Seitensprung 2.0 Ich habe sie ständig aufm Schirm

Chatten, tindern, whatsappen - das Internet verändert nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Definition von Treue. Ab wann zählt der Betrug im Netz?

Eine Frau schaut auf ihr Handy - geht sie online fremd?

Eine Liaison, die online begann 

Sven liebt Sonja, obwohl er sie noch nie gesehen hat. Wie eine virtuelle Beziehung funktioniert und warum daraus nie mehr wird, erzählt er hier Vor zwei Jahren habe ich in einem Internetforum Sonja kennengelernt. Binnen Kurzem entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Das Besondere: Wir haben uns noch nie gesehen oder gesprochen. Unsere Familien wissen nichts von unserer Beziehung, und das soll auch so bleiben. Wir haben uns auf zwei Spielregeln geeinigt: Eine besagt, dass wir uns nie physisch treffen werden. Die andere, dass wir nie außerhalb von Facebook miteinander kommunizieren. Die Begrenzung unserer Beziehung auf geschriebene Worte, Emoticons und Fotos stellt eine echte Herausforderung dar. Trotzdem hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt, wie keiner von uns es vorher zu einem anderen Menschen hatte. Jeder kennt die intimsten Geheimnisse des anderen. Die Entfernung zwischen uns überbrücken wir mit kleinen Ritualen. Ich wünsche mir etwa, wie Sonja sich schminkt, sich die Nägel lackiert, was sie anzieht.

Sonja sucht vor Restaurantbesuchen auf den Websites die Speisen für mich aus. Wir haben ein gemeinsames Parfum, schicken uns beim Shoppen Fotos und bitten um die Meinung des anderen. Die Spielregeln einzuhalten ist manchmal schwierig. Irgendwie wollen wir doch mehr. Ein paar Mal waren wir auch kurz vor dem Umfallen. Der andere ist in diesen Situationen aber immer standhaft geblieben. Bereits am Anfang fragten wir uns, was uns zusammengeführt hat. Der wichtigste Punkt ist, dass die sexuellen Beziehungen zu unseren Ehepartnern eingeschlafen sind. Wir leiden unter den typischen Abnutzungserscheinungen einer monogamen Beziehung. Dennoch stellen wir unsere Ehen über unsere Liebe. Beide spüren wir, dass die Distanz die Spannung aufrechterhält, das Prickeln, das Begehren. Denn auch wenn es schwer vorstellbar ist, unter den Bedingungen unserer Spielregeln entstand ein lustvoller sexueller Austausch. Wir begehren uns. Besonders schön ist das Wissen, dem anderen ein Stück weit zu gehören. Wir würden uns immer wieder füreinander entscheiden und sind glücklich, uns gefunden zu haben.

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