Psychologie Gelassenheit kann man nicht erzwingen

Ab 40, so heißt es, haben Frauen den besseren Sex. Birgit Querengäßer, 30, sieht nicht ein, warum sie noch zehn Jahre auf den Supersex warten soll. Das muss man doch schon früher hinkriegen … Zum Beispiel jetzt.

Sexy Frau im Bett

Interessant ist, dass es ausgerechnet das fünfte Lebensjahrzehnt ist, in dem wir uns sexuell entfalten. Ihr Körper war vor 20 Jahren eindeutig besser in Schuss, trotzdem fühlt sich die Frau ab 40 wohler. Dicke Oberschenkel, was soll’s. In diesem Lebensabschnitt setzt bei vielen Frauen die Menopause ein. Im Gegensatz zum Östrogenspiegel sinkt der Testosteronspiegel nicht ab und ist somit verhältnismäßig hoch. Und Testosteron verwandelt bekanntlich jedes Lebewesen in einen Zuchtbullen. 

Hinzu kommt: Die Lust der Frau wird in dieser Phase von der Fortpflanzung entkoppelt. „Nicht mehr verhüten zu müssen bedeutet für viele Frauen eine sexuelle Befreiung“, erklärt die Sexual- und Psychotherapeutin Brigitte Moshammer-Peter. Sie will die Legende von der Ü40-Nymphomanin allerdings so nicht stehen lassen: „Ja, es gibt diese Frauen, die in dem Alter anfangen, ihre Sexualität selbstbewusster auszuleben. Aber es gibt auch genau das Gegenteil: frustrierte Frauen, die ihr Sexualleben gänzlich aufgegeben haben. Das hält sich ungefähr die Waage.“ Das passt zu den Ergebnissen des umfang - reichen amerikanischen Reports „Sexwende“ von 1994: Nur rund die Hälfte der Frauen über 40 hatten damals überhaupt noch ein Sexleben. 

Seitdem hat sich allerdings viel getan. Die Bedeutung der Figur der Samantha Jones aus „Sex and the City“ kann da kaum überbewertet werden. Tendenz: Frauen werden unverkrampfter, erstens mit dem Alter, zweitens mit der Entwicklung unserer Gesellschaft. „Mädchen sind heute offener. Die Generation der Frauen, die heute in den 40ern sind, musste erst einmal herausfinden: Was darf ich überhaupt gut finden?“, sagt Birgit Schlieper, Autorin des Buchs „Zone 40. Frauen werden nicht älter. Frauen werden gelassener“ (Knaur, 8,99 Euro). Frauen über 40 verlassen sich laut Schlieper heute eher auf ihre innere Stimme, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, was andere von ihnen erwarten: „Sagen Sie sich ‚Ich bin schön‘, anstatt sich nur auf Ihre Problemzonen zu konzentrieren. Und bereuen Sie nichts. Jüngere Frauen fragen sich am nächsten Morgen oft: ‚Oh Gott, was habe ich getan?‘“ Was ältere Frauen können: gleich Nein sagen, wenn ihnen was nicht gefällt. „Frauen ab 40 haben die Erfahrung gemacht, dass es okay ist, zu sagen, was man will oder eben nicht will.“ Erschlafftes Bindegewebe hin oder her – Frauen in der gehobenen Altersklasse üben immer noch einen Reiz auf das andere Geschlecht aus. Und zwar nicht nur auf gleichaltrige Männer. Gerade die jungen Männer wissen meist genau das an ihrer älteren Freundin zu schätzen: dass sie weiß, was sie will.Es klingt so einfach, das Rezept für ein besseres Sexleben. Aber ich habe den Verdacht, dass es auch der Reife einer 40-jährigen Frau bedarf, all diese Ratschläge wirklich zu verinnerlichen und umzusetzen.

Gelassenheit kann man doch nicht erzwingen. Und vielleicht kann ich momentan auch gar nicht anders, als im Bett die Mutter Teresa zu spielen: Forscher vermuten, dass auch die Hormonzusammensetzung im Körper einer jungen Frau selbstloses Verhalten begünstigt. Schließlich soll man sich um die Familie(nplanung) kümmern, nicht um seinen Orgasmus. Egoistisch werden darf man offenbar erst, wenn die biologische Uhr von „Kinder machen“ auf „Kinder sind aus dem Haus“ umschaltet. „Der Körper der Frau“, sagt die Psycho- und Sexualtherapeutin Ingrid Slupetzky dazu, „ist ein hochkomplexes System. Alles braucht seine Zeit. Eine Rose blüht auch nicht in zwei Sekunden.“ Es könnte also noch ein paar Jahre dauern, bis ich so zufrieden mit meinem Sexleben bin wie Sandra. Wenn ich Glück habe, vielleicht weniger als zehn. Und wenn ich kein Glück habe, tja, dann habe ich jetzt wenigstens etwas, auf das ich mich zehn Jahre freuen kann. 

Autor: Claudia Riedel