Designer Es geht um die Suche nach dem Extremen

Gratulation! Die renommierte Modeakademie in Antwerpen feiert ihren 50. Geburtstag. Wir warfen einen Blick in die heiligen Hallen des Fashion-Tempels und machten danach noch einen Rundgang durch die Stadt.

Modemuseum

Es geht um die Suche nach dem Extremen, dem Außergewöhnlichen, nicht um das Tragbare. Eine schwierige Aufgabe. Davon weiß der Student Dimitri Arvanitis ein Lied zu singen. "Es ist kein Zuckerschlecken, meine Familie habe ich seit sieben Monaten nicht mehr gesehen, gutes Zeitmanagement ist wichtig", sagt der schlanke in Schwarz gekleidete Mann mit dem gestutzten Vollbart. "Wer ist bereit, am Wochenende bis vier oder fünf Uhr morgens an der Nähmaschine zu sitzen, wer hat die Kraft dafür, wer will es unbedingt?" Der deutsche Student ist in seinem vierten Jahr, dem letzten. Nur wenige schaffen es so weit.

Eine radikale Auslese

Etwa 700 Leute haben in Dimitris Jahrgang den Aufnahmetest gemacht, davon wurden gerade mal 70 aufgenommen. Jetzt sind noch 14 Studenten übrig. Eine radikale Auslese. Einige werden es in die großen Häuser schaffen, "andere bleiben in Antwerpen, arbeiten tagsüber an ihren Kollektionen und abends in einer Bar". Dimitri hält einen Bügel mit einem violetten Mini-Pelzrock in die Höhe, einzelne rosa gefärbte Fellbüschel stechen hervor. "Nein", der Rock sei keineswegs für Frauen gemacht, sagt er und streichelt über den Pelz, "das tragen meine Männer." Unterstützung bekommen die jungen Designer vom Flanders Fashion Institute, das Aufträge vermittelt, Workshops organisiert und die Nachwuchstalente zu den Modenschauen nach New York und Paris schickt. Und auch die erfahrenen Designer setzen sich für die nachfolgende Generation ein, geben Workshops, stehen als Paten zur Seite. Raf Simons etwa, Chefdesigner von Dior, ist für die Studenten per Mail erreichbar.

Es ist nicht elicht, etwas neues zu entwerfen

Letztes Jahr hat Dries Van Noten einen Studenten direkt nach der Abschlussshow in sein Team rekrutiert. Ein Glückstreffer. Und Dimitri durfte zwölf Silhouetten für die diesjährige Abschlussshow der Akademie entwerfen, sie erinnern an bunte Tiere: eingefärbte Fuchspelze und Springbockfelle, natürliche Materialien künstlich aufgemotzt, simple Schnitte, zumeist mit einem Twist, einem überraschenden Detail. Es sei nicht leicht, etwas Neues zu entwerfen. "Wir leben im 21. Jahrhundert – es ist alles schon mal da gewesen." Ob er nach seinem Abschluss in Antwerpen bleibt, ist ungewiss. Wen es nicht zum Studieren in die Stadt zieht, der kommt zum Shoppen. Während der Stock-Sales im Frühjahr und Herbst kann man in den Outlets hervorragend nach heruntergesetzten Schmuckstücken stöbern. Hochkarätige Designer wie Stephan Schneider und Christoph Broich verkaufen dann ihre auslaufende Kollektion mit Rabatten bis zu 90 Prozent.

Shopping-Paradis Antwerpen

Exklusive Modeschnäppchen, die es nicht nur in den Geschäften der Designer, sondern auch in Pop-up-Stores zu kaufen gibt. Die verstecken sich oft an ungewöhnlichen Orten, wie dem Huis Happaert, einem eleganten Stadthaus aus dem 16. Jahrhundert in der Happaertstraat. Noch immer ist in der Modestadt altes Handwerk gefragt, wie in der Ganterie Boon in der Lombardenvest. Das holzvertäfelte Innere des 1884 eröffneten Handschuhgeschäfts versprüht historisches Flair, in den Holzregalen stapeln sich grüne abgewetzte, handbeschriftete Kartons, in denen Hunderte von Handschuhen aufbewahrt werden. Einfarbige schlichte Modelle für jeden Tag, die gelochte Variante zum Cabrio-Fahren, extravagante Varianten in Schlangenleder-Optik. Die Manufaktur ist über die Grenzen Belgiens hinaus für ihre Handschuhe aus Peccary-Leder bekannt, eine begehrte Rarität, die in stundenlanger Handarbeit mit bis zu 2000 Stichen genäht wird. Kostenfaktor: 100 Euro aufwärts.

Wer Geld sparen will, atmet einfach den Duft der Mode ein, den diese Stadt an unerwarteten Stellen versprüht. In dem Antiquitätenladen Tante Brocante in der Kloosterstraat stehen neben Milchkannen und Hirschgeweihen ein Dutzend französische Schneiderpuppen, aufgereiht wie Zinnsoldaten. Sie alle ziert der Stempel "Couture – Faubourg Saint Honoré", es handelt sich um Originale von der weltweit wichtigsten Einkaufsstraße in Paris. Wenige Häuser weiter bekommt die Liebe zur Mode einen selbstmörderischen Zug: Etwa zwanzig unbekleidete Schaufensterpuppen stehen auf den Fenstervorsprüngen eines dreistöckigen Hauses – ohne Arme und Beine. Kunst für Fashionfreunde. Und in der St. Andreaskirche in der Sint-Andriesstraat schmückte Ann Demeulemeester die Madonna mit einem hellen paillettenbestickten Gewand mit schwarzen Fransen und Federkragen. Antwerpen halt. Erlaubt ist, was anders ist. Und das hoffentlich noch sehr lange.

Autor: Wiebke Brauer