
Über Körper zu sprechen, ist komplizierter, als es zunächst klingt. Besonders dann, wenn es um Gewicht, Figur oder Kleidergrößen geht. Zwischen „curvy“, „Plus Size“, „mollig“, „füllig“ und „große Größen“ liegen schließlich nicht nur sprachliche Unterschiede. Manche Begriffe fühlen sich neutral an, andere positiv und wieder andere tragen Bewertungen mit sich, die niemand bestellt hat.
Nicht jeder Körper braucht einen Kommentar
Für Kommentare über das Aussehen gibt es eine erstaunlich hilfreiche Faustregel: Lässt sich etwas innerhalb weniger Sekunden verändern, kann ein Hinweis sinnvoll sein. Ein Krümel im Mundwinkel? Klar. Ein verdrehter Kragen? Danke für den Hinweis.
Körpergröße, Gewicht, Haut, Haare oder körperliche Merkmale gehören dagegen nicht in diese Kategorie. Trotzdem scheinen manche Menschen das Gefühl zu haben, dass ein sichtbarer Körper automatisch zur öffentlichen Diskussionsfläche wird.
Das betrifft keineswegs nur Frauen mit größeren Konfektionsgrößen. Auch einer sehr schlanken Frau zu sagen, dass sie „ruhig ein bisschen zunehmen könnte“, kann verletzend sein. Vielleicht versucht sie genau das bereits. Vielleicht ist ihr Gewicht genetisch bedingt. Vielleicht möchte sie schlicht nicht darüber sprechen.
Ähnlich schwierig ist ungefragtes Lob für Gewichtsverlust. Wir wissen nicht, warum sich ein Körper verändert hat. Deshalb ist „Du siehst glücklich aus“ häufig das schönere Kompliment als „Du bist aber dünn geworden“.
Figuren und Modekritik
Noch deutlicher zeigt sich das Problem beim Thema Kleidung. Frauen mit Kurven kennen Sätze wie „Mit deiner Figur würde ich das nicht tragen“ oder „Das Kleid trägt ganz schön auf“. Auffällig ist dabei, dass häufig nicht über das Kleid gesprochen wird, sondern darüber, welcher Körper angeblich das Recht hat, es zu tragen.
Dabei sollte Mode genau das Gegenteil ermöglichen: Persönlichkeit zeigen, ausprobieren, Spaß machen und im besten Fall dafür sorgen, dass wir uns gern im Spiegel ansehen. Mode sollte ein Ausdruck der Persönlichkeit und nicht bloß eine Frage einer vermeintlich perfekten Silhouette sein.
Ein Crop-Top braucht deshalb keinen flachen Bauch. Ein enges Kleid keine bestimmte Konfektionsgröße. Und kräftige Farben verlangen keinen bestimmten Figurtyp. Ein Kleidungsstück muss vor allem einer Person gefallen, die es trägt.
Curvy, Plus Size oder große Größen?
Ganz ohne Begriffe funktioniert es trotzdem nicht. Besonders in der Mode braucht es Kategorien, damit Kunden passende Größen finden können. Genau an diesem Punkt beginnt die spannende Frage: Welche Bezeichnung beschreibt eigentlich nur und welche bewertet gleichzeitig?
Die Sprache hat sich über Jahrzehnte verändert. Eine aktuelle Marktanalyse zur Vielfalt in der Damenmode von Ulla Popken zeigt unter anderem diesen Begriffswandel. Bezeichnungen wie „Übergröße“, „mollig“ und „füllig“ standen oder stehen neben Begriffen wie „große Größen“, „Plus Size“ und „Curvy“. Gleichzeitig macht die Analyse deutlich, dass hinter der sprachlichen Abgrenzung noch immer eine ganz praktische steckt: Die untersuchten Modesortimente bieten mit steigender Konfektionsgröße deutlich weniger Auswahl.
Das ist interessant, weil Sprache und Angebot hier eng miteinander verbunden sind. Sobald bestimmte Körper im Modehandel als Abweichung von einer vermeintlichen Norm behandelt werden, entstehen zwangsläufig Begriffe für diese Abweichung. Dabei zeigt dieselbe Marktanalyse, dass Größe 38 keineswegs die selbstverständliche gesellschaftliche „Normgröße“ ist, als die sie lange dargestellt wurde.
Vielleicht liegt das eigentliche Problem deshalb weniger darin, dass es das Wort „Plus Size“ gibt. Problematischer ist die Vorstellung, dass es auf der einen Seite normale Körper und auf der anderen Seite besonders zu kennzeichnende Körper geben müsse.
„Mollig“ klingt nicht automatisch freundlicher
Ein Begriff wird nicht sensibel, nur weil er niedlich klingt. „Mollig“ sollte ursprünglich vielleicht freundlicher wirken als „dick“, kann aber ebenfalls verniedlichend oder wertend ankommen. „Übergröße“ wiederum wirft sofort die Frage auf: über welcher Größe eigentlich? Und wer definiert diese Grenze?
„Plus Size“ hat sich besonders im Modebereich etabliert und funktioniert dort als relativ klare Kategorie. „Curvy“ klingt für viele positiver und selbstbewusster, beschreibt aber streng genommen keine Konfektionsgröße. Schließlich kann auch ein schlanker Körper ausgeprägte Kurven haben.
„Große Größen“ ist vergleichsweise sachlich, bleibt allerdings ebenfalls eine Einordnung. Deshalb gibt es nicht den einen Begriff, mit dem sich jeder Mensch gleichermaßen wohlfühlt.
Entscheidend ist der Kontext. Ein Onlineshop muss Größenbereiche benennen. Ein Modeartikel kann erklären, für welche Konfektionsgrößen eine Kollektion erhältlich ist. Im privaten Gespräch besteht diese Notwendigkeit meistens nicht.
Muss die Figur überhaupt erwähnt werden?
Vielleicht ist genau das die wichtigste Frage. Bevor wir nach dem perfekten Begriff suchen, können wir überlegen, ob wir die Figur eines anderen Menschen überhaupt beschreiben müssen.
Statt „Das Kleid steht dir trotz deiner Kurven richtig gut“ reicht schließlich ein begeistertes „Das Kleid steht dir richtig gut“. Statt „Du bist mutig, dass du so etwas Enges trägst“ funktioniert „Ich liebe deinen Look“. Das Kompliment verliert nichts, nur die ungefragte Bewertung des Körpers verschwindet.
Und falls eine Beschreibung tatsächlich notwendig ist, etwa beim Modeshopping, bei Größenberatungen oder in redaktionellen Texten, helfen sachliche Begriffe und konkrete Konfektionsgrößen häufig mehr als vermeintlich charmante Umschreibungen.
Sprache allein löst natürlich nicht sämtliche Probleme rund um Schönheitsideale und Bodyshaming. Sie kann aber zeigen, welche Haltung dahintersteht. Ein Körper ist schließlich keine Einladung zur Analyse. Manchmal besteht der respektvollste Umgang mit einer Figur ganz einfach darin, sie nicht zu kommentieren.