26. Juli 2013
Die Welt der Iris van Herpen

Die Welt der Iris van Herpen

Wahrscheinlich haben Sie den Namen noch nie gehört, aber die Fashion-Welt steht bei dieser Designerin Kopf. Das ist also die Zukunft der Mode! Nun zeigt die Niederländerin ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion.

Iris van Herpen
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Iris van Herpen

Es ist eine bizarre Armee, die Iris van Herpen auf den Laufsteg schickt: Models, behängt mit knochenweißen Gebilden, die aussehen wie Skelette seltsamer Meereswesen. Mädchen, die wie Kriegerinnen in metallisch glänzenden Hosenröhren marschieren oder schillernde Kunststoffkostüme wie riesige Käfer tragen. Dazu balancieren sie in Schuhen, die wie eine Kreuzung aus orthopädischer Gehhilfe und fleischfressender Pflanze wirken. Björk und Lady Gaga greifen gern zu van Herpens Entwürfen, um sich als Mensch-Maschine oder Zwitterwesen zu inszenieren. Dass die Niederländerin im September ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt bringt, lässt deshalb nicht nur ihre Fans aufhorchen. Die Nachricht treibt auch die Fashion-Szene um: Wie sieht das aus, ein Kleid von der Stange aus dem Atelier dieser Frau? Wie Aliens kleine Schwester? Oder angepasst an den Massengeschmack? "Angepasst ist es zumindest an den Körper", sagt van Herpen. "So ausladend wie sonst kann ich hier natürlich nicht arbeiten." Statt bauschiger Röcke von zwei Metern Durchmesser oder baumelnder Tentakeln entwarf sie nun die absolut tragbare Linie "Phy-tha-go-rash": weiche Etuikleider, ein figurbetontes Kostüm, taillierte Jacken und Mäntel in Schwarz, Cremeweiß und Bordeauxrot, aus gängigen Materialien wie Leder, Seide und Wolle. Und doch steckt Hightech in den Details: Mikrofasern, Folienbeschichtung, von Lasern geschnittenes Plexiglas. Als erste Designerin der Welt verkauft sie im Prêt-à-porter-Markt eine Jacke aus dem 3-D-Drucker, einem Gerät, das aus Kunststoff dreidimensionale Dinge zaubert, Schicht für Schicht.

Iris van Herpen Modenshow
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Mode:

Die Designerin lässt sich nicht festlegen

Van Herpen sprengt die Grenzen zwischen Technik, Natur, Kunst und Mode. Die 29-Jährige ist schwer festzulegen, aber eines ist sicher: Sie liegt mit ihren Ideen vorn, wenn es um die Zukunft der Mode geht, denn sie arbeitet mit Avantgardisten aus der ganzen Welt zusammen. Zum Beispiel mit dem neuseeländischen Künstler Carlos Van Camp. Der experimentiert mit Elektrizität, hüllt Menschen in metallene Ganzkörperanzüge, durch die drei Millionen Volt hindurchfließen. Aus Kopf und Händen der Träger schießen blaue Blitze. Bei Iris van Herpens Show "Voltage" im Januar in Paris eröffnete ein "Lord of Lightning" das Defilee. Gefährlich? Es britzelt nur leicht auf der Haut, dort, wo das Anzuggewebe winzige Löcher hat. "Ich bin kein Daredevil", sagt van Herpen – Draufgängertum sei ihre Sache nicht. Wer in ihre großen, sanften Augen blickt, mag das glauben. Doch nur so lange, bis sie von der Australienreise erzählt, die sie mit 17 machte: "Ich war mit ein paar Mädchen unterwegs, und weil wir kein Geld hatten, trampten wir die ganze Zeit." Ein Mann, den sie zufällig kennenlernten, fand das so irre, dass er ihnen einen Scheck ausstellte: für Fahrkarten. "Natürlich hab ich mir kein Ticket gekauft", sagt van Herpen. "Ich ging Fallschirmspringen. Und das Erste, was ich nach der Landung sagte, war: ‚Noch mal!‘" Der Sprung aus dem Flugzeug ist für sie seitdem ein jährliches Reset: "Alle Alltagsproblemchen verschwinden in diesem Moment. Danach fühle ich mich wie neugeboren."

