Mode Designen Modeschöpferinnen mit Kindern anders?

Da schau her. Immer mehr erstklassige Designerinnen mit Kindern leiten die Kreativabteilungen großer Häuser: Phoebe Philo belebte Céline wieder, Sarah Burton ist Chefdesignerin bei Alexander McQueen, und Frida Giannini zeigte hochschwanger ihre Gucci-Kollektion. Profitieren die Marken davon – und entwerfen Mütter andere Mode?

Mode-Designerinnen mit Kindern

Sie tut es schon wieder. Phoebe Philo nimmt in diesem Frühjahr erneut Schlappen ins Programm. Fußbettgefederte, flache Treter mit breiten Riemen. Die sind bestimmt praktisch, wenn Philo mit ihren Kindern durch ihr Nordlondoner Viertel marschiert. Den zweijährigen Arthur auf dem Arm, Maya und Marlowe an der Hand. Entspannteres Schuhwerk gibt es wohl kaum für viel beschäftigte, berufstätige Mütter. Dass die Fashion-Crowd wie beim ersten Mal die Nase rümpfen wird? Egal! Immerhin passen die Schlappen gut zur Frühjahr/Sommer-Kollektion, die sich die Céline-Designerin ausdachte: Weite Hosen und lässig gegürtete, knopflose Oberteile erinnern an die Kluft asiatischer Kampfkünstler. Wer als Frau dazu die cleanen Sandalen trägt, scheint gerade vom Training auf der Matte zu kommen. Solche Frauen nehmen den Streik im Kindergarten, die nächtliche Kotzerei und die vorgezogene Deadline im Job mit buddhistischer Gelassenheit. Ihre Kleider wirken wie eine Rüstung. „Sie geben mir Struktur“, sagt Philo. „Ich muss mich aber auch darin bewegen können, auf keinen Fall sollen sie mich einengen.“

Kind, Kegel und Kreationen

Entwerfen Modedesignerinnen anders, wenn sie Kinder haben? Kreative Mütter, die allabendlich aus dem Atelier nach Hause eilen, um ihre Brut noch im Wachzustand zu erleben, erschaffen vor allem: No-Nonsens-Kreationen. Kleider, die fürs Leben taugen, für Frauen – nicht für Mädchen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Chefsessel großer Modehäuser immer öfter Working Mums anvertraut werden. Stella McCartney, einst bei Chloé Chefin von Phoebe Philo, seit 2001 mit eigenem Label erfolgreich und Vierfach-Mama, bestätigt: „Es kommt mir drauf an, wie die Kleider an realen Personen aussehen – nicht, ob sie auf dem Runway wirken.“ Und Clare Waight Keller meint: „Frauen wissen besser als Männer, was Frauen anziehen möchten.“ Die Britin ist seit 2011 bei Chloé fürs Design zuständig. Als dreifache Mutter steht sie dazu, dass sie den Alltag gern in Jogginghosen meistert – wenn sie das Haus verlässt, zieht sie einfach hohe Schuhe dazu an. Das sei doch „charmant“, erklärte die 43-Jährige.

Der Dreikampf Arbeit-Kinder-Partnerschaft hat definitiv zweierlei zur Folge: Designerinnen, die sich selbst lässig-bequem kleiden, und Kollektionen, die Lebenstauglichkeit und Bewegungsfreiheit mit eigenwilligen Ideen verbinden. Behängt mit einer Laptoptasche, den Kinderwagen schiebend, tragen Modeschöpferinnen ebenso wie ihre Kundinnen heute durchaus gewagte Schnitte, aber nicht gerade hautenge. Bestes Beispiel ist der Wandel der Victoria Beckham. Noch vor ein paar Jahren waren der Designerin Absätze selten hoch genug, Röcke niemals zu eng. Und wenn sie damit eine Treppe nicht selbst steigen konnte, ließ sie sich eben von Sicherheitsleuten die Stufen hinauftragen. Jetzt, als berufstätige Mutter, scheint Beckham einen milderen Blick auf den Chic zu entwickeln. Ihre mittlerweile elf Kollektionen wandeln sich von gnadenlosen Sanduhrsilhouetten hin zu spielerischen, lässigeren Schnitten. Die ersten Kreationen dieser Art für die Herbst/Winterkollektion 2011 galten bis dahin als ihre besten. Für den vergangenen Winter ließ sich die 39-Jährige sogar von Herrenmänteln und Smoking-Schnitten inspirieren.

