Mode Die Mode-Prophetinnen

Sie kennen jeden in der Branche und sehen die Designer der Zukunft voraus. Floriane de Saint Pierre oder Vanessa Denza sind Fashion-Headhunter und gehören zu den einflussreichsten Figuren der Modeindustrie

Modeprophetinnen

Im Büro von Floriane de Saint Pierre auf dem Boulevard Malesherbes in Paris klingelt ununterbrochen das Telefon. Kürzlich war François-Henri Pinault am Apparat. Er brauchte einen Ersatz für Nicolas Ghesquière bei Balenciaga. Business as usual für die 49-jährige Französin. Floriane de Saint Pierre ist Fashion- Headhunterin. Ihr Name mag nicht so bekannt sein wie die ihrer Klienten, doch de Saint Pierre gehört zu den einflussreichsten Figuren der Branche. Mit dem fast schon prophetischen Gespür eines Mode-Orakels sagt sie die Designer von morgen voraus.

Eigentlich spricht man in dem Metier nicht über seine Deals, aber es ist wohl nicht das erste Mal, dass sie Pinault aus der Klemme hilft. Es heißt, er habe ihr bereits Hedi Slimane für Yves Saint Laurent zu verdanken. Seither heißt die Marke Saint Laurent, Slimanes umstrittener neuer Grunge-Glam verkauft sich wie warme Semmeln und Pinault reibt sich die Hände. Nun soll es also ein neuer Chefdesigner für Balenciaga sein. Kein Problem für de Saint Pierre. Ein Blick in die rund 40 000 Kontakte schwere Datenbank und ein paar Meetings genügen, schon hat sie den Amerikaner Alexander Wang für den begehrten Posten an der Hand. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Mode-Liebhaberin selbst ein Fan des angesagten Designers ist. Ihre wattierte Alexander-Wang-Jacke trägt die kurzhaarige Blondine am liebsten sonntags, wenn sie mit ihrem Fahrrad an der Seine entlangradelt und danach den Jardin des Tuileries durchquert. Im Büro darf es dann gerne Saint Laurent sein, bien sur.

Mit einer spröden Personalberaterin hat die gertenschlanke Pariserin jedenfalls herzlich wenig am Hut. Ihre Karriere startete sie in der Finanzabteilung bei Dior, bis sie selbst von einem Headhunter kontaktiert wurde, das Metier wechselte und mit 26 Jahren ihre eigene Firma gründete. De Saint Pierre ist seither für viele große Karrieren verantwortlich. Christopher Bailey brachte sie erst zu Gucci, dann zu Burberry und das Talent von Christophe Lemaire erkannte sie, lange bevor er Chefdesigner von Hermès wurde und sie ihn damals für Lacoste besetzte.

Die Kunst im Headhunter-Metier ist es, neue Talente zu entdecken, sie clever zu positionieren und danach diskret, aber beharrlich zu begleiten. Eine Kunst, die auch Vanessa Denza meisterhaft beherrscht. Denza ist so etwas wie Londons Grande Dame der Rekrutierungs- Branche. Sie kennt so gut wie jeden im Milieu, dabei hatte sie mit Human Resources nie etwas am Hut. Vor über 40 Jahren begann sie ihre Karriere als Einkäuferin und besaß weltweit über ein Dutzend Stores. „Die meisten Designer, die sich in den 60er- Jahren einen Namen gemacht haben, hatten das mir zu verdanken“, sagt die Britin ganz ohne Komplexe. „Ich habe mit allen Designern zusammengearbeitet, die zu dieser Zeit wichtig waren.“ So wie Daniel Hechter. Der rief sie eines Tages an und sagte: Du kennst doch alle guten Designer. Kannst Du nicht den passenden für mich suchen? Der Designer, den sie damals platziert habe, sei heute einer der einflussreichsten Männermode- Designer, sagt sie. Namen nennt Lady Denza nicht. Diskretion ist oberstes Gebot. Nicht selten werden angesehene Fashion-Headhunter wie Denza und de Saint Pierre von den Designern direkt angesprochen. Meist stehen sie mit den kreativen Köpfen in einem fast freundschaftlichen Verhältnis, man kennt und begleitet sich seit vielen Jahren. Einige wollen nur Kontakt und sie über Veränderungen auf dem Laufenden halten. Doch meistens hat der Anruf einen triftigen Grund: Unzufriedenheit im Job und der Wunsch nach Wechsel. Headhunting funktioniert also auch umgekehrt. „Letztes Jahr kam ein Dior-Designer zu mir, weil er unglücklich war und gehen wollte“, erzählt Miss Denza. Sie verschaffte ihm daraufhin ein paar Termine in den Staaten und Calvin Klein stellte den Kandidaten vom Fleck weg ein. „Er ist brillant und hätte es auch ohne mich geschafft, aber manchmal brauchen Menschen einfach Rat.“