Lebendige Kleidung - Inspiration aus der Natur

Wie es vor dem Absprung in ihrem Kopf aussieht, hat van Herpen 2011 in ihrer Kollektion "Capriole" gezeigt, mit einem bleifarbenen Acrylkleid, das knapp den Po bedeckt und den Torso in ein dichtes Gewimmel dicker Schlangenkörper hüllt. "Meine ganze Energie ist in diesem Moment in meinem Gehirn", sagt sie. "Es fühlt sich an, als würde sie durch Tausende von Windungen strömen." Ein Entwurf wie ein lebendes Tier. Von der Sorte gibt es viele: stachelig, wulstig, fedrig – geformt aus modernsten Kunststoffen. Van Herpen spielt mit den neuesten Ideen aus den Techniklaboren dieser Welt. Belebte Materie inspirierte sie im vergangenen Jahr zur Kollektion "Hybrid Holism", für die sie sich mit dem kanadischen Architekten Philip Beesley zusammentat. Beesley erschafft funkelnde Landschaften aus Glasphiolen und Kunststofffedern, gefüllt mit chemischen Lösungen und kleinen Prozessoren, die auf den Menschen reagieren, wenn er hindurchgeht oder sie berührt. Sie atmen und bewegen sich dank künstlicher Intelligenz. Für van Herpen ein Traum: "Die Vorstellung, dass Kleider eines Tages wachsen, ihre Form ändern oder sich selbst reparieren, finde ich unglaublich spannend." Lebende Wesen im Kleiderschrank? Dinge, die eigenständig existieren, eines Tages womöglich mächtiger sind als wir? Macht ihr das keine Angst? "Quatsch", sagt van Herpen. "Viele Menschen denken so ängstlich an die Zukunft. Dabei entsteht alles vor unseren Augen." Kleider mit Funktionen wie ein Smartphone sind aber nicht ihr Fall: "Ich fände es albern, wenn mich eine Jacke umarmt, weil mich jemand auf Facebook anstupst."

Kollektion Iris van Herpen
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Kollektion Iris van Herpen

In den Hightech-Laboren dieser Welt hat sich rumgesprochen, dass die Designerin gern experimentiert. Leute vom berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder aus der Industrie erzählen ihr von neuen Erfindungen und arbeiten mit ihr zusammen. Für van Herpen ist das kein Kulturclash. Immerhin sind Forscher und Techniker auch Künstler, findet sie: "Sie versuchen, immer was Neues zu erschaffen. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns." Dabei fiel ihr die Begegnung mit der Technik anfangs schwerer als der erste Fallschirmsprung. Van Herpen hat in Arnheim am Artez Institute studiert, wie das niederländische Designerduo Viktor & Rolf. "Wir sollten Computer benutzen", erzählt sie, "aber ich wollte das nicht. Ich wollte nicht mal eine Nähmaschine." Van Herpen machte alles mit der Hand. Sie malte auch und tanzte Ballett – Körpereinsatz ist ihr bis heute ein Bedürfnis. In ihrem Amsterdamer Atelier arbeitet sie gern mit den Fingern, formt und biegt Materialien, erschafft Kleiderskulpturen ohne Skizze oder Vorlage.