Designen für modeverliebte und berufstätige Mütter

Philo und die anderen designenden Mütter haben großen Erfolg mit ihrem Ansatz, ob beim eigenen Label oder bei ihren Arbeitgebern. 2011 zum Beispiel bescherte Philo der Marke Céline geradezu astronomisches Wachstum – ablesbar an zweistelligen Umsatzsteigerungen. „Philophiles“, wie die Labelfans auch genannt werden, geraten förmlich in Ekstase, wenn sie in neuen Kollektionen Signature-Pieces für sich entdecken. Bernard Arnault, der Chef des Luxuskonzerns LVMH, zu dem auch Céline gehört, hob die Marke ebenfalls hervor, obwohl die Zahlen der einzelnen Labels nie publik gemacht werden. Er sprach gegenüber der amerikanischen „Vogue“ von „herausragenden Ergebnissen“. Philo machte aus dem ehemaligen Kinderschuhhaus Céline ein Kultlabel. Es gibt kaum eine Designerin, deren Entwürfe schneller und öfter kopiert werden. Ihr Erfolgsrezept liegt darin, eigenwillige Kreationen zu erschaffen, in denen modeverliebte Frauen – und berufstätige Mütter – sich selbst sehen. Es mag durchaus Absicht sein, dass das Model Daria Werbowy, das nun zum dritten Mal für die Kampagnen modelte, Philo optisch ähnelt und auch genauso clean gestylt wird wie die Designerin. Diese steht nicht nur als Kreative für das Label, sondern auch als Person für die potenzielle Kundin. „Ich will, dass sie sich mit mir identifiziert“, sagt Philo. „Es ist eine Frau, die Arbeit und Familie unter einen Hut kriegt.“

Der 40-Jährigen selbst gelingt es anscheinend gut, auch weil sie Ernst macht, wenn es darum geht, Prioritäten zu setzen. Als sie 2006, mittlerweile als Designchefin für Chloé, zum zweiten Mal schwanger war, stieg sie aus und zog sich ganz ins Privatleben zurück. 2008 kam sie als Chefdesignerin bei Céline zurück. Eine ihrer Bedingungen: ein Atelier in London, nahe ihrer Wohnung. Bei der dritten Schwangerschaft 2012 gönnte LVMH ihr eine Verschnaufpause: Damit sie ihr Kind in Ruhe bekommen konnte, erließ man ihr die obligatorische Modenschau in Paris. Frida Giannini, die Kreativdirektorin bei Gucci, ließ sich weniger Zeit zum Pausieren. Womöglich liegt es an der Beziehung zum hauseigenen Geschäftsführer Patrizio di Marco, dass die 41-Jährige sich besonders verpflichtet fühlt, im Job alles zu geben und das Private nicht mit der Arbeit zu mischen. Zwei Wochen vor der Geburt ihrer Tochter zeigte sie eine Winterkollektion 2013/14, die weit entfernt war von Schwangerschaftsgewändern: taillenbetonte Schnitte, Korsetts, Fetisch-Anklänge – „eisern und doch sexy“ sollte das wirken, diszipliniert und lasterhaft zugleich.

