Designer-Porträt Anja Gockel - "Zu einer starken Frau gehört Leidenschaft"

Seit fast 20 Jahren ist sie groß im Geschäft. Ihre Inspiration holt sie sich von starken Frauen der Geschichte, ihre Kraft aus der Unterstützung der eigenen Familie. Wir trafen die Designerin auf der Fashion-Week in Berlin zum Interview.

Anja Gockel

Mit vor Freude blitzenden Augen und einem entspannten Lächeln begrüßt Anja Gockel mich im Backstage-Bereich des großen Runways auf der Berliner Fashion Week. In einer Stunde geht es los. Von Nervosität jedoch keine Spur. „Dank meines tollen Teams muss ich sagen, es läuft alles wie geleckt. Jeder weiß, was er zu tun hat, und von daher ist nur diese positive Anspannung da.“

Das Familien-Unternehmen

Die Leidenschaft sieht man der 45-Jährigen an. Engagiert gestikuliert sie beim Sprechen mit den Händen, um ihrer Begeisterung Nachdruck zu verleihen. In wenigen Minuten muss sie zur Probe, trotzdem nimmt sie sich die Zeit, auf alle Fragen eine fundierte Antwort zu geben. Und für ihre Familie. „Der kleinen geht’s wieder gut“, unterbricht ihr Mann kurz das Interview und beruhigt die vierfache Mutter. Die sechsjährige Tochter, die gestern noch kränkelte, ist heute wieder in der Schule. Die Familie um Anja Gockel hält zusammen. Die älteste Tochter Isabel ist inzwischen in das Unternehmen mit eingestiegen, kümmert sich um den geschmeidigen Ablauf der Events. Der Ehemann reist trotz eigener Karriere mit zu den Fashion Weeks, unterhält wartende Journalisten und stellt die Hotline zur Kinderfrau. „In der Familie ist’s wie im Unternehmen. Das Team muss zusammenhalten“, erklärt die Designerin. „Wir versuchen, so viel wie möglich gemeinsam zu machen. Und das ist denke ich auch der Grund dafür, warum es klappt, obwohl es sehr viel ist.“

Inspiriert von starken Frauen

Vier Kinder und dazu ein erfolgreiches Unternehmen, das braucht Power, die Anja Gockel zweifelsohne hat. Kein Wunder, dass sie eine steile Karriere hinlegte. Nach Modedesignstudien in Hamburg und London, arbeitete sie unter anderem für Design-Ikone Vivienne Westwood. 1996 gründete sie ihr eigenes Label Anja Gockel London, welches sich seitdem erfolgreich entwickelt und über die Jahre international große Bekanntheit erlangte. Aber Anja Gockel ist nicht nur selbst ein starkes, weibliches Vorbild, sie bewundert auch besondere historische Frauen und lässt sich von ihnen immer wieder zu ihren Designs inspirieren. Doch was macht eine starke Frau aus? „Für mich gehört zu einer starken Frau Leidenschaft dazu. Ich finde das ist so das Thema von uns Frauen. Dass wir leidenschaftlich sein können, aber auch eine Klarheit und Kontinuität in dem haben, was wir im Leben schaffen wollen. Diese Menschen bewundere ich immer am allermeisten, die ihr Thema im Leben gefunden haben und dem einfach kontinuierlich und ganz klar in diese Richtung folgen.“ Für die letzte Kollektion stand die Künstlerin Frida Kahlo Pate, jetzt hat eine Nonne als Muse gedient. „Hildegard“ heißt die florale Herbst/Winter-Kollektion 2014/2015. „Hildegard von Bingen lebte im Mittelalter und wurde 2012 heilig gesprochen. Sie war eine großartige Frau, die sehr modernes Gedankengut hatte. Sie wollte gleiche Rechte für Frauen und hat auch das Thema Sexualität nicht tabuisiert, wie es die Kirche damals getan hat. Diese Modernität wollte ich für die heutige Zeit interpretieren und diese Vision reinbringen, einen klaren Weg in seinem Leben zu finden, der einem immer wieder die nächste Tür öffnet.“

"Zum Stil gehört in erster Linie der Charakter"

Gerade der Blick nach vorne, der Wille zur Weiterentwicklung ist ihr dabei sehr wichtig. Denn Kontinuität darf nicht dogmatisches Festhalten an einer Idee oder einem Stil sein. „Ich meine eine kreative Art von Kontinuität, dass ich mich immer wieder neu entdecke. Ich finde Kleidung hat ja auch was mit meiner Aura, mit meiner Ausstrahlung mit meinem Menschsein zu. Zum Stil gehört in allererster Linie einmal der eigene Charakter. Und da haben wir Menschen das Glück, dass wir mit unserem Äußeren spielen können. Und dann ist Mode nämlich gar nicht oberflächlich.“ Dass sie sich in Sachen Mode nicht dem Diktat der Masse unterwirft, sieht man auch an ihren Models. Auf ihren Schauen laufen nämlich keine Size-Zero-Mädchen über den Laufsteg, sondern nur Frauen, die mindestens Größe 36 tragen. Seit Januar 2013 geht die gebürtige Mainzerin sogar noch einen Schritt weiter und lancierte mit „Woman I am by anja gockel“ ein Label für Übergrößen. „Nur weil man 10 oder 20 Kilo mehr wiegt, hat man trotzdem genauso viel Lust auf Mode“, erklärt die Designerin diesen Schritt. „Aber man findet viel weniger. Und diesen Bedarf möchte ich decken. Es ist möglich, in jeder Körpergröße Stil zu haben und ich möchte die Kleidung dafür entwickeln und diese Frauen sexy, schön und stilvoll anziehen.“ Und das ist gar nicht so schwer. Schnell gibt sie uns noch ein paar Styling-Tipps, wie man sich auch mit einer Übergröße schick kleidet: „Man sollte bei den großen Größen einfach das betonen, was besonders schön ist, und das ist meistens das Gesicht, Dekolleté und die Schultern und den Rest so ein bisschen wegkaschieren. Toll sind zum Beispiel auch lange Blusen in hochwertigen Stoffen, da sie Problemzonen kaschieren und trotzdem lässig elegant sind."

Die Modenschau als Gesamtkunstwerk

Und dann geht es los. Kunstnebel und abgedunkeltes Licht verbreiten eine mystische Stimmung im große Zelt am Brandenburger Tor. Ein Model mit Kerze, in eine transparente Kutte mit Blumenmuster gehüllt, eröffnet die Hildegard von Bingen gewidmete Schau. Denn die Fashion-Week Runway-Happenings von Anja Gockel sind nicht nur Kollektionspräsentationen, sondern durchgestylte Gesamtkunstwerke. „Eine Modenschau ist wie ein Maler, der ein Bild malt. Nur dass dieses Bild nicht auf eine Leinwand gemalt wird, sondern in 20 Minuten auf dem Runway gezeichnet wird. Da gehört das Licht, die Inszenierung und natürlich – ganz wichtig – die Musik dazu. Wir haben extra eine Musik choreographieren lassen. Und ich erhoffe mir, dass ich so die Atmosphäre schaffen kann, die ich haben möchte.“ Und wie sieht eine von einer Nonne inspirierte Kollektion aus? Vor allem ist sie in gedeckten Tönen gehalten. Florale Prints und Spitze evozieren ihren Ruf als Kräuter-Kennerin, Akzente aus Leder und Fell erinnern an mittelalterliche Kleidungsgewohnheiten und immer wieder taucht auch das Kreuzmotiv auf. Sie wollen sich einen eigenen Eindruck verschaffen? Werfen Sie hier einen Blick auf die Kollektion.

Autor: Judith Schröder

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