Rat, den sich die smarten Kopfgeldjägerinnen teuer bezahlen lassen. Rund ein Drittel des Bruttojahreslohnes stellen sie den Firmen angeblich für einen vermittelten Bewerber in Rechnung. Bei Jahresgehältern, die in den Top-Etagen mehrere Millionen Euro betragen können, kann man sich schnell ausrechnen, dass die Jagd auf Chefdesigner ein lukratives Geschäft ist. Eines, in dem ausnahmsweise auch mal Frauen Spitzengehälter verdienen. Sogar vor allem Frauen. „Wir besitzen mehr Einfühlungsvermögen und können Menschen zum Reden bringen“, erklärt Vanessa Denza ihren Erfolg. „Als Matchmaker muss man kommunikativ und überzeugend sein. Aber man sollte auch erkennen können, wann man nur seine Zeit verliert. Das sind alles Dinge, die Frauen leichter fallen“, glaubt sie. Eines steht jedenfalls fest: Ohne das souveräne Networking von Vanessa Denza und Floriane de Saint Pierre sähen die großen Modehäuser ziemlich alt aus. Denn seit ein paar Jahren nimmt das Bäumchenwechsel- dich-Spiel in der Mode kein Ende: Dior feuert Galliano, Yves Saint Laurent sucht Ersatz für Pilati, Louis Vuitton für Marc Jacobs oder eben Balenciaga für Ghesquière... Bei Luxusunternehmen läuten da sofort die Alarmglocken. Zu wichtig ist der Posten eines Chefdesigners, als dass man ihn dem Zufall überlassen könnte. Das Modehaus Céline etwa war viele Jahre das schwarze Schaf in der LVMH-Familie. Bis Phoebe Philo kam, alles umkrempelte und aus einer identitätslosen Marke den Vorreiter für minimalistisches Design machte. Von einem Tag auf den anderen wurde Céline zum Lieblingslabel aller Moderedakteure – für das sich manche verschulden würden, um nur eine einzige Tasche davon zu besitzen. Vor einigen Jahren entstaubte auch Alber Elbaz die Traditionsmarke Lanvin, Christopher Bailey machte aus dem konservativen Label Burberry ein zeitgemäßes Fashionhaus und Guillaume Henry aus dem in die Jahre gekommenen Couture- Haus Carven ein angesagtes Trendlabel.

Setzt man den falschen Designer an die Spitze, fallen die Verkaufszahlen in den Keller. Daran ändert selbst ein bekannter Name und gute Presse nichts. Stefano Pilati zum Beispiel konnte die Yves-Saint-Laurent-Kundin mit seinen Kollektionen nicht überzeugen. Ebenso wenig funktionierte Raf Simons bei Jil Sander. Modekritiker waren von den Arbeiten der Designer begeistert, aber in den Boutiquen wollten sich die Sachen einfach nicht verkaufen. Zu wenig Saint Laurent, zu wenig Jil Sander, die ewige Diskussion um die berühmte DNA des Hauses. Wenn es also mal wieder brenzlig wird, verlassen sich die Arnaults und Pinaults der Modebranche lieber auf das feine Gespür und die wertvollen Kontakte von Floriane de Saint Pierre und Co. Die Kunst ist es, für den jeweiligen Topf das passende Deckelchen zu finden. Die Schwierigkeit bei der Besetzung der kreativen Leitung besteht darin, die Eigenschaften und speziellen Bedürfnisse der Häuser zu erkennen. Wie sieht die Mode aus? Was ist die Geschichte des Hauses? Welche Ziele sollen erreicht werden? Soll es einen Richtungswechsel geben? Jedes Treffen und jeder Schachzug der Industrie wird im Recruitment-Office emsig in die riesige Datenbank eingegeben. Ein guter Matchmaker (Der Begriff „Headhunter“ ist bei den Damen übrigens verpönt) arbeitet systematisch und gleichzeitig aus dem Bauch heraus. „Ich kann jederzeit begründen, warum ein Designer strategisch gesehen der Richtige ist. Aber ob er wirklich passt, sagt mir nur mein Gefühl“, erklärt Floriane de Saint Pierre. Die Frage, wer das passende Puzzle-Teilchen ist, entscheidet am Ende also eine Mischung aus akribischer Analyse und einer guten Portion Intuition. Eine Gabe, die Headhunter und Designer übrigens zugleich besitzen sollten, findet Floriane de Saint Pierre. Denn schließlich geht es in der Mode vor allem darum, lange vor dem Rest der Welt zu wissen, was die Menschen morgen in ihren Kleiderschränken sehen wollen.

Einen oder meistens zwei Kandidaten schlagen die Headhunterinnen am Ende des Rekrutierungs-Prozesses vor. Schließlich will man dem Kunden die Wahl lassen, auch wenn sie ihre Entscheidung längst gefällt haben. „Sie werden ein paar Designer treffen, aber nur einer von ihnen ist der Richtige“, sagt Floriane de Saint Pierre dann zu Kunden wie Pinault. So wird es auch bei Alexander Wang gelaufen sein. Mit ihrer Wahl gibt sie nicht nur der Marke, sondern auch der Mode eine Richtung vor. Modern, aber kommerzieller soll es werden. Das Mode- Orakel hat gesprochen. Und dann klingelt es schon wieder auf irgendeiner Leitung. Oscar de la Renta braucht einen Nachfolger. Oder Jil Sander für Jil Sander...

UND DIESE FRAUEN SIND AUCH NOCH WICHTIG

KAREN HARVEY

Zu ihren Kunden zählen Céline, The Row und Michael Kors. Seit 25 Jahren hilft Karen mit ihrem Team nicht nur Labels dabei, ihre Marke aufzubauen, sondern unterstützt sie auch darin, neue Talente zu entdecken

LULU KENNEDY

Für ihre Verdienste in der Modeindustrie wurde Lulu von der Queen geadelt. Vor 13 Jahren gründete sie die Firma Fashion East, die britische Jungdesigner fördert und ihnen finanzielle Starthilfe gibt

HUNG HUANG

Die 51-Jährige gilt als die „Oprah Winfrey of China“: Hung ist Herausgeberin des Magazins „iLook“, Moderatorin und Gründerin des chinesischen Luxus- Stores Brand New China, der junge Designermode vertreibt

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Quelle: Petra, Ausgabe 07/2014