Kinderreichtum auch unter designenden Müttern

Kritiker deuteten das gern als Verzweiflungstat einer Schwangeren: „Bitch-Dressing“, psychologisierte der britische „Independent“: „Kleider, die helfen, die Figur zu kontrollieren, zumal wenn man das Gefühl hat, der eigene Körper gehöre nicht mehr einem allein.“ Nach der Geburt aber: Kaftane, Schmetterlingsärmel, Blousons und Haremshosen. Zwar wirkte diese immer noch düstern, aber dank fließender Stoffe und floraler Formen deutlich entspannter. Natur lässt grüßen? Bei Sarah Burton, Chefdesignerin bei Alexander McQueen, noch viel mehr. Die äußerst bodenständig wirkende Britin war schwanger, als sie im Oktober 2012 eine Kollektion zum Thema Bienen präsentierte. Dazu gehörten Wabenprints, imkerähnliche Hüte, Wespentaillen, steife Schößchen, Reifröcke, applizierte Blüten und ein Spitzenstoff, der wie ein Wabenstock voller Bienen wirkte. Burtons Begeisterung für die Tierchen kreiste vor allem um ihre „matriarchale Gemeinschaft, in der die Frauen regieren“, sagte sie als Kommentar zur Kollektion. Tiere waren schon immer Thema in den Kollektionen bei Alexander McQueen. Der Labelgründer selbst setzte sie oft sehr viel morbider in Szene als Burton, die nach seinem Tod die kreative Leitung übernahm. 2000 Eier legen Bienenköniginnen pro Tag – wenn aus dieser Kollektion nicht große Fortpflanzungsfreude spricht, aus welcher dann?

Kinderreichtum ist auch unter designenden Müttern verbreitet. Philo und Keller haben jeweils drei Sprösslinge, Victoria Beckham hat vier – ebenso wie Stella McCartney. „Easy to wear, really easy“, einfach zu tragen – so charakterisierte sie Entwürfe ihrer Frühjahrskollektion 2014 für die US- „Vogue“-Chefredakteurin Anna Wintour. Die 42-jährige McCartney lässt sich nicht unterkriegen: Stoffe, die schwer zu kriegen sind, eine verregnete Fashionshow – solche Petitessen bringen sie nicht aus der Ruhe. Nervenstärke, Pragmatismus, Motivationskunst – solche Qualitäten reifen wohl eher in einem trubeligen Familiensitz heran als im Junggesellen-Refugium eines Ästheten. „Ich liebe Frauen, ich feiere sie und ich designe für Frauen“, sagte sie mit großem Nachdruck im NBC-Interview. Gerade deshalb übernimmt sie auch von Männerschnitten, was Frauen stärkt, Jacketts zum Beispiel. „Du ziehst es an und denkst: Ja, come on! – Du fühlst dich anders.“

Die Kinder beeinflussen die Kreationen

Unisex und Uniform-Anleihen, Kleider, die Frauen stärken und stützen – darum geht es designenden Müttern. Tragbarkeit und Bewegungsfreiheit vereint sie alle. Sie bauen Kollektion für Kollektion an Garderoben, deren Teile zusammenpassen, ohne dass ihre Trägerinnen lange nachdenken und rumprobieren müssen. Sie haben alle ihren eigenen Kopf und eine eigene Handschrift, die wiedererkennbar ist – und modische Kapriolen vermeidet.

Ihre Kleider erzählen von ihrem Leben und von dem, was sie brauchen. Phoebe Philo sagt: „Wir hatten eine Periode, in der Designer sich ziemlich weit entfernt hatten von dem, was sie taten.“ Eine Menge Bullshit sei dabei entstanden, aber auch Inspirierendes. Jetzt aber gehe es darum, Frauen etwas anzubieten, als Korrektiv zur Welt, in der wir leben.

Manchmal sind das offenbar Schlappen- Schuhe. Wie gesagt, Philo nimmt sie nicht zum ersten Mal in eine Kollektion. Als sie nach der letzten Babypause zurückkam, schockte sie die Modewelt mit puscheligen Tretern. Flache Sandalen, pelzbesetzt oder mit Fellfußbett. „Das kam wohl, weil ich viel zu Hause war und ein Baby stillte“, sagte sie. Darüber nachgedacht habe sie nie – bei Müttern regiert eben auch der Instinkt.

Autor: Hiltrud Bontrup

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Quelle: Petra, Ausgabe 03/2014