Designermode Wer sind Carol Lim und Humberto Leon

Lange Jahre galt das Label als angestaubt, dann hauchten die Designer Carol Lim und Humberto Leon der Marke neues Leben ein und entfachten einen wahren Hype – wie schafft man das?

Kenzo

Selbst die Chefs des Mutterkonzerns LVMH liebten Lim und Leon von Anfang an. Die Entscheidung für sie sei binnen zwei Tagen gefallen, erzählen die zwei Designer. Allerdings waren die beiden 38-jährigen Amerikaner keine Unbekannten in der Branche. Sie kannten sich aus Berkeley, wo Lim Wirtschaft studierte und Leon bildende Kunst. Die beiden stromerten gemeinsam durch Shoppingmalls und Vintage-Läden, teilten ihre Leidenschaft für Mode, sprachen stundenlang über wechselnde Strömungen und Trends. 2002 eröffneten sie in New York die erste Boutique ihrer Kette Open Ceremony. Die persönliche und zugleich weltumspannende Note macht die Läden bis heute zur Kultadresse: Sie bieten Kollektionen wechselnder junger Designer aus allen Kontinenten, die Lim und Leon danach auswählen, ob sie wohl ihren Freunden gefallen.

Die Anfänge als Modedesigner

Die eigene Linie, für die anfangs nur Leons Mutter strickte, ist ansehnlich gewachsen und schwer gefragt. Die Designer kooperieren mit anderen Labels, und sie arbeiten mit modeaffinen It-Girls wie der Schauspielerin Chloë Sevigny, die jetzt bei Open Ceremony ihre erste Kollektion gelauncht hat. Als Models fungieren gern die eigenen Verkäuferinnen, und wenn andere Kreative für die Kette arbeiten, interviewen Lim und Leon sie gern für ihr Blog zu Lieblingsbands und Jugenderinnerungen. Nach zehn Jahren Erfolg mit ihren Boutiquen brauchten die beiden eine neue Aufgabe und traten bei Kenzo gegen rund 30 andere Bewerber an.

Die Neuinterpretation von Kenzo

Lim und Leon zeigten ihre Ideen, wie sie die Marke neu interpretieren würden und – ebenso überzeugend – wie sie das ganze Kenzo-Universum umkrempeln würden. Den Onlineshop, das Merchandising, das Blog und die Posts, die Läden, die Preise. "Wir kontrollieren alles selbst", sagte Leon. Die Reisen, die Takada einst unternahm, treten sie auch selbst an, in der realen Welt ebenso wie in der virtuellen. Musik, Filme, Essen, Kontakte – die Zusammenarbeit mit anderen Marken macht einen großen Teil der Arbeit aus. Und sie hilft, junge Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Die klassischen Vans-Sneakers oder Basecaps von New Era mit Kenzos Augen- und Tigermotiven ködern all jene, die eher zu Streetwear-Kultlabeln greifen als zur Couture. Auch nicht zu vergessen: Kenzo senkte die Preise. Die ganze Demokratisierung der Marke ergäbe keinen Sinn, wenn nur gut verdienende Mittdreißiger ihre satten Gehälter in eine 600-Euro-Bluse investieren könnten. Aber eine Bluse für 260 Euro oder ein Sweatshirt für 200 Euro leisten sich auch Jüngere, wenn sie wirklich scharf drauf sind. Mit dieser Strategie steht Kenzo nicht allein: Auch Acne und das ebenfalls verjüngte Carven setzen auf bezahlbare und tragbare Kleider. Schon greift die Fashioncrowd erfreut zu und dankt die Preispolitik mit lobenden Kritiken.

Mode soll Spaß machen

Eine Marke und ihre Geschäfte sollten einladend wirken, das finden die Kenzo-Designer wichtig. Es soll Spaß machen, in ihren Läden zu stöbern, und es sei auch in Ordnung, nichts zu kaufen. Genauso wie es Spaß machen soll, sich durch die Website zu klicken und mit dem Mauszeiger die Logo-Buchstaben durcheinanderzuwirbeln. Kenzo ist ein Label, das sich nicht so ernst nimmt wie viele altehrwürdige Couture-Häuser. Es liefert Mode zum Anfassen, für Freunde. Und diese Freunde dürfen sich ganz auf der Höhe der Zeit und eng verbunden mit der In-Crowd der Metropolen fühlen. Lim und Leon vernetzten alles und jeden: Popkultur, Hochkultur, virtuelle und reale Welt – und sogar den Himmel samt Wolken, Tigergöttern, religiösen Symbolen und asiatischem Tempelchic. Alles wird im Kenzo-Kosmos verwoben. Das schützende Auge schmückt unseren Mantel und passt auf unser iPhone auf. Und wenn wir das Onlinerezept "Le Tigre qui pleure“ nachkochen, dann weint der Tiger sogar in unserer Küche.

Autor: Hiltrud Bontrup