Iris van Herpen entdeckt neue Materialien für die Fashion-Welt

Anfassen, drehen und wenden – so entdeckte sie auch die Mode für sich: "Auf dem Dachboden meiner Großmutter fand ich ihre Kleidersammlung. Sie hatte Kostüme, Perücken, Hüte und Accessoires. Ich habe alles angezogen und ausprobiert." Als Teenager fing sie selbst an zu schneidern. „Ich habe Klamotten gekauft, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Dabei habe ich viel gelernt." Kein Wunder, dass normale Stoffe sie im Studium langweilten. Schnell griff sie lieber zu Kunststoff. Ihre Vorliebe für Panzer, Skelettformen und Vögel teilt sie mit dem verstorbenen britischen Designer Alexander McQueen, bei dem sie nach dem Studium arbeitete, bis sie 2007 ihr eigenes Label gründete. Von 2009 an zeigte sie ihre Kollektionen in London, seit 2011 in Paris – da war sie 27 und hatte gerade etwas entdeckt, das sie wirklich für Technik begeisterte: den 3-D-Druck.

Hightech-Mode für die Umwelt

Heraus kam ein Kleid, das wie ein erstarrter Wasserschwall den Körper umschließt, transparent und mit vielen kleinen Wellen. Seitdem tüftelt sie weiter an der Technik. In jeder ihrer Kollektionen tauchen neue Teile auf, von Saison zu Saison werden sie weicher, filigraner, bis hin zu dem Etuikleid im Januar 2013, das wie eine elegant-futuristische Version des kleinen Schwarzen wirkte. Für die Modeindustrie könnte das ein Durchbruch sein. "Wir nehmen nur Material, das zu hundert Prozent recycelbar ist", sagt van Herpen. Wer ein Kleid nicht mehr mag, kann es pulverisieren und ein neues drucken. Und er kann schon beim Kauf sicher sein, dass es sitzt, weil es ihm quasi auf den Leib gedruckt wird – wie die neue Jacke der "Phy-tha-go-rash"-Kollektion. "So ließe sich viel Müll vermeiden", sagt sie. "Die Hälfte der Kleider, die produziert werden, landet heute im Abfall." Doch das hält auch sie nicht davon ab, neue Prêt-à-porter-Kollektionen zu entwerfen. Muss sie Geld damit verdienen? "Nein. Von der Haute Couture kann ich gut leben", sagt van Herpen. 22 Leute beschäftigt sie in ihrem Atelier. Deshalb habe sie endlich Zeit gefunden für eine Konfektionslinie. Was hat sie jetzt noch für Ziele? "Ich lebe meinen Traum." Nur einen großen Wunsch hegt sie: Beim nächsten Sprung aus dem Flugzeug einen Flügelanzug zu tragen: "Du breitest die Arme aus und fliegst in zehn Kilometern Höhe los." Van Herpen seufzt. Den Anzug, mit dem sie dort oben bleiben kann, hat sie noch nicht erfunden.

Iris van Herpen selbst erleben

Staunen und tragen

Phy-tha-go-rash: Zu sehen auf irisvanherpen.com, im Handel ab September 2013, Preise von 590 bis 5900 Euro, z. B. über thecorner.com, bei Carmacoma in Amsterdam oder im Dover Street Market in London. Mit dem Label United Nude entwickelt Iris van Herpen Schuhe zu ihren Haute-Couture-Kollektionen. Zu sehen sind die Modelle unter unitednude.com/collaborations, eine kleine Auswahl ist online zu bestellen unter unitednude.com/limited-edition.

Ausstellung

Das Museum Cité dentelle in Calais, Frankreich, zeigt bis zum Ende des Jahres eine Einzelausstellung mit Entwürfen aus allen Kollektionen. cite-dentelle.fr. Das Pariser Centre Pompidou plant einen Live-Event mit der Designerin am 28. September 2013, tagsüber und abends. Infos unter centrepompidou.fr/en. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt das Schlangenkleid aus der Kollektion "Capriole" bis zum 13. Oktober 2013 in der Ausstellung "Inside Out. Einblicke in Mode".

Lesestoff

Der Bildband "Iris van Herpen" zu ihrer ersten Soloausstellung im Groninger Museum 2012 zeigt auf 228 Seiten Fotos von allen Kollektionen mit vielen Detailaufnahmen. Hardcover, durchgängig in Farbe, Englisch/Niederländisch, 49,50 Euro, über irisvanherpen.com.

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