Leben Die folgenden Monate waren die schwersten und besten

Seit sechs Jahren sind Julia und Christian ein Paar. Julia ist HIV-positiv und hat den Zeitpunkt verpasst, ihm die Wahrheit zu sagen. Die Geschichte einer Lüge – im Namen der Liebe.

Frau Brücke

Dann ließ er die Bombe platzen und gestand, dass er verheiratet war. Er wollte seit Langem die Trennung, wohnte bereits seit Monaten in der Anliegerwohnung seines Hauses. Doch er leitete die Firma seines Schwiegervaters, und seine Frau drohte ihm für den Fall einer Scheidung mit dem Verlust seiner Existenz und damit, dass sie ihm den Umgang mit seinen zwei kleinen Söhnen so beschwerlich wie möglich machen würde. Ich reagierte einsilbig und bat um Bedenkzeit. War dies der Zeitpunkt für mich, mich ebenfalls zu offenbaren? Seine schreckliche Wahrheit gegen meine? Das klang verlockend, machte mir aber auch Angst. Christian stand vor der schwersten Entscheidung seines Lebens und wollte sie mit meiner Hilfe treffen. Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass die Frau, die seine Retterin sein sollte, in Wahrheit eine ansteckende und tödliche Erkrankung in sich trug? Außerdem wollte ich nicht in eine Ehe einbrechen. Seine nächtlichen Anrufe nahm ich jedoch entgegen. Stundenlang sprachen wir über das, was ihn bewegte, und das, was sein könnte, wenn er nur erst die Trennung hinter sich hätte. Ich hörte ihm zu und beruhigte ihn, mehr konnte und wollte ich nicht tun.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Ehrlichkeit?

Doch eines nachts klingelte statt des Telefons meine Türglocke, und Christian stand mit zwei Koffern vor mir. Er hatte sich getrennt und noch am gleichen Tag einen Anwalt aufgesucht. Er wollte kämpfen, um seine Kinder, seinen Job und auch um mich. Zum zweiten Mal lag mir die große Beichte auf der Zunge, aber konnte es einen schlechteren Zeitpunkt geben? Christian hatte in den letzten Stunden sein gesamtes Dasein auf den Kopf gestellt und war am Ende seiner Kräfte. Konnte meine Offenbarung nicht warten, musste sie es nicht sogar? Obwohl ich zum Schutz vor einer Schwangerschaft die Pille nahm, verhüteten wir weiter mit Kondomen. Ich erklärte diese Maßnahme mit einer angeblichen Sperma-Unverträglichkeit, und Christian, der bis zum heutigen Tag immer um mein Wohl besorgt ist, nahm es fraglos zur Kenntnis. Die folgenden Monate waren die schwersten und besten unseres gemeinsamen Lebens. Christian verlor seinen Posten und fand nach langer Suche einen neuen. Die Scheidung zog sich hin und zermürbte ihn. Aber wir waren so glücklich miteinander, dass jede andere Sorge ihren Schrecken verlor. Ein paarmal noch dachte ich darüber nach, die Wahrheit auf den Tisch zu packen, kam aber zu dem Schluss, Christian erst dann damit zu konfrontieren, wenn alle anderen Probleme gelöst waren.

Ich liebe ihn, kann er meine HIV-Infektion akzeptieren?

Nach zwei Jahren war er frei, und wir bezogen eine große Wohnung am Stadtrand, richteten tagelang die Zimmer der Kinder ein, die nun am Wochenende bei uns lebten. Ich hätte glücklich sein müssen, doch die Wolken meines schlechten Gewissens wurden dunkel bis tiefschwarz. Als ich zum ersten Mal Salat und Spaghetti in meiner neuen Küche zubereitete, während Christian mit seinen Söhnen durch die Wohnung tobte, wurde mir klar, dass es zu spät war. Ich hatte zu lange gewartet. Wie führt man ein Gespräch, das Jahre zuvor hätte stattfinden müssen? Wie erklärt man, dass alles, was bisher geschah, auf den wackeligen Beinen einer riesigen Lüge stand? Die wenigen meiner Freunde, die um meine Infektion wissen, besuchen uns schon lange nicht mehr, weil sie Christian nicht in die Augen sehen können. Manchmal verdränge ich für Wochen die Ausweglosigkeit, doch wann immer ich mich beim Kochen schneide, werfe ich hysterisch die gesamte Mahlzeit in den Müll. In Urlauben verstecke ich meine Pillen in zusammengerollten Strümpfen. Seit sechs Jahren schon ist mein Leben eine Ansammlung von Unwahrheiten, die nur dazu dienen, die eine große Wahrheit zu schützen: dass ich Christian liebe. Manchmal denke ich daran, ihn einfach zu verlassen, aber das ist unvorstellbar. Meiner Ärztin habe ich neulich meine Lage gestanden. "Die Liebe schafft alles", sagte sie. Aber ich wage nicht, darauf zu vertrauen, denn vielleicht ist es nur eine Redensart.

Ehrenamtliches Engagement: Der jährlich am 1. Dezember stattfindende Welt-Aids-Tag will auf die Gefahren von HIV aufmerksam machen. Promis wie Elton John setzen sich für HIV-Infizierte ein.

Autor: Kai Franke

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