welt allerdings nicht viel anders. Wir schauen hin, scannen, bewerten und drehen uns wieder weg, wenn uns nicht gefällt, was wir sehen.

"Swipe-Right" im echten Leben

Wie genau der erste Eindruck in der realen Welt funktioniert, erforschten die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alex Todorov von der Princeton University. Sie fanden bei einem Experiment heraus, dass das menschliche Gehirn bereits in 100 Millisekunden entscheidet, ob wir jemanden sympathisch finden oder nicht. Theoretisch unterscheiden sich ein Blick in der Bar und ein schneller Luscher auf das Profilbild also nicht. Was allerdings bei direktem Augenkontakt unseren ersten Eindruck beeinflusst, sind die kleinen Details, die einen Menschen ausmachen. Der Geruch, die kleinen Grübchen beim Lachen, die Art, wie jemand skeptisch die Augenbrauen verzieht. Ein Profilbild ist zweidimensional und kann einen Menschen nie in seiner Summe abbilden. Der erste digitale Eindruck bleibt immer unvollständig.

Praktische Technologie - ja, aber bitte nicht überall

Zugegeben, die „SwipeRight“-Methode ist ziemlich praktisch, wenn es um simple Ware geht. Suchen wir zum Beispiel eine beige Ledercouch für unser Wohnzimmer, dann müssen wir uns nicht mehr durch diverse Onlineseiten klicken, sondern bekommen das, was wir suchen, stapelweise auf dem Smartphone präsentiert und können Entscheidungen blitzschnell treffen. Wischen wir uns hingegen durch einen Berg von menschlichen Profilen, verpassen wir womöglich das Beste. Der Typ mit der Pisspott-Frisur und dem Feinripp-Shirt hat vielleicht in der realen Welt umwerfende Lachfältchen und duftet heimelig nach Weichspüler. Wirkliche Sympathie ist nämlich das, was bleibt, wenn der erste Eindruck längst verwischt.