Designer Die Welt der Iris van Herpen

Wahrscheinlich haben Sie den Namen noch nie gehört, aber die Fashion-Welt steht bei dieser Designerin Kopf. Das ist also die Zukunft der Mode! Nun zeigt die Niederländerin ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion.

Iris van Herpen

Es ist eine bizarre Armee, die Iris van Herpen auf den Laufsteg schickt: Models, behängt mit knochenweißen Gebilden, die aussehen wie Skelette seltsamer Meereswesen. Mädchen, die wie Kriegerinnen in metallisch glänzenden Hosenröhren marschieren oder schillernde Kunststoffkostüme wie riesige Käfer tragen. Dazu balancieren sie in Schuhen, die wie eine Kreuzung aus orthopädischer Gehhilfe und fleischfressender Pflanze wirken. Björk und Lady Gaga greifen gern zu van Herpens Entwürfen, um sich als Mensch-Maschine oder Zwitterwesen zu inszenieren. Dass die Niederländerin im September ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt bringt, lässt deshalb nicht nur ihre Fans aufhorchen. Die Nachricht treibt auch die Fashion-Szene um: Wie sieht das aus, ein Kleid von der Stange aus dem Atelier dieser Frau? Wie Aliens kleine Schwester? Oder angepasst an den Massengeschmack? "Angepasst ist es zumindest an den Körper", sagt van Herpen. "So ausladend wie sonst kann ich hier natürlich nicht arbeiten." Statt bauschiger Röcke von zwei Metern Durchmesser oder baumelnder Tentakeln entwarf sie nun die absolut tragbare Linie "Phy-tha-go-rash": weiche Etuikleider, ein figurbetontes Kostüm, taillierte Jacken und Mäntel in Schwarz, Cremeweiß und Bordeauxrot, aus gängigen Materialien wie Leder, Seide und Wolle. Und doch steckt Hightech in den Details: Mikrofasern, Folienbeschichtung, von Lasern geschnittenes Plexiglas. Als erste Designerin der Welt verkauft sie im Prêt-à-porter-Markt eine Jacke aus dem 3-D-Drucker, einem Gerät, das aus Kunststoff dreidimensionale Dinge zaubert, Schicht für Schicht.

Die Designerin lässt sich nicht festlegen

Van Herpen sprengt die Grenzen zwischen Technik, Natur, Kunst und Mode. Die 29-Jährige ist schwer festzulegen, aber eines ist sicher: Sie liegt mit ihren Ideen vorn, wenn es um die Zukunft der Mode geht, denn sie arbeitet mit Avantgardisten aus der ganzen Welt zusammen. Zum Beispiel mit dem neuseeländischen Künstler Carlos Van Camp. Der experimentiert mit Elektrizität, hüllt Menschen in metallene Ganzkörperanzüge, durch die drei Millionen Volt hindurchfließen. Aus Kopf und Händen der Träger schießen blaue Blitze. Bei Iris van Herpens Show "Voltage" im Januar in Paris eröffnete ein "Lord of Lightning" das Defilee. Gefährlich? Es britzelt nur leicht auf der Haut, dort, wo das Anzuggewebe winzige Löcher hat. "Ich bin kein Daredevil", sagt van Herpen – Draufgängertum sei ihre Sache nicht. Wer in ihre großen, sanften Augen blickt, mag das glauben. Doch nur so lange, bis sie von der Australienreise erzählt, die sie mit 17 machte: "Ich war mit ein paar Mädchen unterwegs, und weil wir kein Geld hatten, trampten wir die ganze Zeit." Ein Mann, den sie zufällig kennenlernten, fand das so irre, dass er ihnen einen Scheck ausstellte: für Fahrkarten. "Natürlich hab ich mir kein Ticket gekauft", sagt van Herpen. "Ich ging Fallschirmspringen. Und das Erste, was ich nach der Landung sagte, war: ‚Noch mal!‘" Der Sprung aus dem Flugzeug ist für sie seitdem ein jährliches Reset: "Alle Alltagsproblemchen verschwinden in diesem Moment. Danach fühle ich mich wie neugeboren."

Lebendige Kleidung - Inspiration aus der Natur

Wie es vor dem Absprung in ihrem Kopf aussieht, hat van Herpen 2011 in ihrer Kollektion "Capriole" gezeigt, mit einem bleifarbenen Acrylkleid, das knapp den Po bedeckt und den Torso in ein dichtes Gewimmel dicker Schlangenkörper hüllt. "Meine ganze Energie ist in diesem Moment in meinem Gehirn", sagt sie. "Es fühlt sich an, als würde sie durch Tausende von Windungen strömen." Ein Entwurf wie ein lebendes Tier. Von der Sorte gibt es viele: stachelig, wulstig, fedrig – geformt aus modernsten Kunststoffen. Van Herpen spielt mit den neuesten Ideen aus den Techniklaboren dieser Welt. Belebte Materie inspirierte sie im vergangenen Jahr zur Kollektion "Hybrid Holism", für die sie sich mit dem kanadischen Architekten Philip Beesley zusammentat. Beesley erschafft funkelnde Landschaften aus Glasphiolen und Kunststofffedern, gefüllt mit chemischen Lösungen und kleinen Prozessoren, die auf den Menschen reagieren, wenn er hindurchgeht oder sie berührt. Sie atmen und bewegen sich dank künstlicher Intelligenz. Für van Herpen ein Traum: "Die Vorstellung, dass Kleider eines Tages wachsen, ihre Form ändern oder sich selbst reparieren, finde ich unglaublich spannend." Lebende Wesen im Kleiderschrank? Dinge, die eigenständig existieren, eines Tages womöglich mächtiger sind als wir? Macht ihr das keine Angst? "Quatsch", sagt van Herpen. "Viele Menschen denken so ängstlich an die Zukunft. Dabei entsteht alles vor unseren Augen." Kleider mit Funktionen wie ein Smartphone sind aber nicht ihr Fall: "Ich fände es albern, wenn mich eine Jacke umarmt, weil mich jemand auf Facebook anstupst."

Autor: Hiltrud Bontrup

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Quelle: Petra, Ausgabe 08/2013